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Straftäter sollen Hilfe bekommen, bevor es zum Verbrechen kommt : Mit Therapie gegen sexuelle Übergriffe

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Die Einrichtung des Stralsunder Präventionsprojekts "Kein Täter werden" für Männer mit sexuellem Interesse an Kindern ist in Justizkreisen des Landes Mecklenburg-Vorpommern mit großer Erleichterung aufgenommen worden.

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erstellt am 10.Feb.2013 | 07:39 Uhr

Rostock/Stralsund | Die Einrichtung des Stralsunder Präventionsprojekts "Kein Täter werden" für Männer mit sexuellem Interesse an Kindern ist in Justizkreisen des Landes mit großer Erleichterung aufgenommen worden. "Wir begrüßen die Stelle, denn Pädophile, die sich dahin wenden, werden voraussichtlich kein Verbrechen begehen", sagt Olaf Witt, Richter am Landgericht Stralsund, der oft Urteile gegen Sexualstraftäter spricht. Die Betroffenen könnten dort Mechanismen erlernen, um nicht in Versuchung zu kommen, sich an Kindern zu vergehen.

"Viele Pädophile leiden unter ihren Neigungen, sie wissen aber nicht, wohin sie sich mit ihrem Leiden wenden können", sagt Projektleiter Dirk Rösing. Die Wissenschaft geht deutschlandweit von rund 250 000 pädophilen Männern aus. Er macht aber klar, dass etwa 60 Prozent der Sexualstraftaten gegen Kinder nichts mit Pädophilie zu tun haben. Bei den anderen Straftätern gehe es eher um Ersatzhandlungen oder Machtausübung. Auf diese Täter zielt das Präventionsprojekt, das vom Schweriner Sozialministerium in diesem Jahr mit 40 000 Euro unterstützt wird, nicht ab. Rösing hofft, in der Gesellschaft ein gewisses Verständnis dafür zu finden, dass Pädophilie eine Krankheit ist. Oft sei schon in der Pubertät der Betroffenen das Verlangen nach Kindern spürbar, doch das werde verdrängt. Es müsse aber klar sein, dass sich die Neigung mit zunehmendem Alter nicht auswächst, sie bleibt ein Leben lang. Rösing will damit keine Straftaten entschuldigen. "Wenn der Mann einen Übergriff begeht, dann ist er dafür voll verantwortlich."

Auch die Rostocker Rechtsanwältin Beate Falkenberg begrüßt das Projekt. Sie ist in vielen Prozessen Rechtsbeistand für Sexualstraftäter, unterstützt aber auch als Vertreterin der Nebenklage Opfer. Falkenberg berichtet von Mandanten, die sagen: "Wenn ich jemand zum Reden gehabt und gewusst hätte, wie ich mich verhalten kann, wäre das nicht passiert." Für die Familienangehörigen der Täter, aber auch für deren Opfer, wäre ein offenerer Umgang mit dem Problem Pädophilie hilfreich.

Falkenberg wünscht sich, dass die Initiative überall bekanntgemacht wird, in Anzeigen oder mit Schildern in Bussen und Straßenbahnen. Sie geht davon aus, dass sich viele Männer melden werden und hofft, dass das Projekt über 2013 hinaus Bestand hat. Auch die Männer, die bereits wegen ihren Neigung mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, sollten eine Therapiechance erhalten.

Für Rösing, der das Projekt mit drei Kollegen steuert, ist es wichtig, bei den Klienten eine klare Diagnose zu stellen. Die therapeutische Arbeit bestehe unter anderem darin, neue Verhaltensmuster zu erlernen - zum Beispiel, dass der Kinderspielplatz kein Ziel für einen Spaziergang sein darf. Rösing garantiert die Anonymität der Ratsuchenden, es werde niemand erfasst. Richter Witt betont: "Wenn es bei einem oder zwei Männern funktioniert, dann ist schon etwas gewonnen, dann haben wir ein oder zwei Opfer weniger."

Sexueller Kindesmissbrauch

Im Strafrecht bedeutet sexueller Kindesmissbrauch ausschließlich sexuelle Handlungen mit Kindern. Menschen mit pädophilen Neigungen fühlen sich zu Kindern vor der Pubertät hingezogen, Hebephile zu Kindern, die bereits Merkmale der Pubertät aufweisen. Solche Menschen begehen nicht zwangsläufig sexuelle Übergriffe oder nutzen Kinderpornografie, was ebenfalls sexueller Missbrauch ist. Menschen, bei denen Pädophilie oder Hebephilie diagnostiziert wurden, können sich einer Therapie unterziehen, die ein bis zwei Jahre dauert. Primäres Ziel ist der Schutz von Kindern durch die Verhinderung von sexuellen Kontakten. Gegebenenfalls werden Medikamente eingesetzt, die das sexuelle Verlangen dämpfen. Vor allem aber geht es darum, dass die Betroffenen lernen, ihr eigenes Verhalten dauerhaft zu kontrollieren und Verantwortung zu übernehmen sowie Selbstwertprobleme zu überwinden.

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