Rostocker Theologieprofessor Thomas Klie : Mit Jugendweihe Konfirmation rituell enteignet

Foto: Andreas Lander dpa
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Die ostdeutschen Kirchen sollten ihre Konfirmandenarbeit überdenken, um sich den kirchenfernen Jugendlichen wieder anzunähern. Der Unterricht müsse ein offenes Angebot für alle sein. Das fordert Theologe Thomas Klie.

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21. Mai 2012, 06:53 Uhr

Die ostdeutschen Kirchen sollten ihre Konfirmandenarbeit überdenken, um sich den kirchenfernen Jugendlichen wieder anzunähern. Der Konfirmandenunterricht müsse ein offenes Angebot für alle sein. Korrespondentin Imke Plesch im Gespräch mit dem Rostocker Theologieprofessor Thomas Klie.

Warum feiern immer noch so viele Menschen im Osten Jugendweihe?

Klie: Man macht es, weil man es halt so macht, ist die Antwort im Osten. Dass die DDR-Tradition der Jugendweihe nach der Wende enden würde, war vielleicht der naive Gedanke einiger westdeutscher Christen. Aber die Jugendweihe ist eine Üblichkeit geworden und Üblichkeiten kommen nicht so schnell aus der Mode, auch dann nicht, wenn man ihren Ursprung vergessen hat. Man übernimmt sie, weil die Eltern und auch schon die Großeltern sie gemacht haben - warum sollte man diese starke familiäre Kontinuität unterbrechen? Wenn etwas üblich ist, muss ich mich gar nicht mehr bewusst dafür oder dagegen entscheiden.

Haben die Menschen ein Bedürfnis nach einem Übergangsritual?

Nein, von Bedürfnis würde ich nicht sprechen. Außerdem ist mit 14 heute niemand mehr "erwachsen" oder gar mündig. Das Argument der Jugendweihe-Anbieter, die Kinder würden in den "Kreis der Erwachsenen" aufgenommen, ist ein interessegeleiteter Mythos, weil das Ritual sonst völlig sinnlos wäre. Zeitpunkt und Form der Jugendweihe wurden von der DDR-Führung eins zu eins von der Konfirmation übernommen: Die Jugendlichen ziehen hübsch gekleidet in den Festsaal ein, bekommen einen persönlichen Spruch und ein Buch geschenkt, es gibt eine längere Rede und viel Musik - nur ohne das Wort "Gott". Die DDR-Führung hat die Konfirmation rituell enteignet, um die Menschen von der Kirche zu entfremden.

Wie sollte die Kirche in Ostdeutschland ihrer Meinung nach reagieren?

Die Kirche kommt im Osten kulturell und gesellschaftlich kaum mehr vor. Sie hat deshalb auch nichts zu verlieren, wenn sie ihre Konfirmationspraxis überdenkt. Sie sollte den Konfirmandenunterricht als offenes pädagogisches Angebot für alle gestalten, möglichst ohne Bekenntniszwang. Die Kopplung des Bildungsvorgangs "Konfirmandenunterricht" mit dem liturgischen Akt "Konfirmation" ist keineswegs biblisch begründet, sondern hat sich über einen längeren historischen Zeitraum kulturell herausgebildet. Zudem sollte die Kirche in Ostdeutschland in Religionsunterricht und evangelische Schulen investieren, damit sich die Menschen ein vorurteilsfreies Bild machen können von Religion und Kirche.

Kurz erklärt: Woher kommt die Jugendweihe?

Die Jugendweihe wurde im 19. Jahrhundert als Konfirmationsersatzfeier von freireligiösen Bewegungen eingeführt. In der Weimarer Republik versuchte vor allem die Arbeiterbewegung, Jugendliche mit der Feier für ihre kirchenkritischen, pazifistischen und klassenkämpferischen Ideen zu gewinnen. In der DDR beschloss die Regierung 1954 die Einführung der sozialistischen Jugendweihe. In zehn Pflichtjugendstunden wurden die Jugendlichen auf die Feier vorbereitet, bei der sie am Ende des 8.Schuljahres ein Gelöbnis auf Sozialismus und Staat ablegen mussten.

Seit Ende des SED-Staates wird die Jugendweihe als feierlicher Übergang von der Kindheit ins Jugendalter weitergeführt. Der Verein Jugendweihe Deutschland hat 2011 rund 30800 Teilnehmer registriert, davon 544 in Westdeutschland.

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