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Ressortchefs einigen sich auf Urlaubskorridor von 90 Tagen : Ministerrunde im Ferienstress

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Die Wirtschaftsminister der Bundesländer haben die Ausweitung des Korridors für die Sommerferien auf 90 Tage gefordert. Diese Regelung solle spätestens 2018 in Kraft treten. Auch die Urlauber würden davon profitieren.

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erstellt am 06.Jun.2013 | 06:52 Uhr

Rostock | Das macht Peter Gebser jedes Mal aufs Neue sauer: "Da kommen Urlauber nach langer Fahrt an die Ostsee und wir müssen sie wegschicken, weil alle Stellplätze auf dem Campingplatz ausgebucht sind", ärgert sich der Chef des Familiencampingplatzes Pommerland in Zinnowitz auf Usedom: "Das enttäuscht und schmälert jedes Mal unsere Einnahmen." Die Situation kennt Gebser seit Jahren: Seit 23 Jahren ist er im Geschäft und sorgt für Deutschlands Urlauber auf der Sonneninsel für Ferienspaß auf dem Zeltplatz. Doch seit der Zeitkorridor für die Ferienzeiten der Bundesländer in manchen Jahren auf nur noch 71 Tage zusammengestrichen wurde, beginnt in der Hauptsaison in den Urlaubsorten das große Wettrennen um die Ferienplätze. Vor allem Spontanurlauber hätten dann nur noch geringe Chancen, meint Gebser: "Das ist ärgerlich, wenn wir Camper abweisen müssen."

Frust bei den Touristen, Millionenausfälle in Hotels, Pensionen, Gaststätten und auf Campingplätzen: Wenn die Urlauberkarawane anrückt, wird es eng. In den Monaten, in denen viele Bundesländer gleichzeitig Ferien machen, stößt die Branche an Grenzen. Die Kapazitäten reichten dann auf den Campingplätzen des Landes nicht mehr aus, weiß Peter Gebser: "Da gehen uns viele Übernachtungen verloren, landesweit einige Millionen", schätzt der Fachmann. Jeder Tag längere Ferienzeit bringe einen deutlichen Zugewinn an Erlösen, rechnet Bernd Fischer, Chef des Tourismusverbandes vor. In den Sommermonaten erreiche das Gastgewerbe in MV eine durchschnittliche Zimmerauslastung von 85 Prozent. In der Hauptsaison hätten die Häuser an einigen Tagen oft nur noch wenige Chancen, Gäste aufzunehmen. "Im Sommer wird die Luft dünn", meint Fischer.

Das geht ins Geld: An jedem Tag verkürzter Ferienzeit gehen der Branche in MV nach konservativen Berechnungen drei Millionen Euro verloren. Zehn Tage längere Ferienzeiten könnten 30 Millionen Euro zusätzlich in die Kassen bringen, rechnet Verbandssprecher Tobias Woitendorf vor. Die Ballung in der Ferienzeit sei einer der Hauptgründe für Staus auf den Straßen, erklärte Christian Hieff, Sprecher des Automobilclubs ADAC in Hamburg. Weniger Fahrzeuge auf den Straßen könnten den Verkehrsfluss steigern. Eine Verlängerung würde für Entspannung auf den Straßen sorgen, unterstützt der ADAC entsprechende Pläne.

Im kommenden Jahr liegen zwischen dem ersten Ferientag und dem letzten nur 73 Tage, 2015 dann 78 Tage. Verstopfte Straßen, hohe Preise, Gedränge an der Rezeption: Eine Verlängerung könnte die Nachfrage gleichmäßiger verteilen und die Preise so sinken lassen, meint Cheftouristiker Fischer. Zustimmung beim Familienurlaubanbieter Familotel, der in Wesenberg, Binz, Gut Benkenhagen und Golchen vier Häuser unterhält. "Gerade Familien ärgern sich über ausgebuchte Hotels zur Urlaubszeit", meint Vorstand Michael Albert. "Sind die Schulferien länger, finden sie leichter ein Zimmer. "

Darauf müssen Hoteliers, Campingplatzbetreiber und Urlauber noch warten: Bislang stellen sich vor allem Bayern und Baden-Württemberg quer und beharren auf ihren späten Ferienterminen im August und September. Die beiden Länder müssten bei den Sommerferien flexibler werden, forderte erst vor Kurzem Niedersachsens Kulturministerin Frauke Heiligenstadt. Es wäre begrüßenswert, wenn sich alle Bundesländer am Rotationsprinzip bei der Ferienregelung beteiligen würden. Das sei auch notwendig, um vernünftige Zeitblöcke für sinnvolles Lernen zu haben, meinte Heiligenstadt.

Die Wirtschaftsminister der Länder sind jetzt mit ihrer Geduld am Ende: "Wir brauchen die Streckung auf 90 Tage, um den Familien Gelegenheit zu geben, vernünftig Urlaub zu machen", hatte Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) im Vorfeld der gestern zu Ende gegangenen Wirtschaftsministerkonferenz der Länder in Rostock gefordert - und fand dafür Rückhalt bei seinen Amtskollegen. Große Einigkeit beim Spitzentreffen der Wirtschaftschefs: "Hier ziehen alle Länder gemeinsam an einem Strang", erklärte Glawe gestern zum Abschluss der Verhandlungen - selbst Bayern und Baden-Württemberg stimmten einem entsprechenden Antrag Mecklenburg-Vorpommerns und Schleswig-Holsteins zu. "Der Korridor soll auf 90 Tage gestreckt werden", erklärte Glawe. Mit einem längeren Zeitraum könnten die Urlaubsregionen gleichmäßiger ausgelastet werden, die Übernachtungskosten sinken und die touristischen Unternehmen und Einrichtungen besser planen. Einstimmiger Beschluss der Länder: Die Wirtschaftsminister haben die Kultusministerkonferenz aufgefordert, entsprechende Änderungen ab 2018 vorzunehmen. Ein überfälliger Schritt: 80 Prozent der Deutschen halten nach einer "Stern"-Umfrage aus dem vergangenen Jahr eine Entzerrung der Ferientermine für richtig. Nur 17 Prozent wünschten sich bundeseinheitliche Ferien wie etwa in Frankreich.

Doch Deutschlands Urlauber müssen sich gedulden: Da muss noch ein dickes Brett gebohrt werden, weiß Verbandschef Fischer. Ministerrunde im Ferienstress: Noch immer stellen sich die Kultusminister quer. Mit einem Zeitkorridor von durchschnittlich 83 Tagen in den vergangenen zehn Jahren komme man der Tourismuswirtschaft bereits weit entgegen, meinte Sylvia Schill, Sprecherin der Kultusministerkonferenz in Berlin. Angesichts der Pfingstferien in Süddeutschland sei ein früherer Ferienbeginn nicht möglich. Eine Erweiterung würde es schwer machen, den Lernstoff in den Schuljahren unterzubekommen. Auch hätten es Familien aus verschiedenen Bundesländern dann noch schwerer, gemeinsam Urlaub zu machen. "Eine schwierige Gemengelage, die nicht für alle zufriedenstellend zu lösen ist", meint Schill. Derzeit wird zwischen den Ländern die Sommerferienregelung für 2018 bis 2024 abgestimmt und voraussichtlich Anfang 2014 von der Kultusministerkonferenz festgelegt. Im Herbst gibt es eine erste Verständigung, heißt es im Bildungsministerium in Schwerin. Zumindest Bildungsminister Mathias Brodkorb scheint nicht abgeneigt, den Ferienzeitraum zu verlängern. Er stehe "konstruktiven Vorschlägen offen gegenüber", ließ er Ministeriumssprecher Henning Lipski mitteilen. Allerdings: Brodkorb gehe davon aus, dass Wirtschaftsminister Glawe mit ihm zunächst einmal ins Gespräch komme. Spannung am Kabinettstisch: Trotz des Antrags auf Verlängerung der Ferienzeiten blieb eine Abstimmung zwischen den Ministern in Mecklenburg-Vorpommern bislang aus.

Gute Geschäfte

Im Gastgewerbe ziehen die Geschäfte wieder an: Im März legte der Umsatz der Branche im Vergleich zum Vorjahresmonat um 4,5 Prozent zu, im den ersten drei Monaten um 1,7 Prozent, teilte das Statistische Amt in Schwerin gestern mit. Vor allem in den Hotels stiegen die Einnahmen, um mehr als acht Prozent. Auf den Campingplätzen ging der Umsatz hingegen gegenüber März 2012 um sieben Prozent zurück, im ersten Quartal um 2,4 Prozent. Die Branche hat zudem das Personal aufgestockt: im März im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,2 Prozent, im ersten Vierteljahr um 4,7 Prozent.

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