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Schwerin : Mit „Daddeln“ beruflich erfolgreich

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heute ist der Tag der Videospiele: Über 34 Millionen Gamer gibt es in Deutschland. Ein Blick hinter die Kulissen von Gamedesignern und Pro-Gamern

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erstellt am 08.Jul.2017 | 07:25 Uhr

Geheimnisvolle Orte erkunden, Armeen in die Schlacht führen, Magie erlernen oder gar die Welt retten – in Videospielen sind solche Abenteuer nicht nur möglich, sondern an der Tagesordnung. Die Gamingbranche bietet inzwischen eine Vielfalt an Themen und Genres, die ihresgleichen sucht – selbst Ziegen-, Zug- und Landwirtschaftssimulationen werden angeboten. Kein Wunder also, dass sich deutschlandweit schon über 34 Millionen Menschen als Gamer bezeichnen. Was vor allem viele Eltern als reinen Freizeitspaß oder gar Zeitverschwendung abtun, beschert manchem den Lebensunterhalt.

Kristin Janulik ist eine von ihnen. Die 31-Jährige ist Game Consultant in Köln und berät Spieleentwickler und Publisher in Sachen Gamedesign. Wer bei diesem Thema jetzt an den klassischen Nerd im dunklen Kellerzimmer denkt, täuscht sich. „Die Zeiten sind längst vorbei“, erklärt die gebürtige Schwerinerin. „Natürlich gibt es unter den Gamedesignern die klassischen Klischee-Singles, die sich nur von Junkfood ernähren. Genauso gibt es aber den sportlichen Frauenschwarm oder die junge Frau mit Haaren im Einhorn-Look. Die Kreativität muss eben raus“, sagt sie. Das kann auch Thomas Garling, Gamedesigner und Leiter des gleichnamigen Fachbereiches an der Designschule Schwerin, bestätigen. „Quereinsteiger kommen aus vielen kreativen Bereichen zu uns“, erklärt er. Doch was genau tut ein Gamedesigner eigentlich?

Weit verbreitet ist die Ansicht, in diesem Job müsse man Spiele selbst entwickeln und programmieren können. Das sei jedoch ein großer Irrtum, erklärt Janulik. Weder das eine noch das andere sei korrekt. „Gamedesigner konzipieren vor allem das Spiel. Das heißt, sie überlegen sich, wie das System aussieht und welche Mechaniken eingesetzt werden.“ Vergleicht man Spieleklassiker wie Tetris und World of Warcraft wird dieser Unterschied deutlich. „Bei Tetris muss der Spieler geometrische Figuren drehen und verschieben. Bei World of Warcraft hingegen steuert er eine Figur, kämpft und redet mit anderen Spielern. Das alles denkt sich ein Gamedesigner aus“, erklärt die 31-Jährige.

Dabei ist nicht jeder begeisterte Spieler automatisch auch ein guter Entwickler. Dafür müsse man sich im Metier auskennen und die Wünsche und Gedanken der Kunden verstehen. Zur Spieleentwicklung gehöre neben dem kreativen Wahnsinn allerdings auch erstaunlich viel Mathematik, erklärt Kristin Janulik. So benötige man für ein gut durchdachtes Wirtschaftssystem in einer Wirtschaftssimulation beispielsweise riesige Excel-Tabellen, Kurvendiagramme und Mindmaps. Zum beruflichen Alltag können je nach Auftrag auch das Erfinden von Namen für die Akteure in einem Detektivspiel gehören oder Überlegungen, welche Tiere es im nächsten Zoosimulator geben soll.

Gerade die Kombination aus Spaß und Knobelei beim Spielen hat es Janulik, der gebürtigen Schwerinerin, angetan – und das schon in frühen Jahren. Ihr erstes Spiel spielte sie mit vier Jahren auf dem „DDR-Computer“ KC85. „Ich glaube es hieß einfach Pilze sammeln.“ Als später die große Adventurezeit mit Klassikern wie King’s Quest, Monkey Island und Day of the Tentacle aufkam – die heute noch als Paradebeispiele fungieren –, war es um sie geschehen. Auch, wenn sie ursprünglich Genetik, Psychologie oder Robotik studieren wollte. Am Ende war es ihre Mutter, die sie auf den Gedanken brachte, Gamedesign zu studieren. „Meine Reaktion waren große, leuchtende Augen und die Worte: ,Was, das DARF ich studieren?’ Es war damals ja nicht üblich, dass Eltern daran glaubten, man könne mit Spielen Geld verdienen“, erklärt sie.

So gehörte die 31-Jährige später zu den ersten Gamedesign-Studenten Deutschlands. „Erst kurz zuvor wurde die erste Weiterbildung in dem Bereich entwickelt“, erklärt sie. Entsprechend waren viele ihrer älteren Kollegen damals Querein-steiger. Heute hätten Berufseinsteiger jedoch oft Gamedesign, Mediendesign oder Ähnliches studiert.

Die 31-Jährige ist nun täglich an der Entwicklung neuer Titel beteiligt. Da weltweit täglich circa 500 neue Spiele allein für iOS auf den Markt kommen, fällt es zunehmend schwerer, das Rad neu zu erfinden. „Erfolgreiche neue Spielkonzepte nehmen meist das beste vom Bekannten und fügen etwas tolles Neues hinzu“, erklärt Gamedesigner Angelo Denecke den Entwicklungsprozess. Spiele zu entwickeln ist jedoch nicht der einzige Weg, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Vor allem die Pro-Gaming-Szene hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt. Bei großen Turnieren können inzwischen Preisgelder von bis zu sechs Millionen Dollar für ein Fünf-Personen-Team erspielt werden. Die ESL, die Electronic Sports League, ist also eine Liga, in der junge Leute über Nacht zu Millionären werden können.

Die hohen Preisgelder werden dabei hauptsächlich durch Sponsoren und den Verkauf der Spiele finanziert. Doch auch hier reicht reine Spielleidenschaft nicht aus. Wochenlang muss für ein Turnier trainiert werden, egal ob das Spiel irgendwann nervt oder langweilt. Die derzeit größten Titel im E-Sport sind die amerikanischen Spiele League of Legends, Dota 2 und der ewige Klassiker Counter Strike. Letzterer wird noch bis morgen auch auf Spitzenniveau beim weltgrößten Counter Strike-Turnier in Köln gezockt. Interessierte können die Matches in Echtzeit unter live.esl-one.com verfolgen.

Im Gegensatz zur Spielerszene ist die deutsche Entwicklerlandschaft im internationalen Vergleich jedoch nicht riesig. Laut Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) sind es in Deutschland aktuell 460 – darunter viele kleine und mittelgroße Firmen. Zu den wenigen Großen der Szene zählen Ubisoft Blue Byte, Bigpoint und InnoGames. Die Zukunft liege jedoch bei kleinen, unabhängigen Entwicklern, sind sich Denecke und Garling einig.

Fun Facts rund ums Gaming

Das erste Computerspiel:

Auch wenn oft behauptet wird, dass Pong 1972 das erste Videospiel überhaupt war, entspricht das nicht ganz der Wahrheit.  Tatsächlich erschien bereits  25 Jahre vorher das erste interaktive elektronische Spiel mit dem etwas sperrigen  Namen „Cathode-Ray Tube Amusement Device“.

Wütende Schweine:

Das finnische Entwicklerstudio Rovio kam durch die damals grassierende Schweinegrippe auf die Idee, Schweine zu den Gegnern im Spiel zu machen.

Gaming als Weltrekord:  Den Weltrekord für das schnellste Drücken der Controller-Taste hält der japanische Videospieler Toshuyuki Takahashi. Er schafft es, in einer einzigen Sekunde an die 16mal auf einen Button zu hämmern

Kreative Namensgebung:

Super Mario bekam seinen Namen vom Vermieter des damaligen Nintento Büros. Sein Anwalt hieß Luigi. Der Name entspring im Japanischen der Bezeichnung „ruiji“, die soviel bedeutet wie „ähnlich“. Kein Wunder, dass die beiden Charaktere sich kaum unterscheiden.

Weibliche Reize:

Bei der Entwicklung des ersten Teils von Tomb Raider stellte der Designer die Brustgröße angeblich versehentlich auf 150 Prozent. Seine Kollegen überzeugten ihn schließlich, es so zu lassen.

Mit Zocken zum Visum:

League of Legends ist in den USA ein offizieller Sport. Man kann für dessen Ausführung also auch ein Visum beantragen.

Prioritäten setzen:

Laut einer Umfrage aus England können 95 Prozent der 10 bis 16-Jährigen mit einem Computer umgehen, aber nur 29 prozent mit einer Bratpfanne.

Der letzte Versuch:

Der Name Final Fantasy entstand, weil das Spiel als letzter Titel des (bis dahin) erfolglosen Entwicklers Square produziert wurde

Authentische Schimpfworte: 

In „Grand Theft Auto: San Andreas“ wird das Wort „Fuck“ genau 365 Mal gesagt. Rockstar hat für die Synchronisation in „Grand Theft Auto V“ für mehr Authentizität echte Kriminelle und Bandenmitglieder engagiert. Einer der Synchronsprecher wurde erst am Tag vor seiner Aufnahme aus dem Gefängnis entlassen.

Ein Spiel für alle Sinne:

Hideo Kojima, Entwickler der „Metal Gear Solid“-Reihe, wollte ursprünglich, dass alle Floppy-Disketten des Computerspiels Snatcher aus dem Jahr 1988 in einer Chemikalie gebadet werden, die bei der Erhitzung im Laufwerk nach Blut riecht. Der Entwickler plante so den Spieler noch tiefer ins Geschehen hereinzuziehen.

Auch was für Frauen: 

Das erste Videospiel mit einem weiblichen Publikum im Hinterkopf wurde in den 80ern von Toru Iwatani erfunden und heißt: Pac Man. Tatsächlich sollten die niedlichen Animationen, die euphorische Musik und die bunten Früchte das weibliche Publikum anlocken – und es klappte.

Das schlechteste Spiel überhaupt:

Wenn auch nicht wissenschaftlich bewiesen, hat sich Atartis „E.T.“ aus dem Jahr 1982 als wohl größter Flop der Spielgeschichte. Es wird sogar dafür verantwortlich gemacht, dass Atari in den 80er Jahren völlig eingebrochen ist.  Der Grund für das Scheitern war, dass die Entwickler keine Zeit hatten, da das Spiel möglichst schnell nach der Veröffentlichung des Filmes auf den Markt sollte. Atari bleib auf 80 Prozent der produzierten Einheiten sitzen und entschloss sich schließlich, diese in der Wüste von New Mexico zu vergraben.


 

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