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Schweriner Gerichtsreport : Mit Vergangenheit konfrontiert

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Aus der Onlineredaktion

Landgericht soll Rolle eines 52-Jährigen in zwei Mordanschlägen klären.

von
erstellt am 15.Aug.2017 | 20:55 Uhr

Seit zehn Monaten versucht die zweite Große Strafkammer des Schweriner Landgerichts Licht in die letzten dunklen Ecken zweier spektakulärer Schweriner Mordanschläge zu bringen. Als sich im Juni ein Ende des Prozesses anbahnte, schaltete sich ein dritter Verteidiger ein. Der Berliner Advokat versuchte die Richter dazu zu bewegen, die Fälle aus immer neuen Blickwinkeln zu betrachten – bislang mit mäßigem Erfolg. Nun könnte Ende September ein Urteil verkündet werden.

Fast jeden Mittwoch fährt der Angeklagte von einem Dorf in Rheinland-Pfalz 600 Kilometer zurück in seine Heimatstadt nach Schwerin. Seit Oktober 2016 muss er sich seiner Vergangenheit stellen – zumindest einer Vergangenheit, wie die Staatsanwaltschaft sie sieht. Der 52 Jahre alte gelernte Koch wurde angeklagt, vor 22 Jahren für einen Spielhallen-Betreiber und für einen Fahrschulinhaber gedungene Mörder besorgt zu haben. Der eine wollte vermutlich einen Angestellten tot sehen, der andere seine frühere Ehefrau. Beide Mordanschläge schlugen fehl. Drei der gescheiterten Killer wie auch einer der Auftraggeber wurden in fünf langwierigen Prozessen verurteilt. Zwei weitere mutmaßliche Täter sind gestorben, bevor über sie geurteilt werden konnte.

Vor Gericht schweigt der gelernte Koch. Die Ermittler haben ihn seit 1996 im Visier. „Es musste einen Mittelsmann geben“ zwischen dem Fahrlehrer und den beiden Männern, die in Plate bei Schwerin auf dessen Frau schossen, berichtete ein Kriminalist. Aber die Indizien reichten damals nicht, den Koch als Mittelsmann belangen zu können. Auch jetzt ist die Spurenlage dürftig.

Es gibt keine Fingerabdrücke, keine Bilder von Überwachungskameras, keine hinreichend verdächtigen Kontobewegungen und keine Bewegungsbilder, die anhand von Handydaten hätten nachgezeichnet werden können. Im Fall des Spielhallen-Betreibers ist offenbar bislang so wenig Gerichtsverwertbares gegen den Angeklagten greifbar geworden, dass das Gericht den Fall zurückgestellt hat.

Zum Fall des Fahrschullehrers gibt es allerdings unzählige seit 1996 gefüllte Aktenordner mit Zeugenaussagen. Drei Zeugen haben den Angeklagten vor Gericht belastet. Ralf D., einer der beiden Männer, die am 3. März 1996 den Anschlag auf die Frau des Fahrlehrers verübten, sagte, er habe den Auftrag über den gelernten Koch vermittelt bekommen. Er bescheinigte dem Angeklagten, damals eine bekannte Größe in zwielichtigen Kreisen Schwerins gewesen zu sein. D. sagte, er wolle nach 20 Jahren im Gefängnis auf Bewährung raus. Und er wolle sein Gewissen entlasten. Deshalb breche er das Ganovenehrenwort, niemanden zu verpfeifen. Auch der Fahrlehrer Siegfried G. gab zu, den Tod seiner Ex-Frau in Auftrag gegeben zu haben – und zwar über den Angeklagten. Ihm sei während der gut neun Jahre im Gefängnis gedroht beziehungsweise auch „Schweigegeld“ angeboten worden, behauptete der 60-jährige Zeuge.

Der dritte Belastungszeuge ist ein Kölner Bauunternehmer, der 1995 in Schwerin tätig war. Auch er will vom Angeklagten den Mordauftrag vermittelt bekommen haben. Er ging nur zum Schein darauf ein, kassierte vom Fahrlehrer 10 000 Mark und verschwand. Er packte 2006 als Erster aus – möglicherweise weil er, als er wegen Drogendelikten mit der Justiz zu tun hatte, mit einem der Täter im Fall des Spielhallen-Betreibers „noch eine Rechung offen“ hatte.

Die drei Belastungszeugen sind keine Unbeteiligten. Sie hatten mindestens zehn Jahre lang geschwiegen oder andere Versionen erzählt, wie Auftraggeber und Auftragsmörder zusammenfanden. Zwar bröckelte die Mauer des Schweigens nach und nach, aber die Aussagen gegenüber der Polizei oder anderen Gerichten änderten sich im Detail oder widersprachen einander. Es wird nicht einfach für die Richter herauszufiltern, wer vielleicht – wenn auch aus eigennützigen Motiven – spät zur Wahrheit fand, und wer vielleicht jetzt lügt, weil er sich einen Vorteil verspricht, wenn er den Angeklagten etwas anhängt.

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