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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 10:30 Uhr

Schwerin : Mit Baklava und Bier beim Schach

vom
Aus der Onlineredaktion

Zwei syrische Flüchtlinge möchten mit ihrem Café zur Integration beitragen

von
erstellt am 10.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Ein mexikanischer Bauer und ein General stehen sich gegenüber. Sie sehen sich direkt in die Augen. Dann macht der General einen Zug nach vorne und schubst den Bauern vom Feld. „Schach erzählt immer auch eine Geschichte“, sagt Faisal Aljarf und schaut auf die Figuren. Zusammen mit seinem Partner Zahir Alnawareh hat er vor einem Monat das erste syrische Café „Dar“ in der Pfaffenstraße in der Landeshauptstadt Schwerin eröffnet. Auf jedem der Tische steht ein anderes Schachbrett. Sie kommen aus Bolivien, Syrien, Tunesien, Deutschland.... Mal kämpfen zwei Könige gegeneinander, mal Frodo gegen Gollum, mal Pikachu gegen ein anderes Pokémon. Aber immer ist es Schach. Mit ihrem Konzept möchten die beiden Syrer bei der Integration von Flüchtlingen helfen.

„Wann sieht man schon einmal einen Deutschen und einen Flüchtling zusammen auf der Straße“, fragt Aljarf. „Es gibt so viele Probleme in der Integration. Die müssen wir auf jeden Fall lösen.“ Für Schach braucht es kein Sprache. Die Regeln sind in jedem Land dieselben. Erst spielen sie gegeneinander, dann reden sie miteinander, ist daher die Idee hinter dem Café. Aljarf möchte zeigen, was die syrische Kultur zu bieten hat: „Wir reden nicht den ganzen Tag über den Islam, Schweinefleisch- und Alkoholverbot. Das interessiert uns gar nicht“, sagt er.

Wie die meisten Syrer kam auch Faisal Aljarf mit der Flüchtlingswelle Ende 2015 nach Mecklenburg-Vorpommern. Der 37-Jährige brachte sich selbst Deutsch bei. So gut, dass er bereits nach einem halben Jahr bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) beim Übersetzen half. Schon kurz darauf bekam er eine Stelle als Dolmetscher im Jobcenter. Dann eröffneten er und Alnawareh das Café. In Schwerin fühlt er sich wohl.

Aljarfs Integration ist eine kleine Erfolgsgeschichte. Viele andere Geflohene sind auch nach zwei Jahren in Deutschland noch nicht angekommen, teilte kürzlich der Geschäftsführer des Rostocker Vereins Migra, Michael Hugo mit. „Es gibt nur wenige Beispiele, bei denen dies schon nach ein oder zwei Jahren gelungen ist.“ Realistischer sei ein Zeitraum von bis zu fünf Jahren. 5800 Ausländer waren laut Wirtschaftsministerium Ende August arbeitslos. 3200 davon waren Flüchtlinge. Ihnen sollen künftig 22 sogenannte Joblotsen bei der Arbeitssuche helfen. Ein Projekt, das von Aljarf begrüßt wird: „Viele Flüchtlinge haben den Willen. Sie wollen etwas machen. Aber es ist schwierig.“

Es bräuchte aber nicht nur mehr Perspektiven, meint der Syrer. Vor allem müsste es mehr Kontakt zwischen den Flüchtlingen und den Einheimischen geben. „Beide Seiten sind sehr gut. Sie müssen sich nur kennen lernen.“ Viele Flüchtlinge, die er kennt, fühlten sich einsam. Nach zwei Jahren immer noch fremd. Aus Aljarfs Sicht helfe eben nicht nur reden, sondern handeln.

Im „Dar“ können die Menschen zusammenkommen und sich austauschen. Es gibt syrische Spezialitäten. Madluka, syrische Baklava, Halawa, so heißen die Verkaufsschlager. Fast alle der Süßigkeiten werden aus Nüssen hergestellt. Der süßlich-scharfe Geruch des Kardamom-Kaffees liegt in der Luft. Ein Stück Syrien mitten in Schwerin. Doch nicht nur, meint Aljarf. Er will beide Seiten ansprechen. Schon bald soll es daher auch zum Beispiel Bier in dem Café geben.

Mit Bier und Baklava beim Schach. „Das gibt es sonst nirgendwo“, meint Steffen Schmidt. Der 22-jährige Schweriner kommt jeden Montag zum Schachabend ins „Dar“. „Ich finde den Integrationsgedanken sehr gut. Bisher läuft nicht alles gut“, sagt er und fügt hinzu, dass er außerdem ein guter Schachspieler sei. Ob er gegen Aljarf auch eine Chance hat, ist ungewiss. Der war in Syrien mit 17 Jahren Schachmeister. „Jetzt bin ich aber nicht mehr so gut“, behauptet er und grinst. Wer sein Glück gegen den Syrer ausprobieren will, mehr über die syrische Kultur lernen oder einfach nur ein Baklava kosten will, sei jederzeit herzlich willkommen.

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