Missbrauchsgefahr noch nicht gebannt?

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03. Januar 2013, 10:48 Uhr

Leipzig | Missbrauch und Manipulationen bei der Organspende: Nach den Skandalen in Göttingen und Regensburg im vergangenen Jahr sorgen nun schwere Vorwürfe gegen Mediziner am Leipziger Universitätsklinikum für Schlagzeilen. Der Fall hat die Debatte über Vorkehrungen gegen eine gezielte Bevorzugung bestimmter Patienten bei der Vergabe von Spenderorganen in Deutschland neu entfacht. Ist die Missbrauchsgefahr etwa noch nicht gebannt?

Das System von Leipzig erinnert an die Vorgänge in Göttingen und Regensburg. Auch dort ging es um die Manipulation von Patientenakten mit dem Ziel, bestimmte Patienten beim Empfang von Spenderlebern zu bevorzugen. Nach bisherigem Erkenntnisstand sollen am Leipziger Universitätsklinikum 38 Patienten fälschlicherweise als Dialyse-Fälle ausgewiesen worden sein, damit sie auf der Warteliste für eine Leber nach vorne gelangen. Dass dafür gezahlt wurde, wird nicht ausgeschlossen. Es geht offenbar um Fälle aus den Jahren 2010 und 2011. Drei Mediziner wurden direkt nach Bekanntwerden der Vorwürfe beurlaubt. Die Manipulation der Patientenakten war offenbar nicht mit größerem Aufwand verbunden. "Ob Dialyse oder nicht ist ein Kreuzchen am Computer", so Wolfgang Fleig, medizinischer Vorstand des Uniklinikums in Leipzig gestern.

Die Bundesärztekammer schließt weitere böse Überraschungen nicht aus. Hintergrund: Alle 47 Transplantationszentren in Deutschland werden derzeit überprüft. Bei knapp zehn ist die Kontrolle der Patientenakten bereits erfolgt - so wie jetzt in Leipzig. Bei der Bundesärztekammer legt man Wert auf die Feststellung, dass für das vergangene Jahr "kaum Auffälligkeiten" mehr nachgewiesen werden konnten. Die im Sommer 2012 vereinbarten Anti-Missbrauchs-Maßnahmen zeigten abschreckende Wirkung. "Die Transplantationsmedizin in Deutschland war wahrscheinlich noch nie so sicher und vor Schummeleien geschützt wie derzeit", so Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery.

Patientenschützer: "Es besteht ein System"

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagt dagegen: "Es besteht ein System." Brysch beklagt, dass das Transplantationssystem in Deutschland nicht in staatlichen Händen, sondern in denen privater Akteure liege. Damit meint er die Bundesärztekammer, unter deren Federführung jetzt alle 47 Transplantationszentren in Deutschland überprüft werden. Je mehr kontrolliert werde, desto mehr Mauscheleien kämen ans Licht, sagt Brysch. "Als die ersten Fälle im Juli 2012 aufgedeckt waren, wurde bagatellisiert. Dann war die Empörung groß, und jetzt werden die Fälle nur noch gezählt." Brysch wirft der Politik Versagen vor.

Politik und Ärzteschaft weisen die Vorwürfe zurück. Sie hatten nach den Skandalen von Göttingen und Regensburg im vergangenen Jahr verschiedene Maßnahmen auf den Weg gebracht:

Die Prüfungskommission unter dem Dach der Bundesärztekammer kann nun deutschlandweit unangekündigte Stichproben-Kontrollen vornehmen. Jährlich sollen Prüfberichte erscheinen. Eine weitere Neuerung: Bei Entscheidungen über die Vergabe von Organen gilt das Sechs-Augen-Prinzip. Kommt es zu Verstößen, können Transplantationszentren vorübergehend geschlossen werden. Geplant ist außerdem, dass Klinikdirektoren bei Manipulationsfällen künftig persönlich zur Rechenschaft gezogen werden können. Und für Mediziner, die besonders viele Transplantationen vornehmen, soll es keine Boni mehr geben.

Ob das Kontrollsystem funktioniert, ist umstritten. Die Bundesärztekammer sieht keinen Handlungsbedarf. Auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) ist offenbar dieser Meinung. Seine Sprecherin verteidigte gestern das bestehende Kontrollsystem. In der Unionsfraktion im Bundestag wird dagegen der Ruf nach gesetzlichen Änderungen immer lauter. "Ich denke, es ist eine wachsende Verunsicherung bei den Menschen in Deutschland feststellbar", erklärte Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU). Seine Forderung: Das Mehraugen-Prinzip müsse gesetzlich verankert werden.

Nach den Skandalen im vergangenen Jahr war die Bereitschaft zur Organspende deutlich zurückgegangen. Zwischen Januar und September 2012 wurden nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) 829 Organe gespendet. In den Monaten Oktober und November waren es 60 beziehungsweise 80 - gegenüber einem normalerweise üblichen Monatswert von 100. Die Manipulationen an Transplantationszentren hätten für erhebliche Verunsicherung gesorgt, so eine DSO-Sprecherin gestern gegenüber unserer Berliner Redaktion. Rund 12000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan.

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