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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 22:36 Uhr

Mit Vollgas durch die Pubertät

vom

svz.de von
erstellt am 29.Apr.2013 | 07:16 Uhr

Parchim | "I hope I die before I get old" - es beginnt mit dem Allzeit-Soundtrack für Adoleszenzdramen jeder Art, "My Generation" von The Who, wenn sich im Landestheater Parchim der Vorhang hebt zu "Tschick". Angelika Zacek hat Robert Koalls Bühnenfassung des Romanes von Wolfgang Herrndorf inszeniert.

Aber was heißt Vorhang - es geht einfach das Licht an. Denn ein so auf das Wesentliche reduziertes Bühnenbild wie in diesem Stück bekommt man selten zu sehen.

Zuerst die Geschichte. Sie ist ein klassisches Road Movie, eine Reise, bei der man am Ende bei sich selbst ankommt, aber nicht mehr derselbe ist.

Maik Klingenberg ist 14 und nach eigener Aussage "langweilig und hat keine Freunde". Er muss die Ferien allein zu Hause verbringen. Mama ist mal wieder auf Entzug, Papa ist mit seiner scharfen Assistentin auf zweiwöchiger Dienstreise. Zur Party bei der Klassenschönheit ist Maik auch nicht eingeladen. Immerhin, Taschengeld gab es reichlich, und dann kommt "Tschick". Der Russenproll - "Schläft er? Ist er hacke? Oder einfach nur lässig?" - aus Maiks Klasse fährt im geklauten Lada vor. Er will in die Walachei, zu Opa, weiß aber nicht, wo das ist. Maik weiß es auch nicht, die Walachei ist für ihn nur ein Wort für den Arsch der Welt. Einen Führerschein hat keiner der beiden. Aber Maik fährt trotzdem mit. Landkarte? Tschick: "Landkarten sind für Muschis, Alter."

Es geht richtig los auf der völlig schwarz gehaltenen Bühne des Malsaals. Steffen Schlösser, David Kopp und Carolin Bauer schaffen, mit dem Minimum-Bühnenbild - Luise Czerwonatis hat nur alte Reifen verwendet - in knapp anderthalb Stunden eine rasante, manchmal brüllend komische, aber auch anrührende Geschichte von Einsamkeit, Freundschaft und Liebe, vom Erwachsenwerden und von sexueller Identität zu erzählen.

Die großartigen Kopp und Schlösser konkret für diese oder jene Rolle zu loben, ist unmöglich. Denn mal ist der eine Tschick, und der andere Maik. Und dann wieder umgekehrt. Dazu übernehmen sie auch den Part des brutalen Papa Klingenberg und spielen eine ganze Öko-Familie, bei der Tschick und Maik ein "superpornofortionöses" Mahl genießen dürfen. Am Anfang und Ende und damit auch in der Erinnerung des Zuschauers ist aber Schlösser Tschick und Kopp Maik - so passt es perfekt. Sie spielen sich die Seele aus dem Leib, geben mehr als eine Stunde lang Vollgas, sind nur zwei Meter von den Zuschauern entfernt, und die Kulisse für die jeweilige müssen sie sich auch noch aus den alten Reifen zurechtstapeln. Die an diesem Abend ebenfalls hervorragende Carolin Bauer ist die stinkende Streunerin Isa, die den beiden - "Ihr seht wie Spastis aus" - erstmal zeigt, wie man Benzin klaut. Und in die sich dann Maik verliebt. Isa: "Hast du schon mal gefickt? Willst du?"

Maik will nicht, noch nicht. Tschick dagegen gesteht schließlich, dass er schwul ist.

Am Ende sind alle bei sich angekommen. Was erstmal wichtiger ist, als nur irgendwo dazuzugehören.

Die Parchimer Inszenierung der Roman-Adaption funktioniert in ihrer redu zierten Art tadellos - sobald man die etwas lange und wie ein Monolog mit eingestreuten Sketchen wirkende Einleitungsphase bewältigt und das Prinzip der wechselnden Rollen kapiert hat. Und gut, dass sich das Parchimer Ensemble seinen eigenen Soundtrack gestrickt hat. Im Original haben Tschick und Maik nur eine Richard-Clayderman-CD dabei, was sich lustig liest, aber grausam zu hören wäre. Nun gibt es Klassiker von The Who, den Beatles, Motörhead, AC/DC, Steppenwolf, Massive Töne und Bob Dylan. Manchmal wähnt man sich in einem Musikvideo.

Es ist eben Rock ’n’ Roll. Aber am Ende muss niemand sterben. Maik und Tschick werden ein Stückchen älter, es war wohl der Sommer ihres Lebens. So ein Stück holt nicht nur die Jugendlichen ab, auch längst erwachsene Zuschauer können sich das anschauen. Mit ein bisschen Wehmut vielleicht, denn so einen Sommer hatten wir alle irgendwie.

Am17. Mai zeigt das Volkstheater Rostock seine Version des Stückes. Merkwürdig, da Parchim und Rostock eigentlich Partner sind. Mal sehen, wie die Rostocker das machen.

Nächste Vorstellungen:
heute, 30. April, Theater Parchim, 10 Uhr / 19.30 Uhr
Karten: 03871/62910

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