Mit dem Stipendium in den OP-Saal

<strong>Ihr Einsatz zahlt sich aus:</strong> Johanna (l.) und Carolin Pügge in der Simulationsanlage für Notfallausbildung am Universitätsklinikum Rostock. Foto: Dana Bethkenhagen
Ihr Einsatz zahlt sich aus: Johanna (l.) und Carolin Pügge in der Simulationsanlage für Notfallausbildung am Universitätsklinikum Rostock. Foto: Dana Bethkenhagen

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26. Juli 2012, 09:45 Uhr

Rostock | Drei Überraschungen hat das Deutschland-Stipendium für Carolin und Johanna Pügge mit sich gebracht. Die erste: Beide Schwestern konnten sich im Herbst vergangenen Jahres bei der ersten Bewerberrunde für das neue Stipendium an der Universität Rostock behaupten. Die zweite: Die Medizinstudentinnen werden vom gleichen Förderer, dem Krankenhaus Bad Doberan, unterstützt. Und die dritte: Der Sponsor ist nahe Hohenfelde ansässig - dem Ort, wo die Rostockerinnen gebürtig herkommen. "Das war wirklich ein schöner Zufall", sagt die 23-jährige Carolin.

Dennoch haben die Schwestern ihr Förderglück bei Weitem nicht nur Überraschungen und Zufällen zu verdanken. Denn die Unterstützung wird als reines Leistungsstipendium vergeben - und mit Leistung konnten beide unabhängig voneinander überzeugen. Sowohl Carolin als auch die 20-jährige Johanna haben ihr Abitur mit 1,0 bestanden. Während Johanna im vierten Semester noch mittem im Physikum steckt, hat Carolin diese Hürde schon mit 1,5 genommen. Während eines Auslandsjahres in den Vereinigten Staaten forschte sie anschließend für ihre Doktorarbeit. Auch Johanna konnte bereits Praxiserfahrung in den USA sammeln.

Weiterbildung statt Nebenjobs

An der Rostocker Universität engagieren sich die beiden außerdem für das "Teddybär-Krankenhaus". Hier können Drei- bis Sechsjährige ihre Teddys hinbringen, um sie von Profis verarzten zu lassen. "Dadurch sollen die Kinder die Angst vor dem Krankenhaus verlieren, wenn sie selbst einmal behandelt werden müssen", erklärt Carolin.

So viel Einsatz und Können zahlt sich aus: Ein Jahr lang sind Carolin und Johanna nun mit jeweils 300 Euro monatlich unterstützt worden. Das Geld dafür kommt zu gleichen Teilen von privaten Förderern und vom Bund. Bei Johanna teilt sich das Krankenhaus Bad Doberan die Fördersumme noch mit einem Universitätsprofessor. Es sei erleichternd, dass man sich nicht dreimal überlegen müsse, ob man sich auch mal ein teures Medizinbuch leisten könne, sagt sie.

Zwar werden die Schwestern auch von ihren Eltern unterstützt, doch mit dem Stipendium, das unabhängig vom Familieneinkommen gezahlt wird, können sie auf jeden Fall auf anstrengende Studentenjobs verzichten und stattdessen in ihre Weiterbildung investieren. So spart Carolin das Geld für weitere Auslandspraktika - gestern ging es ins kanadische Vancouver, wo sie in der Kinderkardiologie eines Krankenhauses hospitieren wird. Und im Februar steht eine Afrikareise an. Dort will sie in einer kleinen Klinik in Ghana arbeiten. "Ich möchte das Stipendium gern nutzen, um an der medizinischen Basis Erfahrungen zu sammeln und verschiedene Gesundheitssysteme und kulturelle Einflüsse kennenzulernen", sagt sie. Ihre berufliche Zukunft könne sie sich trotzdem gut in ihrer Heimatregion vorstellen.

Genau darauf setzen viele Sponsoren - auch wenn das Stipendium beide Seiten zu nichts verpflichtet. Die Förderer haben aber zumindest die Möglichkeit, Kontakte zum Fachkräftenachwuchs von morgen zu knüpfen und die Studenten nicht nur finanziell zu unterstützen.

Im Krankenhaus Bad Doberan bekommt Carolin beispielweise die Chance, regelmäßig in den Klinikalltag zu schnuppern. Sogar bei Operationen durfte sie schon mithelfen, freut sich die Studentin. Ihre Schwester hat in Bad Doberan ihr Pflegepraktikum gemacht - und dabei die familiäre Atmosphäre in einer kleineren Einrichtung schätzen gelernt, wie sie sagt.

Für die zweite Runde von Deutschland-Stipendien ab kommendem Herbst habe die Universität Rostock Gelder für 65 Stipendien einwerben können, berichtet Kristin Nölting von der Pressestelle. Die Ausschreibung hat in dieser Woche begonnen. Die Zahl der Förderer ist auf 30 gewachsen. Im laufenden Förderjahr waren es noch 23 Sponsoren für 48 Stipendien. Damit hatte Rostock das Kontingent, das vom Bund kofinanziert worden wäre, zwar nicht ganz ausschöpfen können. Für den Anfang sei die Akquise aber dennoch sehr gut gelaufen, meint Kristin Nölting.

Rektor Wolfgang Schareck hatte das Einwerben von Unterstützern als Chefsache betrachtet. Gemeinsam mit den Förderern wolle man dem Standort "eine Perspektive für die Zukunft dieser jungen Menschen geben und einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Stipendienkultur in Mecklenburg-Vorpommern leisten", begründet der Rostocker Professor seinen Einsatz.

Nachholbedarf bei der Förderkultur

In dieser Hinsicht ist der Nordosten allerdings tatsächlich noch ein Entwicklungsland. Abgesehen von Standorten mit wirtschafts starkem Umfeld wie Rostock haben es kleinere Hochschulen schwer, Sponsoren für ihre Studenten zu finden. So hat Wismar zum Wintersemester 2012/13 erstmals drei ungebundene Deutschland-Stipendien ausgeschrieben, auf die sich 20 Interessenten beworben haben. Hinzu kommt ein gebundenes Stipendium der Deutschen Bahn Projektbau GmbH, wie die Hochschule berichtet.

In Stralsund sollen wie im Studienjahr 2011/12 wieder vier Studenten gefördert werden. "Wir dürften bis zu 26 Stipendien vergeben, wenn wir entsprechende Förderungen akquirieren könnten", sagt Prof. Heiner Richter, Prorektor für Studium und Lehre.

Auch in Greifswald ist es nach Angaben der Universität nicht einfach gewesen, Unterstützer zu gewinnen. Im laufenden Studienjahr konnten 31 Stipendiaten bedacht werden. Für den zweiten Durchgang hat die Hochschule bislang ebenso viele Zusagen von Unternehmen erhalten.

Sponsoren schließen sich zusammen

In Neubrandenburg ist die Suche nach Förderern für das Studienjahr 2012/13 ebenfalls noch nicht abgeschlossen. Die Hochschule konnte in der ersten Runde neun Deutschland-Stipendien vergeben, auf die sich 42 Studenten beworben hatten. Die Bildungseinrichtung setzt dabei verstärkt auf verschiedene Unterstützer-Modelle, wie Pressesprecherin Christine Manthe sagt. Mit einem Beitrag von mindestens 50 Euro monatlich können sich mehrere Unternehmen, Stiftungen oder Privatpersonen beispielsweise ein Jahr lang die Förderung eines Deutschland-Stipendiums teilen.

Immerhin: In ganz Mecklenburg-Vorpommern lag die Ausschöpfungsquote der Bundesmittel nach einem Jahr bei 50 Prozent. In Brandenburg waren es dagegen nur 32 Prozent.

Johanna und Carolin Pügge hoffen nun auf eine Fortsetzung ihres Stipendiums. Ob sie erneut für ein Jahr ausgewählt werden und ihre Sponsoren behalten können, steht noch nicht fest. Mit einer Antwort rechnen die Schwestern Mitte September. Klar ist aber: Den Kontakt zum Krankenhaus Bad Doberan würden beide gern beibehalten.

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