Bedingungsloses Grundeinkommen : Monatlich 1000 Euro für lau

„Platz für Kreativität“: Michael Bohmeyer testet das Grundeinkommen.
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„Platz für Kreativität“: Michael Bohmeyer testet das Grundeinkommen.

Berliner testet bedingungsloses Grundeinkommen – und verlost 12 000 Euro / Was würden Sie machen?

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26. Juli 2014, 07:41 Uhr

Barfuß und mit einem abgewetzten Jutebeutel über der Schulter tritt der Berliner Michael Bohmeyer auf, um seine politischen Ideen zu verteidigen. Es geht um viel Geld: Was würde passieren, wenn alle Menschen vom Staat plötzlich ein Grundeinkommen ohne Bedingungen bekämen? „Probieren wir es aus!“, sagt Bohmeyer keck. Der 29-Jährige hat die Initiative „Mein Grundeinkommen“ gegründet. Per Crowdfunding will der Verein aus Kreuzberg 12 000 Euro sammeln, um sie anschließend zu verlosen: Ein Mann oder eine Frau soll ein Jahr lang das Grundeinkommen im echten Leben ausprobieren – mit monatlich 1000 Euro. Eine Gegenleistung muss nicht erbracht werden. Über 300 Menschen hätten das Projekt bereits mit Spenden unterstützt, sagt Bohmeyer, teils mit Kleinstbeträgen. Das zeige, wie groß das Interesse sei.

1000 Euro zusätzlich im Monat scheinen verlockend: „Ich würde meine Doktorarbeit fertig schreiben und einen Bonbonladen aufmachen“, schwärmt ein Unterstützer. „Ich würde Karl Marx lesen, Flüchtlingen helfen und jeden Tag Yoga machen“, meint ein anderer.

Das bedingungslose Grundeinkommen gilt als revolutionäre Idee vor allem linker Politiker und Intellektueller. Die Piratenpartei, aber auch Teile der Grünen und der Linken fordern ein solches Bürgergeld. Ein prominenter Vorkämpfer ist auch Götz Werner, Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm. Kern des Konzepts: Arbeit und Einkommen werden entkoppelt. Wer sich mehr leisten will, soll sich die entsprechende Arbeit aussuchen, ohne den Anspruch auf das Grundeinkommen zu verlieren.

Er selbst lebe preiswert, sagt Bohmeyer. Zeit zu haben sei ihm wichtiger als Geld. Mit Frau und Tochter lebt der 29-Jährige in einer kleinen Mietwohnung, mittags speist er in einer Sozialküche. Bohmeyer ist Webentwickler, gründete ein Internet-Startup. Als Inhaber verdient er nun monatlich knapp 1000 Euro, ohne selbst mitarbeiten zu müssen. Dieses „Schmalspur-Grundeinkommen“ habe sein Leben radikal verändert. Nach seiner Ansicht ist es ein Irrglaube, dass Menschen mit einem Grundeinkommen nur noch die Füße hochlegen würden. Vielmehr würden Freiräume geschaffen, Platz für Kreativität und Schaffensdrang. „Im bedingungslosen Grundeinkommen schlummert eines der größten Potenziale, unsere Gesellschaft einen Schritt nach vorne zu bringen.“

Alexander Spermann würde dem nicht einmal widersprechen. Die Quote der Langzeitarbeitslosen sei seit Jahren konstant hoch, viele Menschen ohne Berufs- und Schulabschlüsse perspektivlos – „unser gegenwärtiges soziales Sicherungssystem muss sicherlich weiterentwickelt werden“, sagt der Experte vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Spermann beschäftigt sich seit Jahren mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und ist nicht abgeneigt. Versuche in Namibia etwa hätten gezeigt, dass Menschen keineswegs in Lethargie verfielen. „Im Gegenteil: Sie nehmen plötzlich Dinge in die Hand, die man ihnen gar nicht zugetraut hätte.“

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens
Beim bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) wird allen Bürgern ein staatlich finanziertes Einkommen zugesichert – ohne Verpflichtung zur Arbeit oder zu anderen Gegenleistungen. Andere staatliche Zahlungen wie das Arbeitslosengeld oder das Kindergeld entfallen dafür. Befürworter der Idee argumentieren mit der individuellen Freiheit und Selbstverwirklichung. Zudem bliebe mehr Zeit für soziales Engagement. Kritiker lehnen die Förderung nach dem Gießkannenprinzip ab. Auch gilt das BGE bei vielen Volkswirtschaftlern als nicht finanzierbar. Schließlich wird befürchtet, dass bei einem Grundeinkommen von etwa 1000 Euro monatlich kaum noch jemand anstrengende oder schlecht bezahlte Jobs machen würde.
 

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