Albtraum Unfall : Mit 140 auf die Leitplanke

1 von 5

Präventionsprojekt CrashKurs MV richtet sich an junge Fahrer, Unfallhelfer und Betroffene erzählen von ihrem selbst Erlebten

von
10. Juli 2014, 11:55 Uhr

"Sie hat überlebt, aber ob sie Glück hatte?“ fragt Rettungsassistent Stefan Krömer mit bedrückter Stimme. „Ein befreundeter Arzt hat Kontakt zu Niki. Sie lebt, aber sie wird nie wieder einen Bikini anziehen, weil ihr Körper mit Narben überseht ist. Sie wird ihr Leben lang humpeln, weil ihr eines Bein ein Stück kürzer ist. Ich weiß nicht, ob Niki Glück hatte.“

Schockierende Bilder zum Abschrecken

 

Beim Projekt „CrashKurs MV“ sitzen die Schüler der Beruflichen Schule in Zierow in ihrer Mensa. Ist bei den ersten Worten von Polizeibeamtin Anke Wedlich bei den jungen Erwachsenen noch ein Tuscheln und Tratschen zu vernehmen, wird es im Anschluss sofort still. Die Stimmung bleibt die gesamte Veranstaltung über drückend und beklemmend. Der „CrashKurs MV“ wird mit einem mehrminütigen Film eingeleitet. Zu sehen sind Fotos von Unfällen – nicht nachgestellt, sondern echt. Dazu kurze Sätze, was passiert war und was nun für die Verunfallten nicht mehr möglich ist – ein junger Motorradfahrer, der beim Abbiegen unter einen Lkw rutschte, unter einer weißen Plane: tot. Ein komplett demoliertes Autowrack auf einer regennassen Straße: beide Insassen tot. Oder ein Bild auf einer Party, junge Menschen lachen, haben sichtlich Spaß. Das nächste Bild zeigt ein Auto, das um einen Baum geschlungen ist: Fahrerin tot. Vermutlich war Alkohol im Spiel.

Nach dem Film beginnen die Helfer vor Ort zu erzählen. Eine Polizistin, ein Feuerwehrmann, ein Rettungssanitäter und ein Notfallseelsorger. Ein Unfall ist nicht nur für die Opfer und Hinterbliebenen schlimm, sondern auch für diese, weiß die Polizistin Nicole Engel, die von einem Einsatz erzählt, „der vermeidbar gewesen wäre, weil der Unfallverursacher 1,1 Promille im Blut hatte.“

Auch Markus Eichwitz erzählt ein Erlebnis. Er ist 25 Jahre alt, also kaum älter als die anwesenden Berufsschüler. Der Rettungsassistent ist auch bei der freiwilligen Feuerwehr. Eichwitz schildert den Anwesenden einen ruhigen und gemütlichen Abend bei Freunden. Doch nachts musste er ausrücken. Was ihn erwartete, wusste er vor dem Eintreffen am Unfallort nicht: „Ein Auto mit fünf jungen Leuten in eurem Alter, von 18 bis 22 Jahren, kam von der Straße ab. Der Fahrer verlor die Kontrolle und traf auf die Leitplanke. Und ihr wisst ja, am Beginn der Leitplanke führt diese nach oben. Dieses Auto ist also mit 140 km/h auf die Leitplanke abgehoben und zwei Meter hoch gegen einen Baum geprallt und dann auf dem Boden aufgekommen.“ Den Berufsschülern wird sichtbar mulmig zumute: „Zwei der Insassen waren sofort tot und lagen auf zwei Überlebenden. Einen dritten Überlebenden mussten wir aus dem Wrack herausschneiden.“


Emotional aufrütteln als Ziel


Ergriffen sind die Schüler auch von Stephan Handy, der von seiner Arbeit als Notfallseelsorger berichtet, davon, wie er Eltern beibringen muss, dass ihre Kinder bei Unfällen tödlich verunglückt sind.

Genau so etwas ist den Eltern Ottmar und Kerstin Saffan passiert. Der älteste Sohn lieh sich das Motorrad des Vaters und brachte es nie zurück. Er starb, weil ein Pkw-Fahrer auf die Gegenfahrbahn abkam und ihn dort erfasste.

Für zwei Mädchen sind die Schilderungen sichtlich zu viel. Beide verlassen den Saal und gehen nach draußen, wo der Kreislauf der einen zusammenbricht. Rettungssanitäter kümmern sich sofort um sie.

„Das ist nicht ungewöhnlich“, erklärt Polizistin Anke Wedlich. „Oft kippt jemand um. Das kommt, weil wir die Schüler emotional aufrütteln, was wir ja auch wollen. “ Während der Veranstaltung weinen einige Mädchen, andere Jungen holen tief Luft, schlucken, verkneifen sich Tränen. Das ist ein Ziel des Präventionsprojektes. „Die Teilnehmer sollen wachgerüttelt werden. Ein Unfall passiert in einem kurzen Augenblick und in diesem zerplatzen Lebensträume“, erläutert Anke Wedlich. Unfälle entstünden nie einfach so, sondern seien in den meisten Fällen vermeidbar.

Der Rettungsassistent Stefan Krömer erzählt die Geschichte von der jungen Frau Niki, die einen Unfall schwerstverletzt überlebt hat. „Niki war alleine im Auto und fuhr auf einer Allee. Wenn man dort die Kontrolle verliert, trifft man eigentlich immer einen Baum.“ Niki sei bei Bewusstsein gewesen, konnte jedoch nichts tun außer warten, weil sie eingeklemmt war. Einige ihrer Verletzungen: Beckenbruch, doppelter Oberschenkelbruch rechts, Armbruch rechts, Oberschenkelbruch links, Riss in rechter und linker Niere, Leberriss, mehrere kleine Hirnblutungen, Lungenprellung. „Niki kämpft sich zurück ins Leben, auch wenn sie jetzt ein anderes Leben führt.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen