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Junge Bläserkreis Mecklenburg-Vorpommern : Mit deutscher Blasmusik durch Argentinien

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Der Junge Bläserkreis Mecklenburg-Vorpommern tourt drei Wochen lang durch Argentinien. Die sieben Mädchen und vier Jungen spielen auf und lernen, dass die Uhren hier anders gehen.

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erstellt am 05.Feb.2013 | 10:34 Uhr

I. Brille in der Tuba

Es passt eigentlich ganz gut, dass Konrad Söffky gerade an diesem Morgen die Brille in seine Tuba gefallen ist. Jorge Ludueña wird sich am Abend darum kümmern. Der Argentinier baut und repariert Trompeten, Tuben und Hörner seit seinem elften Lebensjahr. Inzwischen ist er 72 und hat die elf Musiker vom Jungen Bläserkreis Mecklenburg-Vorpommern zu sich nach Hause eingeladen. "Jorge ist der René Favaloro der Blasinstrumente", sagt Martin Huss, der Landesposaunenwart der Nordkirche. Favaloro, Argentiniens berühmtestem Arzt, gelang 1967 die erste Bypass-Operation am Herzen. Jorge Ludueña soll nur die gelbe Plastikbrille aus der Tuba holen, die Konrad Söffky trägt, wenn sie "Der rosarote Panther" spielen.

II. Erste Probe

Vieles ist anders, und deshalb klappt noch nicht alles. Aber die dreiwöchige Tour durch Argentinien - mit einem Abstecher nach Chile - beginnt für die sieben Mädchen und vier Jungen auch gerade. Die erste Probe nach der Ankunft in Banfield, einem Vorort von Buenos Aires, empfand Chorleiter Martin Huss als "Katastrophe". Seine Bläser standen unter der Eiche, die Huss’ Vater 1939 als Pflänzchen mit aufs Schiff genommen hatte, als er mit seiner ungarischen Frau Deutschland verließ, um fortan in Argentinien zu arbeiten und zu leben. Huss, Jahrgang 1960, ein Riese von 1,95 Meter, liebt diesen Baum, und er liebt das Haus davor, in dem er mit fünf Brüdern und seiner Schwester Ili aufgewachsen ist. Ili lebt bis heute hier, und jetzt ist das Haus endlich wieder voll.

Marti Huss ließ Stücke anspielen, er unterbrach und beschwerte sich, dass die hohen Töne "klappern", er sang "da-da-di" und "dagga-dagga-daaa", so sollte es klingen, er sang "traka, traka, trika, trika, tru" - und so bitte nicht. Bei "Schlomo tanzt", einem Stück, das der Bläserkreis noch nie im Konzert gespielt hat, hörte der Dirigent "Intonation null" und korrigierte sich dann auf "minus 15". Er war sehr empört. Seine Schützlinge sind längst gut genug, um zu hören, wenn sie schlecht sind. Sie üben jeden Tag eine Stunde und kriegen sogar mit, wenn von links und rechts falsch geblasen wird. Sie verstanden ihren Lehrer. Aber sie wurden von Mücken angegriffen, kamen aus dem deutschen Winter, probten bei 30 Grad nach Sonnenuntergang und waren erschöpft vom 14 Stunden langen Flug. Für einige war es der erste überhaupt gewesen - und die hatten besonders schlecht geschlafen. Huss aber hielt mit einem Asiaten im Nacken dagegen. "Der hat die ganze Nacht an meinem Sitz gerüttelt", rief er. "Ich habe kein Auge zugemacht."

Nur Adrian Hammermeister, mit zehn Jahren der jüngste im Bläserkreis, wurde geschont. Am Mittag hatte der Baritonspieler aus Güstrow zehn Empanadas gegessen. Selbst ausgewachsene Argentinier schaffen, nach einem Tag harter Arbeit wohlgemerkt, nicht mehr als sieben dieser oft mit Hackfleisch gefüllten Teigtaschen. Huss bot ihm Bauchschmerzen als Grund für zwei Fehler an, aber wer zehn Empanadas bezwingt, nimmt solche Almosen natürlich nicht.

Um kurz vor zehn schliefen die ersten am Gartentisch ein. Doch Martin Huss wollte unbedingt noch etwas sagen. Beim Mittagessen sei ihm aufgefallen, dass sehr geschlungen wurde, und Konrad Söffky habe sich sogar wiederholt erkundigt, wann denn nun endlich die Nachspeise komme. Der Argentinier, der seit 14 Jahren in Barkow bei Plau am See lebt, schüttelte den Kopf. "Die Leute hier nehmen sich Zeit. Das müsst ihr lernen", sagte er. "Nun gute Nacht."

Alle gingen schlafen, nur Huss, der wegen eines Asiaten die Nacht angeblich durchgemacht hatte, besuchte noch einen Freund.

III. Wieder bei Jorge

Martin Huss kennt Jorge Ludueña, den Mann, der Blech wieder zum Klingen bringt, seit 1978 - más o menos, wie man hier sagt, ungefähr. Damals übernahm er den Posaunenchor der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Temperley, einem anderen Vorort von Buenos Aires. Es gab acht Bläser mit verbeulten Instrumenten. Huss suchte in Schulen Musiker und trug die Trompeten und Hörner zu Jorge. Der Chor hatte bald 50 Mitglieder, und Huss blieb sein Dirigent, bis er 1998 Mecklenburger wurde.

Auf dem Grill liegt schon das Abendessen, más o menos eine halbe Kuh, also das, was von ihr übrig geblieben ist: Chorizos (grobe Bratwürste), Morcillas (Blutwürste), zwei Sorten Rindfleisch. Und weil der Gastgeber Jorge heute Asador ist - der Mann, der grillt - und ein Asador niemals bei der Arbeit gestört werden darf, angelt sein Sohn Marcelo die gelbe Brille mit einem Kleiderbügel aus der Tuba.

Jetzt können Konrad Söffky und die anderen für Jorge, seine Familie und Freunde spielen. Zehn Zuhörer sind es. Die großen Konzerte kommen erst noch. Das hier ist eine Probe vor ausgewähltem Publikum. Ignazio, von allen Nacho genannt, Jorges Enkel, ist gerade noch auf seinem Dreirad herumgefahren. Jetzt bremst er und lauscht der "Europafanfare", dem ersten Stück des Bläserkreises. So etwas hat er noch nie gehört. Im Land des Tangos sind diese goldenen Instrumente, die dicke Backen machen, nahezu unbekannt - Mecklenburgo-Pomerania Occidental natürlich auch, was man nicht persönlich nehmen sollte. Argentinien misst von Nord nach Süd 4 000 Kilometer und ist - bei halb so vielen Einwohnern - fast achtmal so groß wie Deutschland. Da bleibt in der Heimat schon genug unentdeckt.

Huss gibt trotzdem eine Deutschstunde. Zwischen den Stücken erzählt er von Barkow, wo er mit einer Frau, drei Kindern, 120 Hühnern, fünf Kaninchen, zwei Gänsen und der Hündin Ruperta lebt. Er erklärt auch, dass Schimpfwörter in Deutschland wirklich Schimpfwörter seien, und da wundern sich die Zuhörer noch mehr über dieses Volk, das Blasmusik mag. Denn "Che boludo!" ("He, Schwachkopf!") benutzt ein Argentinier ganz selbstverständlich, der sechsjährige Dreiradfahrer genauso wie der 52-jährige Dirigent. So reden sie ihre besten Freunde an. Und geflucht wird sowieso pausenlos.

Zufrieden ist Huss nach dem Konzert nicht. Erst bei 20 Prozent seines Könnens seien sie, sagt er. Vielleicht wären es ein paar Prozent mehr gewesen, wenn sie nicht gegen das "Bläsergesetz" verstoßen hätten. "Eine Stunde im Wasser ist für Bläser der Tod", sagt er. Der Muskulatur werde schlapp, nicht nur im Mundbereich. Er hatte sie am Nachmittag trotzdem ins Schwimmbad gelassen. "Wenn ich das meinen Musiklehrern von früher erzählen würde, die würden sagen: Beruf verfehlt." Andererseits war es der heißeste Tage des Sommers: 36 Grad und dazu diese feuchte Luft vom Río de la Plata.

"Martin sagt immer, was ihm nicht gefällt", sagt Lilly Dettmann (Tenorhorn), mit 15 Jahren die älteste Teilnehmerin der Tournee. "Aber wenn er lobt, weiß man dafür auch, dass man gut war." Und wie waren sie? "Oh", sagt das Mädchen aus Burg Stargard und hält sich beide Hände vor die Augen, "gestern wirklich schlecht und heute ein bisschen besser."

Und dann schlafen wieder ein paar Bläser am Tisch ein. "Sie sind körperlich am Ende", sagt Martin Huss und muss sie doch noch einmal wecken: Ohne den Mann zu beklatschen, der alles gegrillt hat, darf man in Argentinien nicht verschwinden, wenn man wiederkommen will. "Un aplauso pal Asador! Gracias, Jorge!"

IV. Das erste Konzert

Noch zweieinhalb Wochen werden die elf Bläser in Argentinien unterwegs sein und jeden Tag ein bis zwei Auftritte haben. Das Geld für die Reise haben sie in Deutschland eingesammelt, bei Besuchern ihrer Auftritte und Sponsoren. Auch die Eltern waren großzügig. So können sie ohne Gage auftreten, die Einnahmen den Veranstaltern überlassen und Pesos für ein Projekt einspielen, das Straßenkinder über Musik resozialisiert. Sie werden mit Mapuche-Indianern musizieren und der Kunstschule im Skiort Bariloche eine Trompete und ein Miniwaldhorn schenken, die ihnen ein Musikhändler mitgegeben hat.

Argentinien war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eines der fünf reichsten Länder der Welt. Dann kamen Staatsputsche und Wirtschaftskrisen. Als die Bläser am Morgen vor dem ersten großen Konzert durch Buenos Aires laufen, sehen sie nicht nur das Teatro Colón, eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt, den Präsidentenpalast, die Kathedrale mit der ewigen Flamme, die auch Soldat Huss einst bewacht hat; sie sehen nicht nur die Avenida 9 de Julio, die mit 140 Metern und 20 Spuren breiteste Straße der Welt. Sie sehen auch: die Matratzen der Obdachlosen und Kinder, die an Autofenster klopfen und um Münzen bitten. Und sie sehen die Kartonsammler, die mit freiem Oberkörper einen Pferdewagen hinter sich herziehen. Die Cartoneros durchsuchen den Straßenmüll nach Pappe, Flaschen, Metall und allem, was sich verkaufen lässt. Mehr als 30 000 Familien sollen allein in und um Buenos Aires so ernährt werden.

Am Abend spielt der Junge Bläserkreis für die Deutsche Evangelische Gemeinde zu Buenos Aires in Martínez, noch einem Vorort. Im Großraum Buenos Aires, der Metropole mit ihrem Speckgürtel, leben fast 13 Millionen Menschen, und in der Hauptstadt ist nur Platz für drei.

Huss stellt Mecklenburg-Vorpommern diesmal als Region zwischen Hamburg und Berlin vor. "Schwerin?", fragt jemand, Huss lächelt, na also, geht doch. Er sieht eine Bekannte und begrüßt sie - so viel Zeit muss sein - mit einem Kuss auf die Wange, dem argentinischen Handschlag. Seine Bläser verdrehen die Augen, jetzt geht er schon wieder durch die Reihen und quatscht sich fest. Manchmal sucht er auch nach Wörtern, weil er, obwohl hier fast alle deutsch sprechen, unbedingt spanisch üben will. Die Zuhörer soufflieren, und schon ist man wieder im Gespräch.

Am Ende setzt sich Konrad Söffky die gelbe Brille aus der Tuba auf, auch die anderen verkleiden sich mit Mützen und Perücken, ein rosaroter Panther im Kostüm betritt die Kirche. Wenn die Deutschen schon klatschen, werden die Argentinier rasen. Blasmusik mit Humor, das wird funktionieren, das erwartet keiner von Deutschen.

Die elf Musiker vom Jungen Bläserkreis Mecklenburg-Vorpommern sind jetzt bei 35 Prozent. So sieht es der Landesposaunenwart Martin Huss. Sie kommen allmählich in Argentinien an. Wenn sie wissen wollen, wann eine Pause geplant sei, und ihr Dirigent meint, "in ein paar Minuten" genüge als Antwort, fragen sie jetzt: "Meinst du deutsche oder argentinische Minuten?"

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