Trotz Hörschadens ins Konzert? : Mit Hörgerät ins Jazz-Konzert

Katharina Rupnow und Kevin Weltzien  bei der Vorbereitung einer Veranstaltung
Katharina Rupnow und Kevin Weltzien bei der Vorbereitung einer Veranstaltung

Modellprojekt will für barrierefreie Kulturveranstaltungen sensibilisieren / Festspiele MV und „Jedermann“ waren erste Kooperationspartner

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20. September 2015, 09:00 Uhr

Trotz Hörschadens ins Konzert? Mit einer Sehbehinderung in die Ausstellung? Im Rollstuhl zum Open Air? „Warum nicht!“, sagen Katharina Rupnow und Kevin Weltzien. Seit Anfang Juli arbeiten beide für das Projekt „Barrierefreie Großereignisse in Mecklenburg-Vorpommern“ – und haben schon nach kurzer Zeit einiges vorzuweisen. So gab es bei den „Jedermann“-Festspielen in Wismar eine Vorstellung, bei der zwei Gebärdendolmetscher die Handlung auch Hörgeschädigten und Gehörlosen nahebrachten. „Nicht nur für ihre Übersetzung in die Gebärdensprache, sondern auch für ihre großartige schauspielerische Darstellung wurden sie sehr gelobt – und das längst nicht nur von Gehörlosen“, erzählt Kevin Weltzien.

Beim Ludwigsluster „Kleinen Fest im Großen Park“ konnten Schwerhörige dank einer hörverstärkenden Funkübertragungsanlage auch gesprochenen Darbietungen ohne Einschränkungen folgen. Und für Menschen mit Seheinschränkungen gab es einen taktilen Lageplan, der ihnen die Orientierung auf dem Festgelände erleichterte.

Der Veranstalter des „Kleinen Festes“, die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, sind bislang der größte Kooperationspartner in dem auf zwei Jahre angelegten, aus EU-Mitteln geförderten Projekt, erklärt Kevin Weltzien. Allerdings sei Hörverstärkung hier nur ein Aspekt von vielen. 80 Prozent der Festspiel-Konzerte kämen ohne Tonverstärker aus – der aber sei nötig, um einen Transmitter anzuschließen, mit dem Signale an die Empfangsgeräte ausgesandt werden. Empfänger können eigens ausgegebene Kopfhörer, aber auch Hörgeräte sein. „Stellt man die auf T wie Telefon ein, empfangen sie automatisch die entsprechenden Signale“, so Weltzien. „Leider klären darüber längst noch nicht alle Hörgeräteakustiker auf.“ Andere Konzertbesucher – oder auch mitschneidende Rundfunkanstalten – würden durch die Hörverstärker übrigens nicht beeinträchtigt, da auf einer eigenen Frequenz gearbeitet wird.

Momentan besteht die Hauptarbeit der beiden Projektmitarbeiter darin, mit Veranstaltern ins Gespräch zu kommen. Das Problem: „Bei vielen wird barrierefrei nur mit rollstuhlgerecht gleichgesetzt“, hat Kevin Weltzien beobachtet. „Wir wollen aber, dass jeder Mensch, egal ob mit oder ohne Handicap, Zugang zu Kulturveranstaltungen hat – also beispielsweise auch Senioren oder Eltern mit Kinderwagen“, ergänzt Katharina Rupnow. Deshalb hätten sie über Vereine und Verbände auch zu ergründen versucht, welche Unterstützung sich Betroffene wünschen.

Für Blinde und Sehbehinderte zum Beispiel ist eine Audio-Diskription das wichtigste Mittel, um auch die Atmosphäre aufnehmen zu können. „Dazu kann zum Beispiel auch beitragen, wenn Blinde vor einer Theatervorstellung Kostüme und Requisiten in die Hand nehmen dürfen“, erläutert Katharina Rupnow. „Es ist nämlich nicht so, dass Blinde allein über ihr Gehör das Sehvermögen ausgleichen können.“

Piktogramme in Veranstaltungsplänen, Programme in Braille-Schrift oder als Audiodatei, von Schriftdolmetschern erstellte Untertitel – „das sind alles keine Sachen, die viel Geld kosten. Audiodateien kann man sogar am heimischen Computer erstellen“, meint Kevin Weltzien. Und breite, ebene Zuwegungen helfen nicht nur Rollstuhlfahrern und Blinden, sondern auch Gehbehinderten oder Eltern mit Kleinkindern.

Der MAU-Club in Rostock, die Störtebeker-Festspiele auf Rügen und das Filmkunstfest in Schwerin haben für die nächste Saison schon Interesse signalisiert, so Katharina Rupnow. In Ludwigslust wird Kunst ohne Barrieren schon heute Abend Realität: „Jazz & Lyrik“ in der Stadthalle sind dank einer hörverstärkenden Funkübertragungsanlage auch für Hörgeschädigte erlebbar.

Im Schweriner „Haus der Begegnungen “ wird es am 7. Oktober eine Weiterbildung zum Thema „Barrierefreie Kulturveranstaltungen “ geben. Anmeldungen sowie Anfragen sind unter barrierefrei@hdb-sn.de oder telefonisch unter 01608590227 möglich

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