zur Navigation springen

Greifswalder Germanist kürt "Unwort des Jahres" : Mission Sprachkritik

vom

In seinem Smartphone hat Jürgen Schiewe rund 20 Wörter gespeichert. Ein Einblick in die Datei ist strengstens verboten - vielleicht befindet sich in dieser Liste auch jenes, welches zum "Unwort des Jahres" gekürt wird.

svz.de von
erstellt am 27.Dez.2012 | 06:07 Uhr

In seinem Smartphone hat Jürgen Schiewe rund 20 Wörter gespeichert. Auf diese Worte stieß Schiewe im Laufe dieses Jahres - beim Zeitunglesen, beim Radiohören. Einige Vorschläge steckten ihm Freunde zu, die um Schiewes Mission als Sprachkritiker wissen. Ein Einblick in die Datei ist strengstens verboten - vielleicht befindet sich in dieser Liste auch jenes, welches als "Unwort des Jahres" Mitte Januar deutschen Politikern oder Medienmachern die Schamesröte ins Gesicht treiben kann. Der 57-jährige Greifswalder Germanistikprofessor gehört zu jener fünfköpfigen Jury, die das Wort alljährlich im Januar in geheimer Sitzung auswählt. Bislang gingen bei dem in Darmstadt ansässigen Gremium mehr als 1640 Einsendungen mit rund 600 Vorschlägen ein. Am 31. Dezember ist Einsendeschluss. Danach beginnen die Fachleute mit der Auswahl. Als Sprachpolizei wollen sich die Unwort-Macher nicht verstanden wissen. "Sprache als dynamisches System kann man nicht reglementieren", sagt Schiewe.

Seit 1991 wählt die Kommission das "Unwort des Jahres", zunächst im Rahmen der Gesellschaft für Deutsche Sprache. Nach der Kür des vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl kreierten "kollektiven Freizeitparks" zum zweitplatzierten Unwort im Jahr 1993 und dem folgenden politischen Wirbel um die Wahl wurde die Aktion aus der Fachgesellschaft ausgegliedert.

Im Jahr 2011 übernahm die Darmstädter Professorin Nina Janich den Vorsitz vom Begründer der Aktion, Horst Dieter Schlosser. "Wir handeln frei, aus eigenem Antrieb und unabhängig", sagt Schiewe. Der Sprachwissenschaftsprofessor sitzt seit zwei Jahren in der Kommission.

Ob die Wahl langfristig zu einer kritischen Reflexion und einem bewussteren Umgang der Sprache geführt hat, vermag Schiewe empirisch nicht zu belegen. Aber: "Jedes Unwort wird nach der Wahl metasprachlich reflektiert, gegebenenfalls auch ironisiert." In einigen Fällen wendet sich das Wort nach der Wahl wie ein Bumerang gegen den Schöpfer: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die den Euro-Rettungsschirm im Jahr 2010 als "alternativlos" bezeichnet hatte, versucht nach der Unwort-Wahl den Gebrauch des Adjektivs zu vermeiden.

Die Jury lenkt ihren sprachkritischen Blick auf Formulierungen, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen, einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder verschleiernd wirken. Wörter wie "Wohlstandsmüll", "Herdprämie", "betriebsratsverseucht" oder der "kollektive Freizeitpark" brachten die Jury immer wieder in den Verdacht, linkslastig zu sein. "Ums Parteipolitische geht es uns nicht", sagt Schiewe. Aber die Wahl selbst findet der Germanist durchaus in "höchstem Maße politisch". "Die Unwort-Aktion kritisiert auf dem Boden eines radikalen Demokratieverständnisses das, was den politischen Idealen wie Menschenwürde, politische Kultur, Respekt vor anderen Kulturen und Regionen entgegensteht."

Die Auswahl ist ein demokratischer Prozess und zuweilen ein mühseliger Vorgang, wie Schiewe eingesteht. In die Auswahl kommen nur Wörter, die durch Quellenbeleg gesichert und auch begründet sind. Schiewe ist überzeugt, dass die Unwort-Aktion Sprachbewusstsein und -sensibilität schulen kann. Und verweist auf die hohe Zahl der Einsendungen. "Das Bewusstsein vieler Menschen, dass viele Bezeichnungen der bezeichneten Sache nicht angemessen sind, ist gestiegen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen