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Neu erworben Kollektion von Günther Uecker : Mit Nagel und Faden

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Den Saal, in dem das Museum seine Marcel-Duchamp-Kollektion zeigt, nutzt es jetzt für die feierliche Präsentation der frisch erworbenen Günther-Uecker-Sammlung, 13 Stücke aus einer ehemals privaten Kollektion.

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erstellt am 09.Aug.2013 | 12:07 Uhr

Schwerin | Uecker? Nein, das ist Duchamp: Die Schneeschaufel, die unter der Decke des Saales im Staatlichen Museum Schwerin hängt, stammt vom Erfinder des "Ready Made" - dem Erheben eines Alltagsgegenstandes zum Kunstwerk. Den Saal, in dem das Museum seine Marcel-Duchamp-Kollektion zeigt, nutzt es jetzt für die feierliche Präsentation der frisch erworbenen Günther-Uecker-Sammlung, 13 Stücke aus einer ehemals privaten Kollektion. Duchamp bleibt präsent. "Wir haben nicht alles ausgeräumt", sagt Vize-Museumsdirektor Dr. Gerhard Graulich. Uecker und Duchamp, das passe. Denn schließlich habe auch Uecker in seinen Installationen und Objekten immer wieder Alltagsgegenstände verwendet oder uminterpretiert.

Kunst mit Hammer und Nagel erfunden

Weltberühmt ist Uecker für seine "Nagelbilder". Geboren wurde der Künstler 1930 in Wendorf, aufgewachsen ist er auf der Halbinsel Wustrow bei Rerik. Nach Kriegsende studierte der junge Uecker von 1949 bis 1953 Malerei in Wismar und Berlin-Weißensee. 1955 verließ er die DDR und studierte bis 1958 bei Otto Pankok und anderen an der Kunstakademie Düsseldorf. 1956/1957 dann entstanden erstmals "Nagelbilder": dreidimensionale Reliefs aus Nägeln, die durch die Wechselwirkung von Licht und Schatten ihre eigene Dynamik erhalten. Das Nageln als Ausdrucksmittel, Uecker hat es erfunden. Heute werden seine Werke für Millionenbeträge gehandelt.

Auch die Kosten für den Erwerb der privaten Sammlung Drautzburg, aus der nun die Schweriner Uecker-Kollektion wird, waren hoch. Den Löwenanteil des Kaufpreises von 1,45 Millionen Euro finanzierte mit 830 000 Euro der Bund, außerdem gab die Ostdeutsche Sparkassenstiftung Geld, ebenso die Sparkasse Mecklenburg-Schwerin und das Kultusministerium des Landes. Das Schweriner Museum bekommt mit Uecker ein neues Schwergewicht. Denn Mitte 2014 soll zusätzlich noch die Uecker-Schau "Der geschundene Mensch" des Institutes für Auslandsbeziehungen (IfA) aus Bundesbesitz als Dauerleihgabe nach Schwerin kommen. Museumsdirektor Dr. Dirk Blübaum sagt es pointiert: "Günther Uecker kann für Schwerin das sein, was Gerhard Richter für Dresden ist." Wie Richter, der derzeit teuerste lebende Maler der Welt, sei auch der "Nagelkünstler" Uecker ein Publikumsmagnet ersten Ranges. Das Staatliche Museum wird mit den beiden Sammlungen einen Werksatz von Günther Uecker haben, der weltweit einzigartig wäre.

Nur: Der Rang einer Sammlung bemisst sich an ihrem Umfang und inneren Zusammenhang. Genau das ist das Problem - das Museum in Schwerin kann gar nicht alles zeigen, was es an Uecker-Werken erhält und noch erhalten soll. "Was wir am Freitag bekommen, werden wir in die Galerie einbauen können. Aber mit ,Der geschundene Mensch wird es schwierig", sagt Museumschef Blübaum. Die IfA-Schau - weitere 13 Objekte - bestehe aus großen Installationen.

Schon jetzt ist der Platz knapp: Zehn Tage lang wird die neu erworbene Kollektion Drautzburg im Duchamp-Saal zu sehen sein. Dann muss sie ein paar Monate ins Depot - und im Frühjahr 2014 wandert sie voraussichtlich in den Sonderausstellungs-Flügel, wo ein Trakt dauerhaft zum Uecker-Raum werden soll. "Welcher Raum genau, das ist noch nicht ganz klar", sagt Dr. Blübaum.

Hin und Her um Ausstellungsort

Hintergrund der Platznot: Ursprünglich wollte das Museum seine neue Uecker-Sammlung im Marstall zeigen. Das Kultusministerium Mecklenburg-Vorpommern hatte dem Museum die Hallen seines ehemaligen, nun nach Wismar umgezogenen Technischen Landesmuseums als zusätzliche Ausstellungsfläche fest zugesagt. Das war allerdings noch zu Amtszeiten des CDU-Ministers Henry Tesch. Unter dessen Amtsnachfolger Mathias Brodkorb (SPD) ist der Marstall als quasi eigenes Uecker-Museum wieder aus dem Spiel. Brodkorb ließ gestern auf Nachfrage mitteilen , mit Uecker im Marstall werde es nichts: "Die Idee eines eigenen Museums kann nicht umgesetzt werden, weil ein schlüssiges Finanzierungskonzept für Investitionen und laufenden Betrieb nicht vorliegt und das Staatliche Museum Schwerin aus eigenen Mitteln nicht in der Lage ist, einen zweiten Standort zu betreiben." Man sei sich nun einig, dass Ueckers Werke im Galeriegebäude des Staatlichen Museums "prominent" ausgestellt werden.

In der Mitteilung des Ministers schwingt auch die Idee mit, den einzigartigen Uecker-Bestand wieder zu trennen: "Darüber hi naus verfolgen wir die Idee, die Werke Ueckers auch an anderen Standorten zu präsentieren, damit alle Menschen des Landes sowie seine Touristen Zugang zu diesem kulturellen Highlight haben."

Wanderausstellung? Uecker hier und da? Uecker-Park MV? Im Sinne des Künstlers ist der Umgang Mecklenburg-Vorpommerns mit seinem Werk nicht. Günther Uecker selbst habe immer wieder betont, dass er sich als idealen Ort für seine Kunst nur den Marstall vorstellen kann, heißt es aus dem Museum. Den Wunsch eines Künstlers von solchem Rang solle man vielleicht nicht ganz außer acht lassen, merkt auch Dr. Dirk Blübaum an. Auch er halte einen zentralen Standort für die Uecker-Sammlung für wünschenswert. Aber, betont der Museumschef: "Die Entscheidung liegt bei der Regierung."

So oder so: Heute wird der erste Teil der neuen Sammlung feierlich übergeben. Für den Künstler und seine Werke ist es eine Heimkehr. "Wir können Uecker dort zeigen, wo er herkommt - als Person und mit seiner Kunst", sagt Museumschef Dr. Blübaum.

Auch Uecker selbst nannte die Halbinsel Wustrow einmal in einem Interview mit der "Welt" seinen "eigentlichen Ort". Aber es ist keine ungetrübte Sehnsucht. Auch Ueckers immerfort währende Beschäftigung mit der Fähigkeit des Menschen zur Barbarei an seinesgleichen rührt von den Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend her. Von dort, wo er als Jugendlicher die an den Strand getriebenen, verwesten Opfer der Versenkung der "Cap Arkona" beerdigen musste.

Man kann diese Dialektik zwischen Geborgenheit und Grauen gut in den nun nach Schwerin gekommenen Stücken sehen, und es ist eine Eigenheit von Ueckers Werken, dass sie sich bei aller Abstraktion auch demjenigen öffnen, der zu hochintellektueller Kunst - etwa Duchamp - nur schwer Zugang findet. Emotionalität ist der Schlüssel. In der "Materialcollage" von 1972 ordnete Uecker Steine auf einer Holzplatte an. Runde, handschmeichlerische Kiesel, wie man sie am Strand findet, geglättet von Zeit und Wellen. Man fürchtet sich nicht, da rüberzulaufen. Aber zwischen den sanften Steinen, der Natur, ragen sie auf, die eisernen Nägel, das Menschenwerk… Den "eigentlichen Ort", man kann ihn nicht mehr ungefährdet aufsuchen.

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