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Dudelsackbauer rettet Musiktradition : Mit Luft und Laune

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Handwerker konstruiert moderne Sackpfeifen

Der Ledersack muss schön prall und dicht sein. Dann gibt er richtig lange Luft für klagende Brummtöne und flotte Weisen, wie Dudelsackbauer Philipp Gerhardt im mecklenburgischen Lübtheen erklärt. Vor Jahrhunderten beliebt, belächelt oder beschimpft, erlebt die Sackpfeife – auf Plattdeutsch „Pipensack“ genannt – heute in Europa eine Renaissance. In seiner Werkstatt in einer alten Wassermühle konstruiert der Handwerker seit letztem Jahr moderne Varianten des historischen Musikinstruments.

„Ich will den Dudelsack weiterentwickeln, ihn stabiler bauen für ein zuverlässiges Spiel und gleichbleibendes Klangerlebnis“, sagt der 32-jährige studierte Forstwirt. Dazu rüstet er seine Instrumente mit zusätzlichen Stopperklappen aus Metall in den Pfeifen aus oder experimentiert mit auswechselbaren Mundstücken. Neben dem selbst genähten Ledersack für den Luftvorrat bekommen seine Kreationen, ob große Schäferpfeife oder kleines „Hümmelchen“, mehrere Pfeifen ohne Löcher für den gleich bleibenden Begleit- oder Bordun-Ton sowie eine fein ausgefeilte „Flöte“ zum Musizieren.

Mehrere Wochen arbeitet der Autodidakt an einem Dudelsack. Er schmiedet, schneidet, schnitzt und drechselt alle Teile selbst. Für die Pfeifen verwende er meist heimische Harthölzer, am liebsten Birne, Elsbeere, Pflaume, seltener Buchsbaum oder Bergahorn, sagt er.

Als Forststudent in Sachsen spielte Gerhardt irischen Folk, später begeisterte er sich zunehmend für die regionale traditionelle Musik. Mit einem besonderen Gespür für Holz begann er, eigene Sackpfeifen zu bauen. „In Deutschland wächst eine kleine feine Szene für handgemachte Tanzmusik, und diese Stücke, die sind wie für den Dudelsack gemacht.“

Kenner der mitreißenden Volksmusik ist auch der Mecklenburger Ethnologe Ralf Gehler. Der 52-jährige Historiker gründete vor zwei Jahren im Volkskundemuseum Schwerin-Mueß ein Zentrum für traditionelle Musik. „Wir versuchen, alte Quellen in neuer Form zu spielen.“ Dazu baut Gehler historische Fideln, Flöten, Geigen und Banjos nach. Dudelsäcke spielt er nicht nur, er erforscht sie auch.

Nach der Ersterwähnung im 13. Jahrhundert seien Sackpfeifen in Mitteleuropa im 16. bis 17. Jahrhundert populär geworden und auch beim Landadel sehr beliebt gewesen, sagt er. Allerdings verlor die wilde volkstümliche Tanzmusik an Bedeutung, als nach dem Dreißigjährigen Krieg nur noch von den Städten zugelassene Künstler zum Tanz aufspielen durften. Das dörfliche Musizieren war verboten. Die privilegierten Stadtmusikanten zogen mit neuen Instrumenten über die Lande. Geige, Waldhorn und Trompete verdrängten Fidel und „Pipensack“. Verkannt, verhöhnt oder gar als Teufelswerk verunglimpft starb der Dudelsack Anfang 19. Jahrhundert aus. Nur noch Schotten, Esten, Bretonen, Galizier und Sorben hielten an den alten Traditionen fest.

Heute bemühen sich Dudelsack-Enthusiasten und Fans traditioneller Tanzmusik in ganz Deutschland, die alten Instrumente wiederzubeleben.

Holzblasinstrumentenmacher Gerhardt in Lübtheen widmet sich der experimentellen Produktion moderner Dudelsäcke für kleine Ensembles. Zudem spielt er im Duo mit dem englischen Drehleier-Musiker Barnaby Walters.

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