Tollense-Lebenspark Alt Rehse : Misslungener System-Ausstieg

Ein Mahnmal mit der Aufschrift erinnert im Schlosspark von Alt Rehse an die Geschichte des Areals.
Ein Mahnmal mit der Aufschrift erinnert im Schlosspark von Alt Rehse an die Geschichte des Areals.

Sie wollten alternativ leben – jetzt wurden die Wohnprojekt-Betreiber in Alt Rehse wegen Betrugs und der Urkundenfälschung verurteilt

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14. April 2015, 20:36 Uhr

Das Amtsgericht Neubrandenburg hat die  Betreiber des gescheiterten alternativen Wohnprojekts „Tollense-Lebenspark“ Alt Rehse (Mecklenburgische Seenplatte) zu einer Bewährungs- und einer Geldstrafe verurteilt. Richterin Tanja Krüske sprach den 57-jährigen Hauptangeklagten gestern des Kreditbetrugs und der Urkundenfälschung schuldig. Er erhielt sechs Monate Haft, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Sein 53 Jahre alter Bruder soll knapp 1200 Euro Geldstrafe (90 Tagessätze zu je 13 Euro) wegen Insolvenzverschleppung zahlen. Zuvor hatten die Männer aus Landshut (Bayern), die die Gemeinschaft 2006 gegründet hatten, Geständnisse abgelegt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Im Prozess wurde deutlich, dass das 2014 endgültig gescheiterte Projekt von Anfang an unter Geldmangel litt, wie Gutachter belegten. „Wir wollten in dieser Welt des Finanzkapitalismus die alternative Lebensform des Artabana umsetzen“, sagte der Hauptangeklagte. Dabei schafft sich eine Gemeinschaft eine autarke eigene Währung und Versicherung und koppelt sich von der Gesellschaft ab.

Der „Lebenspark“ sorgte bundesweit für Aufsehen, weil in dem 64 Hektar großen Gelände in der NS-Zeit die „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ untergebracht war. Alt Rehse war in den 1930er-Jahren mit reetgedeckten Backstein-Fachwerkhäusern als NS-Musterdorf aufgebaut worden. In der „Führerschule“ wurden Mediziner und Pflegekräfte in Euthanasie und Rassenkunde geschult. Um die Zukunft des wegen seiner Geschichte sensiblen Geländes gab es nach 1990 lange Streit. Der Bund übernahm die Immobilie und verkaufte sie an einen Geschäftsmann, der sie an den „Lebenspark“ verpachtete.

Geld sollten den bis zu 40 Lebenspark-Mitgliedern Öko-Seminare, Tierhaltung, Gastronomie und Vermietung bringen. Ganz gelang das Abkoppeln von der Gesellschaft aber nicht. So gab der 57-Jährige zu, 2011 die Unterschriften von sechs Freunden gefälscht zu haben, um mit deren Bürgschaften an die Kreditrate einer Bank über 48 000 Euro zu kommen. „Damals sah ich keinen anderen Weg“, erklärte der gelernte Bankkaufmann, der „dem System vor 25 Jahren abgeschworen“ hatte.

Richterin Krüske nannte den 57-Jährigen dagegen „jemanden, der Wasser predigt, aber selbst Wein trinkt“. Die Fälschungen, die sein Bruder als Geschäftsführer – vermutlich ohne davon zu wissen – an die Bank weitergereicht hatte, sei ein weiterer Grund, dass das Projekt gescheitert sei. Mehrere Mitglieder, die den Betreibern Geld gegeben hatten, verlangen es zurück. Der Park, zu dem etwa 20 sanierungsbedürftige Häuser und Bunker aus der DDR-Zeit gehören, steht inzwischen leer.

Der Jüngere der beiden Angeklagten hat wegen hoher Schulden Privatinsolvenz angemeldet und lebt im Landkreis Rostock von Sozialhilfe. Der 57-Jährige, der nach eigenen Angaben in Berlin lebt und „wieder ein großes Projekt mit internationalen Partnern vorbereitet“, erhielt dazu Bewährungsauflagen.

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