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Hausboote : Mit der Ferienwohnung über die Seen

vom
Aus der Onlineredaktion

Hausboot-Branche in Mecklenburg-Vorpommern setzt auf mehr Qualität und Vielfalt. Jährlich 600 000 Übernachtungen auf dem Wasser

Auf dem Wasser an der Ostseeküste und auf Seen und Flüssen in Mecklenburg-Vorpommern herrscht in diesem Sommer wieder Hochbetrieb. Der Wassertourismus ist eine der Kernmarken des Tourismus im Land. Zu einer der beliebtesten Formen des maritimen Urlaubs hat sich seit gut zwei Jahrzehnten das Touren mit dem Hausboot entwickelt. Mehr als 600 Hausboote stehen im Nordosten zur Verfügung, um damit über die Seen und Flüsse zu schippern. Seit es im Jahr 2000 erlaubt wurde, unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne Bootsführerschein ein Hausboot über die Gewässer zu steuern, boomt die Branche, verdoppelte sich die Flotte der Hausboote. Doch nach Jahren stetigen Wachstums setzen die 150 Unternehmen, die in Mecklenburg-Vorpommern das Chartergeschäft betreiben, inzwischen auf mehr Qualität und mit vielfältigen Bootsmodellen verstärkt auf die individuellen Bedürfnisse der Gäste.

Mehr als 2000 Seen und eine fast komplett vernetzte Wassersportlandschaft haben der Hausboot-Charter in Mecklenburg-Vorpommern zu einem beispiellosen Boom verholfen. In ungebrochen großer Zahl entscheiden sich Urlauber dafür, den Nordosten mit der schwimmenden Ferienwohnung zu erkunden. Eines der Hauptmotive ist das Naturerlebnis, sagt Steffen Schulz, Geschäftsführer von Yachtcharter Schulz in Waren. „Unser seenreiches Bundesland bietet Natur pur. Das schätzen unsere Kunden besonders.“ Erleichtert wird die spezielle Form des Urlaubs auf dem Wasser durch den Charterschein. Er erlaubt es Freizeitkapitänen, ohne Bootsführerschein mit einem motorgetriebenen Wasserfahrzeug die meisten Binnengewässer in MV zu befahren. War anfänglich die Motorleistung auf 5 PS begrenzt, wurde das Limit im Jahr 2013 vom Bundestag auf 15 PS angehoben. Der Charterschein wird in der Regel nach einer zwei- bis dreistündigen fachkundigen Einweisung erteilt. Der Tourismusverband MV schätzt, dass bislang mehr als 100 000 Charterscheine ausgestellt wurden und fast jedes zweite Schiff von auswärtigen Gästen gemietet wird.

Im Land haben sich mit der wachsenden Nachfrage leistungsstarke Anbieter in der Branche etabliert. Zu den führenden Hausboot-Vermietern gehören die Kuhnle-Tours GmbH in Rechlin, Yachtcharter Schulz und Yachtcharter Römer e.K. in Buchholz an der Müritz, die mit Flotten von mehr als 50 und gar 100 Booten operieren. Im bundesweiten Vergleich entfallen nach Angaben des Bundesverbandes für Wassersportwirtschaft gut 75 Prozent des Chartergeschäfts in Deutschland auf Mecklenburg-Vorpommern, womit der Nordosten die klare Nummer eins ist. Der Wassertourismus gilt nach Ansicht von Wirtschaftsminister Harry Glawe „als dynamischer Wachstumsmarkt innerhalb der touristischen Entwicklung in MV“. Im Wassertourismus erwirtschaften 1400 Betriebe mit insgesamt 7100 Beschäftigten jährlich einen Umsatz von mehr als 475 Millionen Euro. Das entspricht zehn Prozent des Gesamtumsatzes der Tourismuswirtschaft zwischen Klützer Winkel und Koserow auf Usedom. Jährlich besuchen etwa 150 000 Wassersportler Mecklenburg-Vorpommern.

Ein Teil von ihnen schätzt zunehmend die Vorzüge des Hausboot-Skippings. „Es ist eine sehr individuelle Form des Urlaubs, man ist sein eigener Kapitän, kann selbst über Wege und Ziele entscheiden“, sucht Tobias Woitendorf, stellvertretender Geschäftsführer des Landestourismusverbandes, den Boom zu begründen. Ein wichtiges Motiv liefern die natürlichen Gegebenheiten von Flüssen und Seen in MV, die zusammen mit den zahlreichen Brandenburger Binnengewässern das größte Wassersportrevier in Europa bilden. Über die zentrale Mecklenburgische Seenplatte hinaus können Hausboot-Kapitäne zum Beispiel via Müritz-Elde-Wasserstraße bis in die Landeshauptstadt Schwerin schippern. Das gesamte Fahrtgebiet reicht bis zur Insel Rügen, zum Greifswalder Bodden, zum Achterwasser von Usedom, zum Stettiner Haff und bis hinein nach Brandenburg und Berlin.

Ermöglicht wurde diese Streckenausdehnung durch einen kontinuierlichen Ausbau der erforderlichen maritimen Infrastruktur entlang der Wasserstraßen. Seit 1990 wurden in MV laut Wirtschaftsministerium mehr als 573 Millionen Euro investiert, darunter für neue Schiffsanleger, Wasserrastplätze und Seebrücken. Hinzu kamen 252 Millionen Euro, die in das maritime Gewerbe flossen. Es entstanden unter anderem Marinas, Sportboothäfen und Bootsverleihstationen.

In jüngerer Vergangenheit zogen jedoch dunkle Wolken über Flüssen und Seen auf, die von Wassersportlern und -touristen genutzt werden. Im Februar dieses Jahres hatte das Bundeskabinett das Programm „Blaues Band Deutschland“ beschlossen. Eines der formulierten Kernziele ist es, Nebenwasserstraßen in größerem Stil zu renaturieren. Tobias Woitendorf und andere Vertreter der Tourismusbranche befürchten, dass damit unter anderem die „durchgehende Befahrbarkeit“ des Wasserstraßennetzes gefährdet wird. Derweil hat das Bundesverkehrsministerium leichte Entwarnung gegeben.

Wie der Bundesverband der Wassersportwirtschaft mitteilte, habe das Ministerium Ende April dieses Jahres vor Unternehmern in Neubrandenburg versichert, dass keine Nebenwasserstraßen des Bundes entwidmet werden. „Die enorm wichtigen Wasserwege, wie um Berlin sowie Müritz-Havel- und Müritz-Elde-Wasserstraße sollen technisch instandgehalten und erneuert werden“, hieß es aus dem Branchenverband. Wie dringlich dies ist, belegt ein enormer Investitionsstau, den Woitendorf bundesweit auf insgesamt eine Milliarde Euro beziffert. Etwa 80 Prozent der wasserbaulichen Anlagen, darunter vor allem Schleusen, müssten repariert oder erneuert werden. Welche Brisanz darin steckt, beschreibt Hausboot-Vermieter Harald Kuhnle, Geschäftsführer von Kuhnle-Tours: „Wir hoffen, dass nicht eine der alten Schleusen gerade im Sommer kaputt geht, dann wäre die Wasserstraße nach Berlin nicht mehr durchgängig befahrbar.“

In der Branche geht es derweil enger zu. Steffen Schulz von Yachtcharter Schulz spricht von einem „hart umkämpften Markt“. Die Vermieter konzentrierten sich darauf, „die Vielfalt und Qualität ihrer Angebote explizit zu erhöhen“. Die Produkte würden ständig verbessert, „jährlich kommen neue Modelle hinzu“. Ähnlich den Vermarktungsstrategien in der Hotellerie existiert eine erhebliche Preisspanne. „Von Sparpaketen bis Luxusofferten ist für jeden Anspruch etwas dabei“, so Schulz.

Abhängig von Saison und Bootsgröße werden nach seinen Angaben Wochenmieten von 500 bis 1250 Euro für Zwei-Personen-Boote und 2350 bis 4150 Euro für größere Schiffe mit zwölf Personen fällig. Die Hausboote verfügen über moderne Sanitär- und Wohnbereiche sowie Kommunikationstechnik. „Einige sind speziell auf ältere Wassertouristen und Gäste mit Behinderung zugeschnitten“, ergänzt Schulz. Einen besonderen Clou stellt der sogenannte „freecamper“-Trimaran dar. Auf das floßartige Gefährt können Straßen-Wohnmobile bis zu 3,5 Tonnen unkompliziert verladen und mit auf die Wasserreise genommen werden.

Wer als Bootstourist oder -eigner mit einer schwimmenden Ferienwohnung unterwegs ist und darin auch die Nächte verbringt, wird übrigens nicht in der offiziellen Übernachtungsstatistik berücksichtigt. Diese hatte für das vergangene Jahr einen Rekord von 30,3 Millionen Übernachtungen registriert. Nach Schätzungen der Wassertourismus-Branche gibt es jährlich 600  000 Übernachtungen auf Seen und Flüssen im Land.

Mekka der Hausboote

Zentrum des Hausboot-Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern ist die Mecklenburgische Seenplatte. Die größte zusammenhängende Wassertourismus-Destination Mitteldeutschlands umfasst weit über 1000 Binnenseen sowie Flüsse und Kanäle und mit der Müritz den größten Binnensee Deutschlands. Im Jahr 2016 gab es in der Region mehr als 400 000 Übernachtungen auf Charterbooten. Das sind etwa zehn Prozent aller Gäste-Übernachtungen an der Mecklenburgischen Seenplatte.
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