zur Navigation springen

Entschädigung nach Salatwarnung : Minister beißt sich durch EHEC-Krise

vom

So wirksam wie die Warnung vor dem Verzehr von Salaten gewesen sei, so unwirksam war die Entwarnung, sagt der Landwirt Rudolf Behr. Er rechnet in diesem Jahr mit Verlusten von zwei Millionen Euro.

svz.de von
erstellt am 27.Jun.2011 | 07:19 Uhr

Boizenburg | Mitten im Gewusel der 15 Saisonarbeiter steht Bauer Rudolf Behr und sieht zu, wie Salatköpfe frisch vom Feld eingepackt und in Kisten verstaut werden. Doch das eilige Treiben trügt - nur die Hälfte von Behrs Salaten findet durch die anhaltende Verunsicherung der Verbraucher nach der EHEC-Krise einen Käufer. Den anderen Teil frisst die Schreddermaschine, die wenige hundert Meter von Bauer Behr und den Erntehelfern entfernt ihre Kreise über das Nachbarfeld zieht.

So wirksam wie die Warnung vor dem Verzehr von Salaten gewesen sei, so unwirksam sei die später verkündete Entwarnung, sagt der 59-jährige Landwirt. Auf seinen drei Höfen in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Hessen rechnet er in diesem Jahr mit Verlusten von zwei Millionen Euro.

Umsatzrückgänge zwischen 60 und 70 Prozent

Mit diesem Dilemma beschäftigten sich gestern Vertreter aus sechs norddeutschen Bundesländern bei einem Treffen bei Großerzeuger Behr nahe Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern. Auf Einladung von Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) sprachen die Ländervertreter auch über mögliche Entschädigungen für Bauern.

Fast zwei Monate nach Ausbruch der Epidemie hätten norddeutsche Gemüseproduzenten und Händler immer noch mit 60 bis 70 Prozent Umsatzrückgängen zu kämpfen, sagte Till Backhaus. An den Gesprächen im Landkreis Ludwigslust nahmen auch Vertreter aus Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen teil. Die Länder wollten "mit einer Stimme sprechen", wie Backhaus betonte.

Hamburg forderte, die Entschädigungszahlungen der Europäischen Union nicht nur auf Kopfsalat, Tomaten und Gurken zu beschränken. Auch die Ausfälle bei anderen Salat-Arten und Sprossen müssten entschädigt werden, forderte der Abteilungsleiter für Agrarwirtschaft in der Hamburger Wirtschaftsbehörde, Rainer Wujciak. Entweder der Bund setze sich dafür ein, dass die Europäische Union ihre Entschädigungen auf weitere Produkte erweitere, wie er sagte. Wenn sich die EU jedoch sperre, müsse der Bund selbst für den entstandenen Schaden aufkommen. Schließlich sei es auch der Bund gewesen, der die Warnung vor Blattsalaten herausgegeben habe. Allein bei den Hamburger Gemüsebauern, die von den Entschädigungen der EU nicht profitieren, belaufe sich der Schaden wöchentlich auf insgesamt rund 60 000 Euro.

Bisherige Entschädigungen nur "Peanuts"

Eine derart große Kaufzurückhaltung bei den Verbrauchern habe es nur im Jahre 1986 nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl gegeben, schätzt Landwirt Behr ein, der selbst auf einem Bauernhof groß wurde und das Geschäft seit Jahrzehnten kennt. Damals kaufte aus Angst vor der Strahlung kaum noch jemand Gemüse. Der Staat habe die Bauern damals kräftig entschädigt, erinnert er. Die jüngsten Entschädigungen indes seien dagegen nur "Peanuts" gewesen.

Minister Till Backhaus zeigte sich nach seinem Besuch auf dem Gemüsehof ernüchtert über die Situation für die Bauern: "Mich enttäuscht das - ich dachte, wir seien langsam raus aus dem Tal der Verbraucherabwehr." Gerade im Norden gebe es eine "hochtransparente Landwirtschaft", betonte Backhaus. Jeder einzelne Salatkopf in der Landwirtschaft könne bis auf die Anbaufläche zurückverfolgt werden. "Ich gehe davon aus, dass die primäre Landwirtschaft, also der Landwirt, nicht die Schuldigen sind", stellte der Agrarminister fest.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen