Ölbekämpfung aus der Luft : Mit Fliegern gegen Ölteppiche

Airservice-Chef Bertram Diezemann, hat bereits seinen ersten Agrarflieger von Kyritz an die Ostseeküste verlegt. Die Maschine soll demnächst in Barth zu ersten Abwurftests mit Spezialbindern gegen Ölverunreinigungen starten. Foto: Ralph Sommer
Airservice-Chef Bertram Diezemann, hat bereits seinen ersten Agrarflieger von Kyritz an die Ostseeküste verlegt. Die Maschine soll demnächst in Barth zu ersten Abwurftests mit Spezialbindern gegen Ölverunreinigungen starten. Foto: Ralph Sommer

Die Flotte deutscher Ölbekämpfungsschiffe in der Ostsee erhält bald Unterstützung aus der Luft. Dafür sollen auf dem Flughafen Barth Flugzeuge stationiert werden, die im Havariefall Öl absorbierende Stoffe ausstreuen.

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08. Juni 2012, 10:14 Uhr

Barth | Die vom Havariekommando koordinierte Flotte deutscher Ölbekämpfungsschiffe in der Ostsee erhält in den nächsten Jahren Unterstützung aus der Luft. Dafür sollen auf dem Flughafen Barth zwei bis sechs spezielle Flugzeuge stationiert werden, die im Havariefall Öl absorbierende Stoffe über dem verunreinigten Seegebiet ausstreuen.

Erste Zielabwürfe mit einem umgerüsteten Agrarflieger des Typs "M 18 Dromader" sollen schon im Juni über einem Testgelände im Landkreis Vorpommern-Rügen absolviert werden. Die Maschine könne bis zu zwei Kubikmeter Ölbinder aufnehmen, sagte Bertram Diezemann, Chef des Kyritzer Luftfahrtunternehmens Airservice, das den nordvorpommerschen Landeplatz künftig als Basis für Havarieeinsätze in Mecklenburg-Vorpommerns Küstengewässern nutzen will. "Wir werden bei diesen Probeflügen testen, wie das Granulat bei unterschiedlichen Windverhältnissen im 15-Meter-Tiefflug zielgenau und in richtiger Dosierung ausgebracht werden kann", sagte er. Bereits im April sei im Seegebiet vor Warnemünde das Driftverhalten von Materialien untersucht worden, die zuvor von einer Bootsbesatzung ins Meer gesetzt wurden.

Die Flugversuche reihen sich ein in das Verbundprojekt Biobind, zu dem sich vor einem Jahr sieben Institute und Firmen zusammengeschlossen haben. Der Aufbau eines luftgestützten Systems zur Beseitigung von Öl-Verunreinigungen mit biogenen Bindern wird vom Bund über drei Jahre mit insgesamt 2,7 Millionen Euro gefördert. Ziel sei eine schnelle Analyse und Überwachung von Ölverschmutzungen sowie eine zeitnahe Reinigung auch flacher Küstengewässer, sagte Marcus Behrendt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Geotechnik und Küstenwasserbau der Universität Rostock.

Dazu werden gegenwärtig an der Technischen Universität Dresden gepresste Holzspäne mit speziellen Schwimmeigenschaften getestet. Sie sollen das Öl möglichst noch vor seiner Flächenausbreitung binden und verhindern, dass es auf den Meeresgrund absinkt. Holz- und Papiertechniker probten derzeit in einem Schwimmbad den 20-tägigen Einsatz unterschiedlicher Materialien, die vor ihrem Abwurf aus der Luft mit bestimmten Mikroorganismen versetzt würden, sagte ein Hochschulsprecher. Gezüchtet werden die Öl fressenden Bakterien von Experten des Instituts für Biologie an der Universität Leipzig. Sie hatten in den vergangenen Monaten in Seegebieten zwischen Kieler Bucht und St. Petersburg Wasserproben genommen und aus ihnen mehrere, in Frage kommende Bakterienstämme isoliert.

In den Labors des Instituts für Ostseeforschung werde derzeit das Abbauverhalten der winzigen Helfer auf unterschiedlichen Ölproben untersucht, sagte Behrendt. Die geeigneten Mikroorganismen sollen später in großen Mengen industriell vermehrt und für Havarieeinsätze bereitgestellt werden. An dem Projekt beteiligen sich auch Rostocker Meerestechniker. Sie arbeiten seit zwei Monaten an einem Konzept zur Bergung der Ölbinder. Demnach sollen Fahrzeuge mit speziellen Netzen die von Ölsperren eingegrenzten Holzspan-Teppiche aufnehmen.

Gesteuert werden die künftigen Flugzeugangriffe auf die Ölpest über ein luftgestütztes Fernerkundungssystem, das die Baasdorfer Consultingfirma Agrosat in Sachsen-Anhalt entwickelt, nach eigenen Angaben deutscher Marktführer in der flugzeuggestützten Fernerkundung im Agrarsektor. Dazu sollen Überwachungsflugzeuge Radar-, Infrarot- und Ultraviolettaufnahmen vom Ölteppich mit Angaben über Ausbreitung und Schichtdicke liefern, die dann mit satellitengenauen Positionsdaten verknüpft und sofort online in die Cockpits der Maschinen der Barther Einsatzstaffel übertragen werden. So erhalten die Piloten, angepasst an Wetterlage und Meeresdrift, den besten Zeitpunkt und Ort zum Abwurf der biogenen Binder.


KURZ ERKLÄRT

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Das neue System soll vor allem die Ölbekämpfung in flachen Seegebieten bei Schlechtwetter und hohem Seegang unterstützen. Durch den Einsatz von Flugzeugen könnte nach Einschätzung von Experten auch an weiter entfernteren Unfallorten schnell gehandelt werden. Die Agrarflieger "M 18 Dromader" haben eine Reichweite von bis zu 1000 Kilometern und wurden bislang vor allem beim Ausbringen von Düngemitteln und zur Brandbekämpfung eingesetzt. Das Projekt Biobind soll die Einsatzkräfte des Havariekommandos ergänzen. Ihm stehen bislang drei Schadstoffunfallbekämpfungsschiffe zur Verfügung. Zusätzliche Hilfe könnten die Besatzungen von 13 weiteren Spezialschiffen leisten, die in der Nordsee stationiert sind. Depots mit Technik und Ölsperren gibt es in Flensburg, Kiel, Lübeck, Rostock und Stralsund.

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