zur Navigation springen

Kardiale Stammzelltherapie in Rostock : Mitten ins Herz

vom

Gesundheitsexperten und -politiker aus ganz Deutschland und verschiedenen anderen Staaten blicken heute und morgen nach Rostock, denn dort findet die 9. Nationale Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft statt.

svz.de von
erstellt am 10.Jul.2013 | 12:17 Uhr

Rostock | Gesundheitsexperten und -politiker aus ganz Deutschland und verschiedenen anderen Staaten blicken heute und morgen nach Rostock, denn dort findet die 9. Nationale Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft statt. Doch auch ohne dieses Ereignis ist Rostock ein Zentrum der Gesundheitswirtschaft: Die Arbeit am Referenz- und Translationszentrum für kardiale Stammzelltherapie (RTC) in der Hansestadt beispielsweise wird weltweit beachtet.

Nach dem Herzinfarkt wieder leistungsfähig

Jedes Jahr erleiden in Deutschland etwa 280 000 Menschen einen Herzinfarkt, über 60 000 von ihnen sterben. Die Überlebenden müssen oft große Einschränkungen ihrer Lebensqualität in Kauf nehmen, denn herkömmliche Therapien können zwar die Folgen des Infarktes mildern, aber nicht die volle Leistungsfähigkeit des Herzens wiederherstellen.

Bei der kardialen Stammzelltherapie ist das anders: Stammzellen aus dem Knochenmark des Patienten, die in speziellen Verfahren aufbereitet und in das geschädigte Herzmuskelgewebe eingebracht werden, lösen dort einen Regenerationsprozess aus. Sprich: Es bilden sich neue Muskelzellen, das Organ wird wieder leistungsfähiger - und damit auch der Patient. Forscher in mehreren Ländern arbeiten an entsprechenden Verfahren, die auch bei anderen Erkrankungen zur Anwendung kommen.

In Deutschland ist Rostock neben Frankfurt/Main das Zentrum der kardialen Stammzelltherapie. Bereits seit 13 Jahren wird hier an diesem regenerativen Behandlungsansatz geforscht, so Prof. Dr. med. Gustav Steinhoff, Direktor der Rostocker Klinik und Poliklinik für Herzchirurgie und Leiter des RTC. Seit 2001 werden unter seiner Federführung patienteneigene Stammzellen in Studien und darüber hinaus bei Herzinfarktpatienten eingesetzt.

Ein Herzinfarkt, so der Rostocker Experte, entsteht durch den Verschluss eines Herzkranzgefäßes. Er hat zur Folge, dass das umliegende Herzmuskelgewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird - es stirbt ab. Bei der kardialen Stammzelltherapie werden Stammzellen, die aus dem Knochenmark des Patienten isoliert wurden, aufbereitet und in das geschädigte Herzmuskelgewebe eingebracht. In Rostock hat man dazu ein Verfahren entwickelt, bei dem dies im Rahmen einer Bypass-Operation erfolgt, also wenn der Brustkorb ohnehin geöffnet ist. Während des Eingriffs werden die Stammzellen direkt in den geschädigten Bereich des Herzens gespritzt. Denkbar ist, dieses Verfahren auch mit dem Einsetzen von Stents zu verbinden - schon bald soll es dazu in Rostock weitere Studien geben, so Prof. Steinhoff.

Auch Firmen sind mit eingebunden

Die Stammzellen, die für die Rostocker Therapie verwendet werden, sind durch einen speziellen Marker auf ihrer Oberfläche gekennzeichnet. "Diese CD-133-positiven Stammzellen sind besonders für die Regeneration des Herzens geeignet", erklärt. Prof. Steinhoff. Isoliert werden diese Zellen mit einem Verfahren, das die in Teterow ansässige Firma Miltenyi Bioteck etabliert hat. Und noch eine weitere Firma hat sich im Umfeld der Rostocker Stammmzell-Forscher angesiedelt: Die Seracell Unternehmensgruppe, eine Ausgründung aus der Universitätsmedizin, die sich als innovativer Anbieter im Bereich der Stammzell- und Gewebetechnologie versteht.

Außerdem forscht in Rostock seit November vergangenen Jahres mit Robert David der bundesweit erste Professor für Regenerative Medizin in der Herzchirurgie. Spezialgebiet des gebürtigen Bayern ist es, Schlüsselfaktoren in der Stammzelle zu charakterisieren. Mit der Beschreibung des molekularen Markers MesP-1 ist der Biologe weltweit anerkannt. In Rostock will der Grundlagenforscher seine Erkenntnisse nun in die klinische Praxis übertragen. Ziel ist es, Methoden zu finden, wie das Gewebe im Herzen umprogrammiert wird, ohne dass genetische Eingriffe erforderlich sind.

Unter Federführung von Prof. Steinhoff läuft bereits seit 2009 eine multizentrische klinische Studie, die belegen soll, dass die Anwendung von Stammzellen nach einem Infarkt das zerstörte Gewebe wiederherstellen kann. Die Studie, in die mehrere große norddeutsche Klinken eingebunden sind, sei ein wichtiger Schritt hin zur Genehmigung des Verfahrens als standardisierte und qualitätsgesicherte Therapie, erläutert der Rostocker Herzchirurg.

Nicht jeder Patient kommt infrage

Der Bedarf sei sehr groß. Allein in Rostock und Umgebung kämen jährlich mehrere hundert Infarktpatienten im Jahr für die kardiale Stammzelltherapie infrage, so Prof. Steinhoff. Allerdings gebe es auch Ausschlusskriterien: "Liegt die Pumpleistung des Herzens nach dem Infarkt unter 25 Prozent, spricht der Patient nicht mehr gut genug auf die Therapie an. Die besten Ergebnisse erzielen wir bei Patienten, deren verbliebene Pumpleistung sich zwischen 25 und 45 Prozent bewegt." Wichtig sei , nicht allzu lange nach dem Infarkt mit der Therapie zu beginnen. "Binnen drei Monaten danach kann man noch gute Ergebnisse erzielen, später nehmen die Erfolgschancen rapide ab", erklärt Prof. Steinhoff. Patienten sollten deshalb möglichst früh mit ihrem behandelnden Arzt über eine Stammzelltherapie ins Gespräch kommen.

Große Pläne für die nahe und ferne Zukunft

"Die Stammzelltherapie am Herzen ist eine Pilotentwicklung. Wir haben berechtigte Hoffnungen, dass sie noch in diesem Jahrhundert auch auf andere Organe übertragen werden kann", so Prof Steinhoff. Auch Blindheit und Querschnittslähmungen werde man mit Stammzellen behandeln können, ist der Rostocker Mediziner überzeugt.

Näher dürfte allerdings die Erfüllung dieses Wunsches sein: Steinhoff würde in Rostock gerne ein Therapiezen trum für die kardiale Stammzelltherapie aufbauen. Gespräche mit Bund und Land über mögliche finanzielle Unterstützung laufen bereits. Eine Vorentscheidung, so der Herzspezialist, soll noch vor der Bundestagswahl fallen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen