Mit Wipfeln auf Augenhöhe

Rügens 'Baumwipfelpfad' im Wald von Prora Stefan Sauer
Rügens "Baumwipfelpfad" im Wald von Prora Stefan Sauer

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15. Mai 2013, 10:11 Uhr

Bergen | In fünfzehn Metern Höhe legt Jürgen Michalski seine Hand an den Baumstamm einer mächtigen Buche. Mit leichtem Druck setzt er den Baum in Bewegung. Die Blätter rascheln, der Stamm pendelt lautlos hinterher - so als würde der Wind mit Stärke sieben an ihm rütteln. Wenige Tage vor der Einweihung inspiziert der Leiter des Naturerbezentrums in Prora den Baumwipfelpfad, der durch den 70 Jahre alten Buchen- und Eichenbestand führt. Der "Wackelbaum" ist neben verschiedenen Spiel- oder Infostationen eines der Abenteuer auf dem 1250 Meter langen, leicht ansteigenden Weg zum futuristisch anmutenden "Adlerhorst".

"Es lohnt sich, mindestens zweimal im Jahr herzukommen"

Um zehn Meter ragt die 40 Meter hohe Aussichtsplattform über die Baumwipfel und eröffnet einen Blick auf die eiszeitlich geprägte Landschaft der Insel Rügen. "Es lohnt sich, mindestens zweimal im Jahr herzukommen", ist Michalski überzeugt. Im Winter, wenn die Blätter fehlen und die nackten Äste über den Pfad ragen, und im Sommer, wenn sich das Blattgrün wie ein Tunnel über den Baumwipfelpfad legt.

Am Freitag kommender Woche wird Bundeskanzlerin Angela Merkel die 13,5 Millionen Euro teure und von der Erlebnis Akademie AG betriebene Touristenattraktion einweihen. Doch Urlauber werden das Naturerbezentrum erst Mitte Juni besuchen können. "Der lange Winter hat uns in unseren Vorbereitungen um einen Monat zurückgeworfen", sagt Michalski.

Zumindest zwei Räume der rund 600 Quadratmeter großen Dauerausstellung sollen bis zur Einweihung durch die Kanzlerin am 24. Mai hergerichtet sein - darunter ein mit Sensoren ausgestatteter Raum, in dem das Fluchtverhalten von Tieren im Wald simuliert wird, sowie ein Raum, in dem die DBU Naturerbe GmbH alle 33 Naturschutzgebiete in Deutschland mit einer Fläche von 46 000 Hektar vorstellt, die der Bund an die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) überträgt, um sie als nationales Naturerbe dauerhaft zu sichern. In einem Raum können sich die Besucher ihre eigene Wildnis erschaffen. Ein Laborraum lädt Kinder zum Experimentieren ein.

DBU-Generalsekretär Fritz Brickwedde ist überzeugt, dass die 2009 erworbene Naturerbefläche auf Rügen besonders für das bundesweit einmalige Umweltbildungszentrum geeignet ist, weil sich dort mit dem Wald, dem Offenland und Feuchtgebieten gleich drei grundverschiedene landschaftsprägende Ökosysteme finden. Ziel sei es, Mensch und Natur enger zusammenzuführen, sagt Brickwedde. In Zeiten zunehmender Naturentfremdung spiele Naturschutz eine immer wichtigere Rolle.

Führungen und Interaktion für bis zu 300 000 Gäste jährlich

Führungen und interaktive Stationen sollen den Wert des nationalen Naturerbes und die biologische Vielfalt bewusst machen. Hinzu kommt, dass auf der Ferieninsel viele Besucher den Weg in das Zentrum finden werden. Die DBU rechnet mit 250 000 bis 300 000 Gästen pro Jahr.

25 festangestellte Mitarbeiter werden in dem Zentrum arbeiten, wie Michalski sagt. Dazu kommen 25 Landschaftsführer - pensionierte Lehrer, Hobbybiologen oder junge Naturschützer, die sich in einem 200-stündigen Seminarprogramm schulen ließen. Sie sollen vor allem in den Sommermonaten Besuchergruppen über den Baumwipfelpfad leiten.

Als Konkurrenzprojekt zum Königsstuhl-Zentrum an der nur rund 20 Kilometer entfernten Kreideküste sieht sich das Naturerbezentrum nicht. "Wir befürchten keine Kannibalisierungseffekte", sagt Michalski. Bei einem Schlechtwetterurlaub würden Touristen beide Zentren besuchen. Die Familienkarte beim Eintritt in das Naturerbezentrum kostet 19,50 Euro.

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