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„Es war schon ein Gefängnis“ : Mit 15 in die „Tripperburg“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In der DDR wurden Frauen in Venerologischen Stationen festgehalten – noch immer sind sie traumatisiert

svz.de von
erstellt am 02.Jan.2017 | 12:00 Uhr

Eleonore Bockholt kehrt zum ersten Mal zurück an den Ort, an dem sie Ende der 60er-Jahre mehrmals für Wochen und gegen ihren Willen festgehalten wurde. Damals war sie eine attraktive Frau Mitte 20, die sich gerne amüsierte und oft tanzen ging. Eines Abends stand der Abschnittsbevollmächtigte (ABV) der Volkspolizei vor ihrer Haustür, verlangte ihren Ausweis und nahm sie direkt mit. Er brachte sie in die berüchtigte „Tripperburg“.

Ihrer Mutter erzählte die Polizei, die Tochter sei nach Italien abgehauen. Wie alle Frauen auf dieser Station mit insgesamt 32 Betten wurde auch Eleonore Bockholt vorgegeben, dass sie unter dem Verdacht einer Geschlechtskrankheit eingewiesen wurde. Täglich musste die 27-Jährige sich von einer Schwester untersuchen lassen. Eine Tortur, die bei den Frauen bis heute ihre Spuren hinterlassen hat.

Die Historikerin Steffi Brüning forscht seit Jahren zu den geschlossenen Krankenanstalten. Für sie steht fest, dass die Behandlung von Gonorrhoe alias Tripper oder Syphilis in den Anstalten zweitrangig war. „Frauen, die irgendwie abgewichen sind von der sozialistischen Norm, sollten hier wieder auf den richtigen Weg gebracht werden.“ Brüning konnte mehr als 100 Patientenakten der geschlossenen Venerologischen Station in Leipzig sichten. Das Ergebnis: Die meisten Frauen waren völlig gesund. „Ich habe bisher keinen Fall gesehen, in dem nach geltendem Gesetz gehandelt wurde“, erklärt Brüning. Laut DDR-Gesetz sollten sich geschlechtskranke Frauen ambulant behandeln lassen. Erst wer sich dem verweigerte, hätte zwangsbehandelt werden dürfen.

Auch eine Rentnerin, die als junges Mädchen in die „Tripperburg“ kam, will in der Rostocker Johannisstraße das dunkelste Kapitel ihrer Biografie aufarbeiten. Doch sie will ihre Identität nicht preisgeben, nennt sich Doris Warnke. Bis heute hat sie mit niemandem über ihre Erlebnisse in der geschlossenen Krankenanstalt gesprochen.

Von der ursprünglichen geschlossenen Station ist wenig erhalten. 2005 wurde das Haus entkernt und neu aufgebaut. Als Doris dorthin kam, war sie 15 Jahre alt. Ihr Vater, ein Polizist, hatte sie und ihren Bruder zuvor grün und blau geschlagen. Wie so oft. Sie war ausgebüxt und hatte bei einer Freundin Unterschlupf gefunden. Ihr Vater ließ sie suchen und am nächsten Tag wurde das Mädchen von der Transportpolizei aufgegriffen und in die Tripperburg gefahren.

Doris Warnke erinnert sich, wie sie durch die Eingangstür ins Treppenhaus der „Tripperburg“ kam. Im Erdgeschoss wurde sie von einer Schwester in Empfang genommen. Sie musste einen Anstaltskittel überziehen. Die Schwester führte sie in ein Zimmer mit vielen Doppelstockbetten. 16 oder 18 Mädchen hielten sich in dem Raum mit vergitterten Fenstern auf. Auch Toilette und Dusche befanden sich im Zimmer.

Im gleichen Raum wurde auch gegessen. „Es war schon ein Gefängnis, es wurde auch regelmäßig hinter uns abgeschlossen.“ Besuch konnten die Mädchen und Frauen nicht empfangen. Ihre Familien erfuhren erst viel später, wo sie festgehalten wurden.

Entlassen wurden sie erst, wenn sie 21 negative Abstriche vorweisen konnten. Medizinisch notwendig war ein solches Vorgehen nicht.

Waren sie etwa an Gonorrhoe erkrankt, konnten sie sich in der Poliklinik ambulant mit einer Penizillin-Spritze behandeln lassen.

Über die geschlossenen Krankenanstalten in Mecklenburg-Vorpommern ist bisher wenig bekannt. Wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es bislang nur von Medizinhistorikern aus Halle. Der grüne Bundestagsabgeordnete und Mediziner aus Rostock, Harald Terpe, möchte nun die wissenschaftliche Aufarbeitung vorantreiben. Aus seiner Sicht sind die bisherigen Antworten der Bundesregierung unzureichend. Ohne Zeitzeuginnen ist eine Aufarbeitung aussichtslos. Wichtig wäre auch die Perspektive von Ärzten und Schwestern.

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