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Ganzheitliche Ansätze im Trend : Mit Druck gegen den Schmerz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rostocker Physiotherapeutin integriert Faszienmassage in ihre Therapie

von
erstellt am 19.Mai.2015 | 11:45 Uhr

Mit beiden Händen umfasst Grit Meinke den Unterarm ihrer Patientin. Die eine Hand dreht das Gewebe nach rechts, die andere nach links. „Das kennen wir aus Kindertagen als ,Brennnessel‘“, erzählt die Physiotherapeutin und Heilpraktikerin für Physiotherapie vom Universitätsklinikum Rostock. Langsam und konzentriert arbeitet sich Meinke den Arm hinauf, massiert ihn mit leichtem Druck.

Was hier behandelt wird, ist kein Muskel, sondern eine Faszie. „Faszien sind verhältnismäßig fest geformte, hautähnliche Bindegewebsstrukturen, die systemartig im Körper organisiert sind“, erklärt sie. Durch mehrere Kurse hat sich Meinke auf die Therapie von Faszien spezialisiert. „Ich arbeite gerne damit, denn ich merke, dass es den Patienten hilft“, sagt sie.

Faszienmassage liegt heute im Trend. In der Physiotherapie, im Fitnessbereich, aber auch in der Sportmedizin setzt man vermehrt auf die Behandlung von Faszien und spezielles Faszientraining. Denn – so glaubt man – nicht nur trainierte Muskelgruppen, sondern auch ein gesundes Bindegewebe sorgen für mehr Beweglichkeit, Vitalität und Leistungsfähigkeit.

Doch was sind Faszien überhaupt? Faszien umhüllen im Körper jeden Muskel, jedes Organ und jede Struktur und verbinden sie miteinander. So sorgt das Bindegewebsnetzwerk dafür, dass der Körper zusammengehalten wird, verleiht ihm Stabilität und schützt ihn ähnlich eines Stoßdämpfers.

„Faszien sind in Längsrichtung angeordnet“, erklärt Meinke. „Man kann sich das wie die Längsstreben vom Eiffelturm vorstellen. Dazu kommen noch sieben Sicherungsebenen in Querlage wie das Zwerchfell oder der Beckenboden.“

Allerdings geben Faszien dem Körper nicht nur Form. Sie trennen auch einzelne Körperteile und Strukturen – wie etwa Muskelfasern in einem Muskel – voneinander. Ähnliches kennt man auch von anderen Lebensformen. Bei einer Apfelsine oder einer Grapefruit gibt es formgebende und zugleich trennende Gewebe: nämlich die weißen Häute, die das Fruchtfleisch in einzelne Kammern unterteilen.

Die Aufgabe des Fasziensystems ist noch weitreichender. Es ermöglicht trotz seiner Ordnungsfunktion, dass Organe bei Bedarf ihre Position verschieben können. Das ist lebensnotwendig. Beispielsweise dehnt sich die Lunge beim Einatmen aus und verschiebt andere Organe in den Bauchraum. Das flexible Fasziensystem sorgt dafür, dass trotzdem alle Organe funktionstüchtig bleiben.

Faszien sind aber nicht nur das Organ für Form und Flexibilität. Sondern sie bilden auch das größte Sinnesorgan des Körpers. Über das Fasziengewebe nehmen wir zahlreiche Impulse aus unserer Umwelt und unsere körperliche Beziehung dazu wahr. Mittels dieses „sechsten Sinns“ haben wir überhaupt erst die Fähigkeit, uns zu bewegen.

Doch nur ein vitales Bindegewebe ist auch leistungsfähig. Durch Einwirkungen von außen – einem Sturz, einem Autounfall oder anderen Gewalteinwirkungen auf den Körper – können Faszien verkleben, verfilzen und sind in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt. Auch durch Bewegungsmangel, eine falsche Körperhaltung, z.B. vieles Sitzen am PC, oder im Alter verlieren Faszien an Elastizität. Die Folge: Gelenk- oder Rückenschmerzen, Taubheitsgefühl oder Kribbeln in den Extremitäten bis hin zu Mobilitätseinschränkungen. Selbst durch Stress kann sich das Fasziennetzwerk versteifen.

Eine gezielte Faszientherapie soll dagegen helfen. „Man muss sich das so vorstellen, wie das Ordnen von Teppichfransen“, sagt Grit Meinke über die Faszienmassage. „Die direkte Behandlung ist sehr wirksam, aber auch schmerzhaft.“ Denn Faszien haben ein lebenslanges Gedächtnis. Werden verhärtete Stellen massiert, durchlebt der Patient den gleichen Schmerz, der zur Verfilzung geführt hat, noch einmal. Neben der Massage, bei der Physiotherapeutin Meinke tastbare Störungen verfolgt, verwendet sie noch die indirekte Technik. „Damit kommt man tiefer in den Körper rein“, erklärt sie. Diese Therapieform integriert Meinke beispielsweise bei Patienten mit Lungenkrankheiten und kann so Blockaden in der Atmung lösen.

Auch wenn Faszientherapie derzeit im Trend liegt, handelt es sich nicht um eine gänzlich neue Behandlungsform. „So etwas wie Bindegewebsmassage hatten wir schon als Ausbildungsfach“, berichtet Meinke. Ihre Ausbildung als Physiotherapeutin absolvierte sie von 1981 bis 1984 in Chemnitz. Aufgrund ihrer Blindheit besuchte sie die dortige Schule für Sehbehinderte.

Neu an den heutigen Ansätzen ist der ganzheitliche Aspekt – die Erkenntnis, dass Störungen im Fasziensystem sich negativ auf den ganzen Körper auswirken können, weiß Meinke. Therapieansätze, die das berücksichtigen, werden gerade weltweit entwickelt.

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