zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

13. Dezember 2017 | 17:53 Uhr

Kundentäuschung : Mogelei im Verkaufsregal

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Cappuccino ungesüßt – mit 50 Prozent Zucker" - Verbraucherschützer warnen vor Kundentäuschung auf Lebensmittelverpackungen. Jeder zweite Hersteller reagiert auf Kritik

svz.de von
erstellt am 13.Jul.2016 | 20:45 Uhr

Für aufmerksame Verbraucher  ist die Verwirrung komplett: Käse Müritzer – cremig und würzig aus „dem Herzen Mecklenburg-Vorpommerns“, aber  laut Etikett in  Schleswig-Holstein  oder Niedersachsen  hergestellt. Rücker  – Alt-Mecklenburger Käse aus dem ostfriesischen Aurich oder  Grüner Tee mit Zitrone, der aber mehr Apfelsaft und Apfelsaftkonzen-trat als Zitronensaft enthält, und ein Couscous-Salat ohne Couscous – bei deutschen Lebensmittelherstellern wird getäuscht, gemogelt und Verbrauchern falsche Versprechen gegeben. Größter Aufreger unter den Produktmeldungen mit Täuschungspotenzial seien irreführende Zutatenversprechen, hat die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) festgestellt. „Hersteller nutzen den gesetzlichen Spielraum zu oft für ihre Marketingzwecke aus – zu Lasten einer wahren und klaren Information“, kritisierte vzbv-Chef Klaus Müller gestern in Berlin. Seit fünf Jahren sammeln die Verbraucherschützer auf der Internetseite Lebensmittelklarheit.de Kundenbeschwerden rund um die Aufmachung und Kennzeichnung von Lebensmitteln.

Das kommt an: 80 000 Verbraucher nutzen den Produktcheck monatlich.  Pro Woche meldeten Verbraucher im Schnitt 13 Produkte, durch deren Aufmachung sie sich getäuscht fühlen, bilanzierten die Verbraucherschützer nach fünf Jahren Aufdeckungsarbeit. Insgesamt hätten Kunden binnen der fünf Jahre 9000 Produkte gemeldet. Von 788 Artikeln wurden die Mängel nach entsprechender Prüfung auf dem Lebensmittel-Portal bekanntgemacht. Die Mängelliste ist lang: In 43 Prozent der 2015 gemeldeten 182 Getäuscht-Meldungen ließ die Verpackung mehr von einer Zutat erwarten, als enthalten war. 21 Prozent der Verbraucher kritisierten die Kennzeichnung als nicht informativ oder transparent genug.

Der Marktcheck zeigt indes Wirkung: Viele Hersteller haben auf die Mängelliste reagiert, andere nicht. Die Kritik der Verbraucher finde Gehör, begrüßte vzbv-Chef Müller die Herstellerreaktionen. Zum Beispiel bei der Vielanker Brauerei in Westmecklenburg.  Mit einer Blaubeer-Fassbrause „aus dem mecklenburgischen Biospährenreservat, in dem das Wasser noch rein und der Geschmack noch natürlich“ sei – „naturbelassene Produkte“ warb der Getränkehersteller. Nur: Die Zutatenliste offenbarte etwas anderes. Zur Produktaussage passte der Einsatz des künstlichen Farbstoffs E 151 nicht. Ein Fehler, gestand die Firma und stellte die Zutatenliste um. Seit Mai werde die Brause ausschließlich mit „natürlichen Zutaten produziert“, statt Farbstoff werde ein Konzentrat aus Karotte und Hibiskus eingesetzt, sagte Anja Rabe von der Geschäftsleitung gestern.

Einsicht auch in der Rücker-Molkerei in Wismar: Der „Alt-Mecklenburger“ aus der Hansestadt wurde bislang als Käse vom Rücker Hauptsitz  im niedersächsischen Aurich verkauft. Inzwischen sind die Etiketten geändert und wird der Käse als Produkt der Ostseemolkerei Wismar verkauft. 

So wie das Vielanker Brauhaus und  die Rücker-Molkerei reagierte jedes zweite kritisierte Unternehmen. Von den 2014 gemeldeten 124 Produkten  mit Täuschungspotenzial passten die Verarbeiter  47 Prozent nach der Kritik an. „In jedem dritten Fall wird die Kritik ignoriert“, bemängelt Müller: „Das ist ein Drittel zu viel.“

Andere Hersteller sitzen die Kritik offenbar aus:  Das Deutsche Milchkontor Bremen mit seinem Milchwerk im mecklenburgischen Waren  lässt ihren „Müritzer“ zwar in Waren herstellen, aber wegen einer fehlenden Aufschneideanlage in Waren ins 400 Kilometer entfernte Edewecht in Niedersachsen oder nach Nordhackstedt in Schleswig-Holstein transportieren und dort aufschneiden, teilt das Unternehmen den Kunden auf Lebensmittel.de mit. Der Käse wird schließlich als niedersächsisches oder schleswig-holsteinisches Produkt verkauft – legal, aber verwirrend.

Für vzbv-Chef Müller gibt es keine Diskussion: „Was drauf steht, muss drin sein, und was drin ist, muss drauf stehen“, forderte er gestern. Von den Herstellern verlangte er realistische Produktabbildungen und  eine Zutatenliste auf dem Etikett, die den tatsächlichen Inhalt widerspiegelt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen