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Mecklenburg-Vorpommern

13. Dezember 2017 | 17:51 Uhr

Schweriner Theater : Mit Shakespeare spielen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heute vor 450 Jahren soll der größte Dramatiker aller Zeiten geboren worden sein / Zum Jubiläum zeigt das Schweriner Theater „Romeo und Julia“ im Dom-Innenhof

Tausende Paare haben ihre Namen auf die Wände gemalt, Zettel mit Wünschen geklebt. In Verona, im Torweg zur Casa di Giulietta mit dem legendären Balkon am Palazzo Capuleti. Hier waltet der Zauber einer Liebesgeschichte. Im alten Kapuzinerkonvent wird Julias Grab gezeigt, es ist leer. Diese Orte sind von allein poetischer Wahrheit. Die Theaterfiguren Romeo und Julia aber sind lebendiger als viele historische Personen.

„Romeo und Julia“ wird zum 450. Geburtstag William Shakespeares von dem Schweriner Schauspieler Christoph Bornmüller im Innenhof des Schweriner Doms inszeniert mit der Mentalität heutiger Jugend.

Das erste Mal hatte der Würzburger Bornmüller spielerisch Kontakt mit Shakespeare – im Schülertheater als Schlucker im „Sommernachtstraum“. Worüber er lächelt.

Was macht für den 30-Jährigen die Vitalität der Werke von Old William aus? Nachdenklich sagt der Schauspieler: „Seine Stücke verhandeln urmenschliche Dinge in vielen Varianten, sei es Liebe, sei es Hass, Gewalt, Wahnsinn. Die Stücke sind faszinierend gebaut im wechselnden Rhythmus, der romantischen Szene folgt die derbe, der tragischen die witzige. Und es bleibt immer ein Geheimnis, das ist ein starker Reiz.“ Darüber dachte ein Weimarer Geheimrat: „Wir erfahren die Wahrheit des Lebens und wissen nicht wie.“

Angenommen, eine Zeitmaschine schaffte Shakes-peare herbei, welchen Stoff würde er packen? „Woah!“, erschrickt Bornmüller, „er hat ja weniger Themen erfunden, hat vorhandene benutzt…“ Nein, der Regisseur hat keinen Text als Hellseher. Doch er kann Heiner Müller zustimmen, der meinte, Shakespeare schriebe immer noch unsere Stücke: „Die Vorgänge sind ja noch die gleichen wie in Shakespeares Welt, wo sich die Leute den Schädel einhauen, verliebt sind, sich hassen, lügen. Das ist verblüffend, andererseits frustrierend, weil man denkt, die Menschheit ist gar nicht weitergekommen.“

Gar nicht gesichert ist, das wird seit dem 18. Jahrhundert behauptet, dass Shakespeares Stücke von Shakespeare stammen. Etwa 175 Autoren wurden vermutet, darunter Francis Bacon und mehrere Earls, die Shakes-peare als Decknamen nutzten, weil es unter ihrer Würde war, für Theater zu schreiben. Der Shakespeare-Übersetzer Frank Günther hat 2011 den Zweiflern die Narrenkappe aufgesetzt und gefolgert: Die Stücke sind von Königin Elisabeth I., die eine Drag-Queen war.

Shakespeare wäre ein Stoff für Shakespeare gewesen. Christoph Bornmüller sieht derart Autoren-Theater gelassen: „Interessiert mich kaum. Für mich gibt es eine Stücke-Sammlung, die unter Shakespeare läuft. Ich stelle mir vor, es gab kollektive Arbeit der Theatertruppe bei der Produktion. Jedenfalls wird nie eine Tür aufgehen, und dahinter liegen die Tatsachen.“

Zurück zu Verona am Schweriner Dom. Freie Liebeswahl, das Mädchen geht den ersten Schritt, unerhört zu Shakespeares Zeit, aber ist damit die Wirkung von „Romeo und Julia“ nicht abgelaufen? Ein langgezogenes „Nein“ kommt von Bornmüller: „Die Liebe der jungen Leute entsteht zwischen Familien, die sich nicht vertragen, gibt es das heute nicht? Und das pubertäre Gefühlschaos der beiden, das ist immer ein Jugendphänomen, drängen und stürmen.“

Also, wie fasst der junge Regisseur das Stück? „Mit allen Widersprüchen, in denen Szenen und Figuren aufeinanderkrachen. Für die Spielweise ist spannend: In jedem Moment ist alles möglich. Die Figuren geraten in einen Strudel von Ereignissen, aus dem sie nicht herauskommen. Das ist gutes Volkstheater, laut, komisch, hart und zart. Ab dem Tod von Mercutio und Tybalt überschlägt sich das Geschehen, man kann kaum dazwischen atmen. Es ist ein Rausch.“
Was Vater Capulet im Stück anmerkt: „Und alles wandelt sich ins Gegenteil“, was Bruder Lorenzo schockt: „So wilde Freude nimmt ein wildes Ende.“

Wild an welchem Ort, in welcher Übersetzung, mit wie viel Jugendsprache? „Der Ort ist eine Baustelle, wie das Leben und die Liebe, wenn man jung ist“, erklärt der Regisseur, „die Übersetzung ist hauptsächlich von Schlegel/Tieck, auch mit der Prägnanz von Brasch für die Jugendlichen, wobei Schlegel in den Liebesszenen wunderbar passt.“ Im Elisabethanischen Theater um 1600 steckten Männer auch in Frauenrollen, wer wird jetzt verkleidet? „Tybalt und Mercutio werden von Frauen gespielt“, verrät Bornmüller und freut sich schon: „Wenn eine sagen muss, Romeo wird dir seinen Degen zeigen, Stich um Stich, dann hat der Text doppelten Boden.“

Das reizt das Theater: Shakespeare spielen, indem man mit Shakespeare spielt. Der Meister hat es im „Julius Cäsar“ geahnt. Cassius sinniert: „In wie entfernter Zeit / Wird man dies hohe Schauspiel wiederholen, / In neuen Zungen und mit fremdem Pomp!“

Der Pomp ist jetzt der Pop. Shakespeare hält das aus.

Premiere am Mittwoch, dem 21. Mai 2014 um 20.30 Uhr im Innenhof des Schweriner Doms

Weitere Vorstellungen:

Am 22., 23. und 24. Mai,  6.,7., 8., 22. und 23. Juni, 3. und 6. Juli sowie vom 10. bis 13. Juli  jeweils 20.30 Uhr und am 5. Juli um 21  Uhr
 

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