Fritz-Reuter-Schüler setzen Zeichen : Mobbing: Schulweg in die Angst

Gegen gewalttätige Attacken wehren: Das lernten die Schüler be Markus Fuhrmann, Trainer bei Kimura Karate.
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Gegen gewalttätige Attacken wehren: Das lernten die Schüler be Markus Fuhrmann, Trainer bei Kimura Karate.

"Mobbing, wir sind dagegen?!" - am Montag war genau dies an der Regionalen Schule nach der dritten Stunde einziges Thema. Ein großes und wichtiges, weil es (nicht nur) an Schulen die schöne heile Welt längst abgelöst hat.

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01. Mai 2012, 06:53 Uhr

Parchim | "Mobbing, wir sind dagegen?!" - am Montag war genau dies an der Regionalen Schule Fritz Reuter nach der dritten Stunde einziges Thema. Ein großes und wichtiges, weil es (nicht nur) an Schulen die schöne heile Welt längst abgelöst hat. Mobbing ist vielschichtig, Mobbing entsteht immer dort, wo es um Macht geht und es hält sich, wo Kollegialität stirbt. Vor allem aber ist Mobbing eines - eine nie zu enden scheinende Quälerei seiner Opfer, die sich allein fühlen, verletzt, gedemütigt, ausgeliefert und die in aller Regel Angst haben. Der Begriff stammt aus dem Englischen (to mob) und bedeutet anpöbeln.

Die Brisanz der an so vielen deutschen Schulen eskalierenden Thematik vor Augen - man geht davon aus, dass täglich etwa 500 000 Mädchen und Jungen an deutschen Schulen Opfer von Mobbing werden - sind die Schülersprecher/innen der Reuter-Schule einen ganz logischen Schritt gegangen: Sie machten eine dreistündige Schülervollversammlung (das ist die höchste Form der Demokratie an einer Schule) zum Podium für dieses wichtige Thema. "Wir sind der Meinung, die Schüler sollten lernen, wie sie mit Mobbing umgehen, und was sie dagegen unternehmen können. Denn jeder wird irgendwann mal damit konfrontiert, sei es direkt oder indirekt", sagte Dilek Carkaci, Vorsitzende des Schülerrates bei der Eröffnung. "Lasst uns deshalb heute und auch künftig Zeichen gegen Mobbing setzen und dafür sorgen, dass es an unserer Schule nicht zum Problem werden kann."

Die Monate langen Vorbereitungen, bei denen Dilek und ihr Sprecherteam unterstützt von Schulsozialarbeiterin Ingrid Weiß sich auch der Unterstützung von außen versicherten, in dem sie Mitarbeiter von Einrichtungen oder Institutionen gewannen, die in ihrer täglichen Arbeit mit der Thematik befasst sind, haben sich gelohnt. Gericht, Polizei, AWO Häusliche Gewalt, Psychologische Beratungsstelle, das Theater, die Schweriner Volkszeitung, Jugendclub und Sportverein, die AST, die Bibliothek, der Schulförderverein - sie alle waren vertreten.

Und so tauchten 194 Schüler ein in das Thema. Zunächst jede Klasse für sich bei dem Film "Schulweg in die Angst". Nachgespielte Szenen, die tief unter die Haut gehen, Tränen in die Augen treiben: Alex (15), ein echtes Mobbing-Opfer, das seinen Schulalltag, die jahrelangen Attacken der Mitschüler und seine Angst schildert. Alex’ Eltern, die sehen, wie sich ihr Sohn verändert, wie er krank wird, die mit ihm leiden, aber nahezu ohnmächtig sind, weil die Lehrer wegsehen. Dabei steht Alex - eigentlich ein ganz normaler Junge - exemplarisch für jedes sechste Schulkind, jeden sechsten Jugendlichen, der in deutschen Schulen leidet.

Wie das möglich ist? Mobbing nicht im Keim erstickt, entwickelt eine Eigendynamik, hat buchstäblich so viele Fans wie ein Fußball-Länderspiel. Das fatale, Mobbing möglich machende: 90 Prozent, auch das belegen aktuelle Zahlen, schauen weg. Aus Feigheit, aus Spaß am Zuschauen, aus Angst, selbst Opfer zu werden… Das ist der Zeitpunkt, an dem die Endlosschleife aus Gewalt, Mobbing, Täter, Opfer, Zuschauer sich zu drehen beginnt.

Der Kampf gegen Mobbing hat in Parchim begonnen. Spätestens als der Abspann des Filmes gelaufen war und in den anschließenden Workshops das Thema anderthalb Stunden ganz unterschiedlich aufbereitet wurde: Von Norbert Weber etwa, Mitarbeiter des AST, Arbeitsstelle für Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Parchim, der mit den Schülern die These "Gewalt Macht Sinn" auseinander nahm. Was sind die Folgen des Mobbings?, Warum machen Mobber das?, Wie tickt heutzutage eine Gruppe? Das ganze mündete in Strategien, sich gegen Mobbing zur Wehr zu setzen. Ohne Gewalt. Jugendrichter Matthias Manke erarbeitete mit den jungen Leuten rechtliche Konsequenzen, anderswo ging es um Fairness untereinander, um Gefühle, die Gründe von Mobbing und deren Folgen, darum, was die Schüler von ihren Eltern erwarten, Schutz vor Cybermobbing, darum, "dass wir doch eigentlich alle anders sind"…

Definitiv war es ein intensiver Schultag, der wohl auch Schüler erreichte, die über Mobbing bisher bestenfalls in der Rolle der Täterfigur nachgedacht haben. Vor allem aber ist ein Anfang gemacht, um zu zeigen, dass die Schüler gegen Mobbing sind. "Wir werden an dem Thema dran bleiben und auch in der Zukunft immer wieder neue Zeichen setzen", schloss Dilek nach der Auswertung und dankte den Workshop -Leitern für ihre große Unterstützung.

"Der heutige Tag hat sehr eindrucksvoll gezeigt, dass man sehr wohl etwas gegen Mobbing an Schulen tun kann, wenn jeder bei sich selbst anfängt", zog Ulrike Bohnstedt, Vorsitzende der Schulkonferenz, den Schlussstrich unter eine durchaus erfolgreiche Schülervollversammlung, nach der sich Lehrer und SchülersprecherInnen Seite an Seite wissen. Klassen- oder Schulwechsel, griff sie die von Schülern als letzte Alternative ins Spiel gebrachten Auswege auf, "sollten nicht für die Opfer gelten. Das sollte die Konsequenz für die Mobber sein."

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