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Demenz : Mit „Marina “ zurück in die Jugend

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Neu Krenzlin werden Demenzkranke in der Welt abgeholt, in der sie leben – und können sich in Küche, Garten oder Wäscherei nützlich machen

svz.de von
erstellt am 22.Sep.2014 | 12:00 Uhr

„Ich weiß was, ich weiß was…“ Betreuerin Angela Saß hat den nächsten Titel vom Band noch gar nicht richtig angekündigt, als ihn schon ein ganzer Chor zu singen beginnt: „…ich weiß, was dir fehlt, ein Mann, der dir keine Märchen erzählt.“ Im Alten- und Pflegeheim der Gutshof-Stiftung Krenzlin hat an diesem Nachmittag das Tanz-Café geöffnet – und wer noch irgendwie mobil ist, kommt. Zum einen, weil es aus feinsten Sammeltassen Kaffee und dazu ein Stück Torte gibt. Zum anderen, weil getanzt werden kann, wie damals in der Jugend…

„Marina, Marina, Marina…“ – als der Schlager von Rocco Granata 1959 herauskam, war das Gros der Heimbewohner zwischen 20 und 30 Jahre alt. Heute leben viele von ihnen wieder in dieser Zeit – von den 67 Frauen und Männern, die derzeit in der Einrichtung unweit von Ludwigslust zu Hause sind, sind 56 dement oder gerontopsychiatrisch beeinträchtigt. Zu ihren Krankheitsbildern gehört, dass Erinnerungen aus jüngerer Zeit nicht mehr abrufbar sind – was vor 50 oder mehr Jahren war, ist ihnen aber durchaus noch geläufig. „Wir holen sie bei Erfahrungen und Erlebnissen ab, an die sie sich noch erinnern“, erklärt Kathrin Seyer, die die soziale Betreuung im Heim leitet. „Musik, Kinder und Singen – damit sprechen wir die meisten Bewohner sogar im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung noch an“, weiß Kathrin Seyer. Selbst wer sich im letzten Stadium einer Demenzerkrankung nicht mehr allein artikulieren könne, würde doch immer noch auf bekannte Düfte, auf vertraute Melodien oder auf Lichtreize reagieren.

Viele der Beschäftigungs- und Therapieangebote in dem weitläufigen Heimkomplex rings um das Neu Krenzliner Gutshaus herum sind speziell auf die Bewohner zugeschnitten, erläutert die Leiterin der Einrichtung, Birgit Schultz. Die meisten von ihnen kämen vom Land, aus den umliegenden Gemeinden – sie seien die Arbeit im Garten oder auf dem Feld gewohnt, hätten selbst gekocht, gebacken, die Wäsche oder Handarbeiten gemacht… Und das können sie, zumindest teilweise, auch im Heim. Da die Einrichtung Küche, Wäscherei und Hausreinigung selbst betreibt, könnten die Bewohner hier problemlos integriert werden: Die einen putzen Gemüse. Andere pflegen die Kräuterbeete oder jäten Unkraut in den Blumenbeeten rund um die Häuser. Wieder andere helfen in der Wäscherei beim Legen der Handtücher, der Tisch- und Bettwäsche. Und es gibt auch einen Handarbeitszirkel, der einmal monatlich kleinere Reparaturen an Wäsche und Kleidung ausführt. „Das gibt unseren Bewohnern das Gefühl, noch nützlich zu sein – und es macht sie auch stolz“, betont Kathrin Seyer.

Für sie und ihre Kolleginnen und Kollegen sei es deshalb ganz wichtig, möglichst viel aus der Biografie der Bewohner zu wissen. Hier sind auch die Angehörigen gefragt – „aber mit denen zu arbeiten ist oft schwieriger als die Arbeit mit den Demenzkranken selbst“, weiß die gerontopsychiatrische Fachkraft. Denn vielen Angehörigen, vor allem den Kindern der Bewohner, falle es schwer, die Krankheit mit all ihren Facetten zu verstehen und zu akzeptieren. Und viele hätten auch ganz falsche Vorstellungen vom Umgang mit Demenzkranken in einem Heim, so Kathrin Seyer. „Bei uns wird definitiv keiner fixiert“, versichert sie beispielsweise. Statt dessen würden bei unruhigen bettlägerigen Patienten, die Gefahr liefen, herunterzufallen, die Pflegebetten ganz einfach bis ganz auf den Boden heruntergefahren. Das erschwere zwar die Pflege, würde die Sturz- und damit die Verletzungsgefahr bannen.

Besonders an dem Krenzliner Heim mit seinen insgesamt 51 Mitarbeitern ist auch, dass jeder über den „Tellerrand“ seiner eigentlichen Tätigkeit hinaussieht, erklärt Birgit Schultz. „Wenn die Reinigungskraft merkt, dass der Mülleimer ständig voller Essen ist, gibt sie den Betreuern einen Hinweis. Oder die Mitarbeiterin der Wäscherei, die bemerkt, dass jemand nie Unterwäsche waschen lässt oder die beim Wegräumen der Wäsche im Schrank ein ganzes Depot von Äpfeln oder belegten Broten findet, auch die sagt uns dann Bescheid.“

Weil auch die Mitarbeiter alle aus den umliegenden Orten kämen, würden sich zudem viele Anhaltspunkte für Gespräche mit den Heimbewohnern ergeben. Auch die zahlreichen Händler, die nach einem festen Tourenplan auf dem Gutshausgelände vorbeischauen, geben den Bewohnern das Gefühl von Heimat. Und von Verlässlichkeit und Beständigkeit – „denn das ist für Demenzkranke ganz wichtig“, betont Kathrin Seyer.

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