Sigmar Gabriel in Wismar : Mister Deutschland und die Welt

„Was werden die Leute in 600 Jahren über uns schreiben?“ Sigmar Gabriel (r.) gestern Abend in Wismar
„Was werden die Leute in 600 Jahren über uns schreiben?“ Sigmar Gabriel (r.) gestern Abend in Wismar

Sigmar Gabriel diskutierte am Dienstagabend mit Wismarern über die deutschen Außenpolitik – und kein bisschen über die SPD

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06. März 2018, 20:55 Uhr

Das hatte sich Sigmar Gabriel (SPD) sicherlich anders vorgestellt:  Am Tag, als er in Wismar mit Bürgern seine Außenpolitik diskutieren will, wird im politischen  Berlin  über kein anderes Thema so leidenschaftlich debattiert wie über die Frage, ob er bleibt oder geht. 

Deutschlands Chefdiplomat wird ein zerrüttetes Verhältnis zur SPD-Chefin in spe nachgesagt. Andrea Nahles, die maßgeblich  über die SPD-Ämter in der Großen Koalition entscheidet, hatte gemeinsam mit dem gefallenen SPD-Chef Martin Schulz den 58-Jährigen schon einmal fast aus dem Amt gekickt. Genau vor vier Wochen. Schulz legte die Hand aufs Außenamt – und verlor.  Noch-Außenminister Gabriel  fuhr seinerseits  Verbalangriffe auf Schulz. Und verlor  auch.

Das ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als er als beliebtester Politiker Deutschlands galt. Anfang Februar waren 57 Prozent der Befragten im Deutschlandtrend mit seiner Arbeit zufrieden. Nahles lag da bei 38 Prozent, Schulz nur bei 25. Zweifellos, Gabriel ist  derzeit nicht nur im Ausland der „Mister Deutschland“.  Aber so ist Politik.

Von all dem parteipolitischen Hickhack war am Dienstagabend im Bürgerschaftssaal im Wismarer Rathaus wenig zu spüren. Der  Bundestagsabgeordnete Frank Junge hatte den Außenminister eingeladen, um über die weltweiten Unsicherheiten, Krisen und Konflikte zu debattieren. Trump, Putin, Erdogan, die Eskalation zwischen Nordkorea und den USA. Seit dem Ende des Kalten Krieges war die nukleare Bedrohung nie wieder so real wie heute.

Kein Wunder, dass der Saal mit 250 Genossen und Bürgern gut gefüllt war. Die letzten mussten abgewiesen werden.  Von Politikmüdigkeit    keine Spur.   „Was werden die Leute in 600 Jahren über uns schreiben?“, eröffnet Gabriel. Er spricht von Wegzeiten und Zeitenwechsel. Es spricht von Veränderungen, die „nicht mehr im Takt der Generationen“ geschehen. Schnelle Veränderungen.

„Die Amerikaner ziehen sich zurück. Und wo sich jemand zurückzieht, ist jemand anderes da, der diese Lücke füllt.“ Gabriel zieht das Publikum sofort in seinen Bann. Donald Trump stütze die bisherige Weltarchitektur nicht mehr. Trump sage, die Welt sei eine Arena. Und man kämpfe auf dem Platz unten. „Die einzige Nation die eine Weltstrategie hat, sind die Chinesen.“ China schaue ganz anders auf die Welt als Europa. Für die Chinesen sei Afrika ein Kontinent der Chancen. „Für uns ist Afrika ein Kontinent der Angst.“

Gabriel spricht von Nordkorea, von den Russen und von der neuen  Spirale des Wettrüstens. „Ich glaube, es ist  unsere einzige Chance,  Europa zusammenzuhalten. Aber Europa war bisher immer nach innen gerichtet, nie nach außen.“ Europa müsse sich in die Welt hinaus bewegen,    nicht  allein mit Waffen, aber auch. Gabriel nennt Sklavenlager in Lybien, die man  nicht sich selbst überlassen dürfe.  Europa müsse sich um die Welt kümmern.   „Nach draußen gucken, und nicht verkriechen in einem Mauseloch – das ist die  spannende Aufgabe, die wir vor uns haben“, sagt Gabriel.

„Warum sind wir als Europäer nicht enger mit Russland in Kontakt“, will eine junge Frau wissen. „Weil die Russen 2014 das erste Mal seit  der KSZE-Schlussakte von Helsinki mitten in Europa eine militärische Annektion vollzogen haben“, die klare Antwort. „Ich bin sehr dafür, dass wir Russland nicht ängstlich sehen. Aber auch nicht naiv.“ Russland unterstütze Baschar al-Assad in Syrien. Russland rüste massiv auf. Russland könne ein Angreifer sein. „Trump ist auch kein Friedensengel“, wird Gabriel entgegengehalten. „Nein, aber er hat hier noch keine Kriege angezettelt“, antwortet er.

Flüchtlinge: „Deutschland ein Land der Sehnsucht und des Vertrauens, wer hätte das vor 70 Jahren gedacht“, so die positive Sicht. Aber die Frage, ob das Mittelmeer ein Friedhof bleibe, habe auch etwas mit den Europäern und den Deutschen zu tun. Man löse das Flüchtlingsproblem jedoch nicht hier in Europa.

Rüstungsexporte: „Sie können sich schuldig machen durch  Exporte von Waffen. Und Sie können sich schuldig machen, durch keine Exporte. Glauben Sie nicht, dass Sie eine Antwort finden, die moralisch richtig, oder moralisch falsch ist.“ Über das Außenamt wurde nicht gesprochen.

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