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Tafel in Warin speist 300 Bedürftige : Mittler zwischen Mangel und Überschuss

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erstellt am 06.Jun.2013 | 02:14 Uhr

Warin | Die größte Kiste muss für neun Personen reichen - ein Elternpaar und seine sieben Kinder. Die Box daneben ist für eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern gedacht. Andere sind für Vier- oder Fünf-Personen-Haushalte berechnet. Und ein ganzer Tisch ist voller Körbe für Alleinlebende.

Graved Lachs findet sich in den Körben, Würstchen, Kartoffelsalat - "und diesmal können wir auch je ein Päckchen Kaffee ausgeben", freut sich Monika Lass. Dann hievt die Rentnerin, die zu den engagierten Mitgliedern des Vereins Wariner Tafel gehört, eine Kiste mit vakuumverpacktem Grillfleisch hoch: "Das kommt auch noch dazu." Jeanette Koch und Gabriele Hoffmann, die ebenfalls zu den besonders Aktiven im Verein gehören, sortieren derweil Wurstwaren und Joghurt in die Körbe. Auch frisches Gemüse kommt später noch dazu.

Andrang auf zwei Ausgabetage verteilt

Zweimal in der Woche, dienstags und freitags, ist Ausgabetag bei der Wariner Tafel. Insgesamt 300 Bedürftige, darunter 100 Kinder, versorgt der 16-köpfige Verein, der dahinter steht - an jedem der beiden Ausgabetage die Hälfte. "Sonst kämen wir mit den Lebensmitteln nicht hin", erklärt Vereinsvorsitzende Martina Brandenburg. Ohnehin sei es in letzter Zeit schwieriger geworden, genug Spenden zusammenzubekommen. Vor allem an Obst und Gemüse hapert es. "Aber das kennen wir schon. Zweimal im Jahr gibt es eine Flaute - keine Ahnung, warum. Da müssen wir dann verstärkt die Werbetrommel rühren - oder auf unsere Reserven zurückgreifen. Konserven und Müsli versuchen wir immer dazuhaben." Notfalls würde sie sich ans Telefon setzen und bei anderen Tafeln anfragen. "Vor allem die Rostocker haben ganz andere Möglichkeiten als wir hier in der Kleinstadt. Deshalb können sie uns öfter helfen."

Die Wariner gehört zu den Zwergen unter den 30 Tafeln in Mecklenburg-Vorpommern. Sowohl der Kreis der Bedürftigen, den sie versorgt, als auch das Spendenaufkommen sind sehr viel kleiner als in Schwerin, Rostock oder Neubrandenburg, wo mehrere tausend Menschen Hilfe suchen.

In der Kleinstadt kennt jeder fast jeden

Bedürftige in großen Städten bleiben anonym, wenn sie sich ihre Lebensmittel abholen. In Warin und den umliegenden Gemeinden dagegen kennt jeder fast jeden. Als die Wariner Tafel vor gut drei Jahren öffnete, nahmen deshalb zuerst auch nur 60 Menschen ihre Hilfe in Anspruch. "Viele haben sich geschämt, um Hilfe bitten zu müssen", ist Martina Brandenburg überzeugt. Mittlerweile habe sich herumgesprochen, dass es keine Schande sei, zur Tafel zu gehen. Der Kreis der Hilfesuchenden habe sich verfünffacht. Dennoch: Etwa ein Fünftel der Anspruchsberechtigten, so schätzt Martina Brandenburg, versucht weiter, allein zurechtzukommen.

"Mehr als die derzeit 300 Bedürftigen, die bei uns angemeldet sind, könnten wir allerdings auch gar nicht versorgen", sagt die Vereinschefin. Damit es gerecht zugeht, gebe es in Warin, anders als bei mancher größeren Tafel, sowieso keine Selbstbedienung. Alle bekämen vorsortierte Lebensmittelkisten. "Wir müssen Einzelne auch immer wieder daran erinnern, dass das bei uns eine Zugabe ist, kein Kompletteinkauf." Wer sich neu anmelde, müsse nachweisen, dass er tatsächlich bedürftig ist - mit dem Bewilligungsbescheid für Hartz IV, Grundsicherung oder Wohngeld. "Nur eine gefühlt niedrige Rente zu haben reicht nicht aus."

Bis vor drei Jahren existierte das nächste Angebot für Bedürftige aus Warin und Umgebung in Sternberg. "Das sind zwar nicht einmal 20 Kilometer - aber die Busverbindungen sind nicht gut. Und die Sternberger haben auch gar nicht genug Lebensmittel für so einen großen Bereich", erinnert sich Martina Brandenburg. So hätten die Wariner begonnen, selbst ein Netz von großen und kleinen Händlern und Produzenten zu knüpfen, die Lebensmittel zur Verfügung stellen. Einige Wariner überweisen dem Verein außerdem regelmäßig mit Geld - auch das hilft.

Die Sachspenden sammelt einer der beiden Ein-Euro-Jobber, die die Tafel beschäftigt, regelmäßig ein. Die Touren führen ihn dann bis Wismar und Grevesmühlen. Was er mitbringt, ist jedes Mal wieder eine Überraschung. Die Körbe sind deshalb am Freitag auch ganz anders gefüllt als am Dienstag.

1,3 Tonnen Lebensmittel pro Woche verteilt

"Freitags gibt es zum Beispiel Backwaren", erklärt Martina Brandenburg. Ein Bäcker aus Neukloster würde übriggebliebenes Brot und Kuchen für die Tafel einfrieren. In Warin würde es dann wieder aufgetaut, verpackt und ausgeteilt.

"Durchschnittlich 1,3 Tonnen Lebensmittel verteilen wir pro Woche", hat die Vereinsvorsitzende ausgerechnet. Wenn Hansano Trinkpäckchen sponsert oder das Zentrallager der Tafeln in Neubrandenburg 1000 Pizzen zur Verfügung stellt, würde das besonders ins Gewicht fallen, meint sie doppelsinnig.

Nicht jeder Bedürftige muss seine Lebensmittel übrigens nach Hause schleppen: In weiter entfernte Orte wie Tramms oder Neukloster werden Spenden auch ausgefahren.

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