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Milchgipfel Berlin : Millionenhilfe löst Milchkrise nicht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bauern aus MV: Milch-Gipfel setzt falsches Signal. Menge muss reduziert werden

svz.de von
erstellt am 30.Mai.2016 | 21:00 Uhr

Gummistiefel vor dem Brandenburger Tor, Mahnfeuer, eine Pyramide aus Milchkartons: Begleitet von Protesten notleidender Milchbauern auch aus MV hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) beim Milchgipfel in Berlin existenzbedrohten Betrieben Soforthilfen von mindestens 100 Millionen Euro angekündigt – ein Ende der nach dem Verfall der Milchpreise entstandenen Krise der Branche damit aber kaum eingeleitet.

Kredite, Bürgschaften, Steuererleichterungen: Damit sollen Bauern finanzielle Engpässe überbrücken können, sagte Schmidt nach dem Treffen mit Vertretern von Bauern, Molkereien und Handel. Ein Überangebot hatte den Milchpreis auf unter 20 Cent je Liter fallen lassen. Für eine auskömmliche Produktion sind aber 40 Cent notwendig. Das Treffen hatte für Kritik gesorgt, da weder der Branchenverband Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) noch die Länderagrarminister eingeladen waren.

Die von Schmidt angekündigten Hilfen werden die Not der Milchbauern nach Einschätzung der Landwirte in MV aber nicht lindern: Die Maßnahmen seien nicht geeignet, die Krise abzumildern, kritisierte Georg Maas vom BDM-Landesvorstand. Deutschlands Bauern hätten 2015 durch den Milchpreisverfall drei bis vier Milliarden Euro verloren. „Das ist mit 100 Millionen Euro vom Bund nicht wieder gut zu machen“, sagte Maas: „Das geht am Ziel vorbei.“ In MV hatten allein 2015 mehr als 60 Milchviehbetriebe – fast zehn Prozent aller Betriebe – die Produktion einstellen müssen. Mit der Sofort-Hilfe werde das Problem der Überproduktion nicht angegangen, kritisierte Maas: „Die Menge muss runter, alles andere hilft nicht.“ Der Branchenverband fordert daher politische Vorgaben für eine europaweite befristete Reduzierung der Anlieferungsmenge. Fünf bis sieben Prozent weniger Milch – und die Preise würden in wenigen Wochen „signifikant wieder steigen“, so Maas.

Die Länder hatten gefordert, die Hilfen an eine Mengenreduzierung zu koppeln. Schmidt hatte hingegen erklärt, der Schlüssel für die Lösung der Marktverwerfungen liege in den Händen der Marktbeteiligten selbst. Kritik kam auch von MV-Agrarminister Till Backhaus (SPD): „Geld allein wird es nicht richten“, sagte er. Notwendig sei „die Möglichkeit, die vertraglichen Beziehungen um konkrete Mengen-, Qualitäts- und Preisangaben zu ergänzen“. 

Fragen und Antworten zum Thema:

Wie dramatisch ist die Lage der Milchbauern?

„Es geht in diesen Tagen ums Ganze“, heißt es beim Bauernverband. Ungefähr 23, 24 Cent bekommen Milcherzeuger im Schnitt aktuell noch für den Liter, in manchen Regionen sind es sogar weniger als 20 Cent.

Dabei müssten es mindestens 30 oder 35 Cent sein, um kein Geld zu verbrennen. Ohne ausreichende Reserven oder nach teuren Investitionen gehen da manchen Betrieben die flüssigen Mittel aus. Das Höfesterben könnte sich noch weiter beschleunigen. Dabei halbierte sich die Zahl der Milchbetriebe seit dem Jahr 2000 schon auf gut 73.000.

Wo liegen Ursachen der Krise?

Schwankungen der Milchpreise sind nicht neu. Schon 2009 sackten sie teils unter 22 Cent, schwangen sich 2013 aber zeitweise wieder auf mehr als 40 Cent empor. Seitdem geht es abwärts. Gerade dämpft die schwächere Nachfrage in China und erdölexportierenden Ländern die Geschäfte. Weil Russland wegen der Konfrontation in der Ukraine-Krise Importe abblockt, bleibt mehr Milch in der EU und verwässert die Preise. In den USA und Neuseeland legte die Erzeugung zu - genau wie in einigen EU-Ländern nach dem Aus der limitierenden Milchquote 2015.

Dazu kommt der Reflex, dass Bauern mehr produzieren, um die gewohnten Einnahmen zu erhalten. Das verschärft wieder den Preisdruck für alle.

Warum gibt es jetzt den Milchgipfel?

Gastgeber Schmidt hat schon in Aussicht gestellt, was die Bauern am dringendsten fordern: „schnelle, direkte Hilfen“, die vor allem Liquiditätsengpässe überbrücken sollen. Konkret dürfte es auf weitere Möglichkeiten für Bürgschaften und Kredite sowie steuerliche Erleichterungen hinauslaufen. Während sich der Minister schon länger um die Krise kümmert, bekam das Thema zuletzt noch einmal Schub von höchster Stelle. Nachdem es wegen der neuen Milliardenförderung für Elektroautos intern rumorte, sicherte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Unionsfraktion höchstpersönlich Hilfen für die Bauern zu.

Wie kann die Ursache bekämpft werden?

Die Wurzel des Problems ist zu viel Milch auf dem Markt - da sind sich alle einig. Doch wie bringt man das Angebot herunter? Der Bauernverband sieht die Molkereien in der Pflicht, die etwa besser zu den Bauern rückkoppeln müssten, welche Mengen zu vernünftigen Preisen absetzbar sind. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) schlägt vor, dass Molkereien einen „Bonus für Mengenvernunft“ zahlen, wenn Milcherzeuger ihre Menge drosseln. Für eine Preiswende reichten schon zwei, drei Prozent weniger, erläutert AbL-Vize Ottmar Ilchmann. Das bekämen die Betriebe gut hin, indem sie zum Beispiel weniger Kraftfutter geben oder Kälber mit frischer Kuhmilch füttern.

Welche Rolle spielen die Verbraucher?

Die Risiken des Milchmarktes müssten fairer verteilt werden, mahnt Schmidt. „Im Moment zahlen unsere Bauern alleine die Zeche, Handel und Molkereien verdienen weiter.“ Vor allem die Supermarktriesen mit ihrer großen Marktmacht bekommen Vorwürfe zu hören, dass ihr harter gegenseitiger Preiskampf auf die anderen in der Kette durchschlägt.

Die Händler verweisen dagegen auf ein breites Angebot, das den Kunden auch diverse Preisstufen offeriert. Aktuell stehen im Kühlregal neben der 46-Cent-Milch zum Beispiel auch Markenmilch für 99 Cent oder Biomilch für 1,39 Euro.



 
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