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Bausoldaten : Mit der Spitzhacke Frieden stiften

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Knapp 15 000 Männer verweigerten in der DDR den Dienst an der Waffe: Einer von ihnen war Olaf Hagen aus Lüblow

svz.de von
erstellt am 05.Sep.2014 | 11:50 Uhr

7. September vor 50 Jahren: Der Nationale Verteidigungsrat der DDR beschließt das Bausoldatengesetz. Damit ermöglicht der Staat jungen Männern, zweieinhalb Jahre nach der Einführung der Wehrpflicht, in der Nationalen Volksarmee (NVA) statt mit der Waffe „mit dem Spaten zu dienen“. Die Anordnung gilt für jene, die aus religiöser Überzeugung oder Gewissensgründen den Waffendienst ablehnen. Viele sehen darin aber auch eine Gelegenheit, gegen das sozialistische System aufzubegehren.

Der runde Jahrestag ist Anlass für den Bausoldatenkongress in Wittenberg (Sachsen-Anhalt). Von heute an bis Sonntag treffen sich Ehemalige und Interessierte, um die Geschichte der Wehrdienstverweigerer aufzuarbeiten und über aktuelle Fragen gewaltfreier Friedensprozesse in der Welt zu diskutieren.

Knapp 15 000 Männer dienten von 1964 bis 1989 als Bausoldaten – 3300 allein in Prora auf der Insel Rügen. Einer von ihnen war Olaf Hagen. Der gebürtige Hallenser wurde im November 1988 im Alter von 19 Jahren eingezogen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er eigentlich einen Studienplatz in Potsdam sicher, wollte Gemeindepädagoge werden. Um nicht mitten im Studium zur Armee zu müssen, ging der heute 47-Jährige auf Anraten eines Dozenten zum Wehrkreiskommando und meldete sich freiwillig zum waffenlosen Dienst. „Im Nachhinein war das ziemlich naiv von mir. Vielleicht hätten sie mich gar nicht eingezogen“, äußert sich Hagen selbstkritisch. Den Mut, den Wehrdienst total zu verweigern, hatte er nicht. „Das hätte unter Umständen Gefängnis bedeutet.“

An seine Anreise in Prora kann er sich noch gut erinnern. „Ich war im Zug unterwegs. Je näher wir Prora kamen, desto mehr junge Männer mit kurzen Haaren und Reisetaschen stiegen hinzu. Es herrschte eine seltsame Stimmung“, erzählt er. In Prora angekommen, war Hagen schnell klar, dass er zwar dem Dienst an der Waffe entrinnen konnte, aber nicht den militärischen Strukturen. „Wir wurden von Offizieren in Empfang genommen und in eine Turnhalle gebracht. Dort tauschten wir die Zivilkleidung gegen Armeeklamotten.“ Hagens Zuhause für die nächsten 18 Monate sollte das nie vollendete ehemalige NS-Seebad sein, das die NVA seit 1956 als Kasernen nutzte. „Als Neuankömmlinge bezogen wir in einem Haus die oberste von sechs Etagen“, so Hagen. Mit fünf Männern teilte er sich eine Stube.

Der Kontakt zu älteren Bausoldaten und zu normalen Wehrdienstleistenden war anfangs verboten. Die Männer der waffenlosen Baueinheiten wurden als Teil der Oppositionsbewegung angesehen. Denn für den Staat galt der Friedensdienst nur mit dem Gewehr in der Hand. Die Verbreitung regimekritischen Gedankenguts sollte von vornherein unterbunden werden. „Wir wurden strikt in verschiedene Etagen getrennt“, erzählt Hagen. Dennoch sei es zum Austausch gekommen. „Wir haben beim Essen die Gespräche gesucht und uns mittels Klopfen an der Heizung Zeichen gegeben. Wir ließen auch Seile aus dem Fenster nach unten, um Dinge nach oben zu transportieren“, erinnert er sich. „Wir hielten zusammen.“ Man teilte die Abneigung gegen die politische Ordnung.

Bei der einen oder anderen Plauderei habe er auch von Schikanen seitens der Offiziere gehört, unter denen Bausoldaten der früheren Jahre gelitten haben sollen. Von kurzfristig verhängten Ausgangs- und Urlaubssperren war da die Rede, ebenso von Arrest bei Verstößen. Hagen selbst habe während seiner Dienstzeit glücklicherweise nie derartige Demütigungen erfahren.

Drill und ein rüder Umgangston seien hingegen normal gewesen. Die Offiziere Ernst zu nehmen, fiel ihm dennoch schwer. „Da gab es einen kleinen, dicken Unteroffizier. Der hat andauernd rumgebrüllt. Ich fragte mich: Das soll die Elite des Landes sein? Das war ein Witz und ein Sinnbild für das ganze System“, sagt Hagen. Absurd fand er auch die militärischen Formalien. So durfte nur geduscht werden, wenn es einen Befehl dazu gab.

Zum Einsatz kam Hagen vor allem in Mukran. Seine Aufgabe: Kabelschächte ausheben. In unmittelbarer Nähe zum NVA-Stützpunkt wurde ein Fährhafen errichtet. Dieser sollte der DDR nach den aufkeimenden Protestbewegungen in Polen einen alternativen Transportweg in die Sowjetunion sichern. Das Projekt war bedeutend, daher wurden immer mehr Bausoldaten dort eingesetzt. Die Folge: Prora wurde zum größten Bausoldaten-Standort in der DDR. „Mit Spitzhacke, Spaten und Schaufel hoben wir Gräben aus und schütteten sie wieder zu. Tag für Tag“, erzählt Hagen. Abwechslung hatten nur diejenigen, die eine abgeschlossene Berufsausbildung nachweisen konnten. So wie Hagen. Er war gelernter Heizungsinstallateur, hatte ein Jahr in diesem Beruf gearbeitet. „Dadurch durfte ich bei einem Schlosser auch mal Schweißarbeiten verrichten.“

Völlig überraschend kam für ihn die Versetzung seiner Kompanie zum Petrolchemischen Kombinat nach Schwedt im Oktober 1989. „Da war der Zerfall der DDR bereits zu spüren. Viele kamen nach ihren Ausgängen nicht mehr zurück.“ Dann erfuhr Hagen, dass sein Dienst auf 15 Monate gekürzt wurde. Nur wenig später fiel die Mauer und die Bausoldaten wurden in ihre Heimatstädte geschickt. Dort arbeiteten sie beispielsweise in Krankenhäusern. „Plötzlich waren die militärischen Zwänge weg. Das war ungewohnt“, so der 47-Jährige.

Hagen ging nicht in den Westen. Er wollte bleiben, etwas verändern. „Ich wollte helfen, hier eine neue Gesellschaft aufzubauen“, sagt er. 1990 beginnt er sein Studium. „Den Platz hatte ich noch immer sicher.“ Danach zog es ihn doch nach Westdeutschland, nach Stuttgart – auch der Liebe wegen. Seine damalige Freundin ist mittlerweile seine Ehefrau. Mit ihr hat er drei Kinder. Seit 1996 wohnt er mit seiner Familie in MV, in Lüblow, und ist in Schwerin in der evangelischen Jugend- und Sozialarbeit tätig.

Bausoldatenkongress vom 5. bis 7. September
Unter dem Motto „Friedenszeugnis ohne Gew(a)ehr“ veranstaltet die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt vom 5. bis 7. September in Wittenberg den Bausoldatenkongress. Mit der Veranstaltung wollen ehemalige Bausoldaten und Interessierte den Themen der Gedenkjahre 1914, 1939, 1964 und 1989 sowie der Frage nach einem gewaltfreien Frieden aktuell nachgehen.Teilnehmer sind der Landeskirche zufolge der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Renke Brahms, der frühere Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack, sowie Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) und der Liedermacher Gerhard Schöne.

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