MeckPomm ist gespalten : Mit dem Supermarkt übers frustrierte Land

mobile_shopping_18
1 von 3

Gutqualifizierte starten durch, der Rest wird abgehängt.

svz.de von
16. August 2016, 12:00 Uhr

Stefan Pötschke zieht seinen Kaufmannskittel an und fährt los. Im Heck seines Lieferwagens transportiert er Einmachgummis, Geleebananen, Sauerfleisch – und im Kopf eine kleine Chronik der Menschen rund um Schwerin. Seit der Wende schaukelt der Kaufmann mit seinem fahrenden Supermarkt über die Dörfer der Gegend und dabei ist Reden mindestens so wichtig wie Rechnen.

Sein erster Kunde sitzt mit Gehstock und Stoffbeutel in der Hand vor seinem Haus und wartet schon auf Pötschke, der aussteigt und ihn begrüßt. „Guten Morgen Herr Werselin*, wie geht es Ihnen?“ Werselin nimmt das Gleiche wie immer: ein paar Lebensmittel, zwei Flaschen Schnaps und ein Weltkrieg-Heftchen voller Heldenstories. Als Pötschke uns Journalisten vorstellt, regt Werselin sich auf: „Mit dem Stock sollte man Journalisten vom Hof treiben.“ Und: „Diesen Grünen-Politikern sollten man den Kopf rasieren und sie erschießen.“ Pötschke hält freundlich dagegen, beruhigt den alten Mann. Später, zurück am Wagen, sagt er: „Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Werselin gegen jugoslawische Partisanen und hat so einiges mitgemacht. Und seit seine Frau vor zehn Jahren gestorben ist, hat er außer seinem Sohn nur noch mich.“

Man sieht ein Bundesland, das verödet. Die Einwohner können sich ein Viertel weniger leisten als zum Beispiel die Bayern. Die Arbeitslosigkeit liegt ein Drittel höher als im Bundesdurchschnitt. Nach der Wende lebten zwei Millionen Menschen zwischen Schwerin und polnischer Grenze, heute sind es nur noch 1,6 Millionen. Die schlimmsten Zustände herrschen auf dem platten Land, dort, wo auch mehr rechts gewählt wird, als in den Städten. Ähnlich wie in Österreich, Frankreich und Großbritannien.

Wir fahren mit fliegenden Händlern in West- und Ostmecklenburg-Vorpommern übers Land, um hinter die Zahlen zu gucken und entdecken eine gesellschaftliche Spaltung, die Gesamtdeutschland widerspiegelt. „Nach der Wende ist hier alles kaputt gegangen“, sagt Pötschke und öffnet in seinem Lieferwagen die silberne Thermoabdeckung des Kühlregals für die nächste Kundin. „In den ersten fünf Jahren brach die gesamte Nahversorgung zusammen.“

In der DDR arbeitete er als Chemieingenieur und als Bürgermeister einer kleinen Gemeinde, wollte nach der Wende aber raus aus der Politik. Als die ersten Einkaufsläden schlossen, kaufte er den Wagen. „Wenn ich damals Urlaub gemacht habe“, sagt er „herrschte Hunger auf den Dörfern.“ Die Kundin, die gerade Obst in ihren Einkaufskorb legt, lebte schon damals in der Straße. „Hier war noch nicht mal asphaltiert und wenn er nicht kam, haben wir ihn schon sehr vermisst.“ Immer mehr Menschen baten Pötschke, auch bei ihnen vorbeizuschauen. Und obwohl noch weitere Wagen über die Dörfer tourten, arbeitete er bis zu hundert Stunden die Woche.

„Seit 1995 kamen eigentlich keine neuen Kunden dazu “, sagt er. Spätestens zu der Zeit begriffen die Menschen, dass die Ostwirtschaft noch lange kranken würde und die Jungen zogen in den Westen. Die Dörfer verfielen und Pötschke wurde mehr als ein Kaufmann: Die Menschen erzählten ihm von ihren Berufsjahren auf fernen Kontinenten, über ihr Leben als Donauschwaben in Persien, das Überleben auf der sinkenden Gust-loff.

Über die Jahre verlor der 62-jährige immer mehr Kunden an den Tod oder das Pflegeheim. Heute arbeitet er nur noch 35 Stunden die Woche, die Einkäufe werden kleiner und so verdient er nur noch rund fünf Euro die Stunde. Dabei gäbe es wieder Kunden, die neuen Autos vor den Häusern zeugen davon.

Andreas Bärle nimmt ein Paket Butter und eine Milch aus dem Kühlregal und plaudert kurz mit Pötschke. Er mag ihn und hält ihm die Stange. Brauchen tut er ihn nicht. „Seit der Bundesgartenschau vor sieben Jahren geht es in Schwerin wieder bergauf“, sagt der Kleinunternehmer Bärle. Vor allem Hightechunternehmen treiben das neue Wachstum – Luftfahrt-, Biotech- und Medizintechnikunternehmen siedeln sich an.

2015 wurde in Mecklenburg-Vorpommern das historisch höchste Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet, die Exporte stiegen im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent. Die Unternehmen schaffen vor allem Jobs für Hochqualifizierte, viele Unternehmen suchen geeignete Fachkräfte. Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit rund 20 Prozent niedriger als vor vier Jahren. Viele im Westen des Bundeslandes arbeiten im reichen Hamburg.

Als sich das erste Kind andeutete, zog Bärle vor einigen Jahren mit seiner Ehefrau aus Schwerin ins Dorf Schossin. Das Bauland war billig. Die beiden betreiben eine Wäscherei und ein Naturkosmetikgeschäft in Schwerin. Sie bauten ein baubiologisches Haus, mit Garten und Feldsteinmauer. Ein befreundetes Pärchen kaufte das Haus einer verstorbenen Frau nebenan, andere junge Familien sanieren die umliegenden Siedlungshöfe. „Ich schätze, dass wir ein Viertel Kinder im Dorf haben“, sagt Bärle. Seine Einkäufe erledigt er auf dem Heimweg, in den Discountern ist es billiger.

Auch Pötschke wollte am Aufschwung teilhaben, obwohl er seine Alten liebt, bewarb er sich als Filialleiter in einem Supermarkt und scheiterte. Zu alt. Und damit spiegeln Bärle und Pötschke ein bisschen die deutsche Wirtschaftsentwicklung. Die Gutqualifizierten starten durch, weniger glückliche und ältere werden abgehängt.

Morgens um sechs drückt Anja Dau ihre Zigarette aus, verabschiedet die Kolleginnen und steigt in ihren mobilen Bäckereitruck. Den ganzen Tag wird sie Menschen in den Dörfern rund um Anklam beliefern. Anklam, das ist Schwerins kleine harte Schwester. Arbeitslosigkeit: 14,8 Prozent. NPD: 9,2 Prozent. Größte Arbeitgeber: Molkerei, Türenwerk, Bettenfabrik. Mobile Bäckereien und Supermärkte gibt es viele. „Ich habe Angst, dass ich meinen Job wieder verliere, weil die Alten auf der Route alle wegsterben“, sagt die 39-jährige Dau. Angst passt eigentlich nicht zu ihr. Sie liebt ihren Job, begrüßt jeden Kunden mit lauten, überschwänglichen Worten, steht nie still. Vor acht Wochen ergatterte sie den Bäckerinnen-Job. Lächelnd sagt sie: „Und schon haben mir einige Kunden das Du angeboten.“ Eine davon ist die 56-jährige Beate Döring im kleinen Ort Medow, die gerade vom Sportplatz kommt. Gemeinsam mit ihren Hartz IV-Kollegen hat sie Rasen gemäht, wofür sie von der Gemeinde ein paar Euro bekommen.

Döring arbeitete in der DDR als Kuhzüchterin in der LPG. Nach der Wende sortierte sie noch einige Jahre Kartoffeln. Dann war Schluss, Hartz IV. Ihre Arbeitsvermittlerin sagte, sie solle sich einen Job in der boomenden Tourismusbranche auf der nahegelegenen Insel Usedom suchen. Knapp 30 Millionen Übernachtungen verbuchte Mecklenburg-Vorpommern vergangenes Jahr, die Terrorangst treibt die Deutschen an die Ostseeküste. „Aber wie soll ich dahin kommen, ohne Auto?“, sagt Döring.

Bäckerin Dau rumpelt weiter über die Landstraßen. Am Türgriff des Restaurants Zur Linde in Neuendorf B hängt eine Stofftüte. Dau bremst, denn das heißt: Inhaberin Henni Rost will etwas kaufen. Leicht humpelnd, aber mit durchgedrücktem Rücken kommt die 78-Jährige an den Wagen. Später, im Schankraum ihres Restaurants, sinkt sie in sich zusammen. Das Alter und die viele Arbeit in der Gaststätte.

Zurück im Schweriner Umland fährt Kaufmann Pötschke mittags zu seinem Haus, um einen Kaffee zu trinken und die nächste Tour vorzubereiten. Nur 200 Euro Umsatz hat er am Morgen gemacht. „Das macht nichts, ich liebe meinen Job und man darf nicht zu viel vom Leben erwarten“, sagt er. „Und auch wenn es kriechend langsam ist, geht es bergauf.“
*Name geändert

Die Reporter Raphael Thelen (Text) und Thomas Victor (Fotos) machen ihre Tour durch Mecklenburg-Vorpommern mit Hilfe eines Crowdfundings durch das Recherchezentrum Correctiv, mit  dem unsere Zeitung kooperiert. Die Redaktion finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge.  Wenn Sie Correctiv unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter correctiv.org
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen