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Cyberkriminalität : Millionen-Coup in MV mit dem Cheftrick

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sicherheitsbehörden warnten mehrfach eindringlich vor einer perfiden Betrugsmasche – Firmen fielen dennoch auf die Gauner herein und verloren viel Geld

von
erstellt am 03.Mär.2017 | 06:25 Uhr

Der Trick mit der Chefmasche klingt ebenso einfach wie unglaublich: Kriminelle geben sich als Geschäftsführer oder Firmeneigentümer aus und drängen Mitarbeiter unter strikter Geheimhaltung zu eiligen Transaktionen. Die Täter erbeuten damit Millionen-Summen. Ein dicker Coup gelang den Kriminellen auch in Mecklenburg-Vorpommern, wie das Landeskriminalamt (LKA) in Rampe nun erstmals mitteilte. Dabei hatte die Behörde bereits mehrmals vor der perfiden Betrugsmethode gewarnt, die mittlerweile auch unter den Namen Geschäftsführerschwindel, CEO-Fraud oder digitaler Enkeltrick bekannt ist.

Die erste Warnung vor den falschen Firmenchefs verschickte das LKA bereits im September 2015, als der Trick in Deutschland noch relativ unbekannt war. Auch um MV hatten die Betrüger bis zu diesem Zeitpunkt einen Bogen. Den Beamten waren keine Fälle bekannt. Nur ein halbes Jahr später hatte sich die Lage bereits geändert: Das LKA mahnte im Juni 2016 erneut – dieses Mal mit konkretem Anlass: Bei zwei Firmen hatten falsche Bosse versucht, Mitarbeiter zu Geldüberweisungen zu drängen. Die Betrüger scheiterten. Doch nur kurze Zeit nach der zweiten Warnmeldung waren Gauner mit der Chefnummer in MV erfolgreich und machten fette Beute.

Aus ermittlungstaktischen Gründen haben Ermittler und LKA den Betrug bislang nicht publik gemacht. Nun sind sie mit dem Fall erstmals an die Öffentlichkeit gegangen: Demnach war es den Betrügern im Sommer vergangenen Jahres gelungen, bei einem Unternehmen in MV „schädigende Zahlungen zu veranlassen“, wie es in einer Mitteilung des LKA heißt. Die Beute: rund 1,6 Millionen Euro. Nähere Details will LKA-Sprecher Michael Schuldt zu dem Fall nicht machen. Die Ermittlungen laufen noch.

Immerhin soviel lässt der LKA-Sprecher aber durchblicken: Die Täter sollen die „klassische Chefmasche“ abgespult haben. Dabei handelt es sich um eine Weiterentwicklung des berüchtigten Enkeltricks, bei dem sich vermeintliche Bekannte oder Angehörige das Vertrauen von älteren Menschen erschleichen und sie um finanzielle Hilfe bieten. Für die Abzocke bei Firmen mimen die Kriminellen den Unternehmens- oder Finanzchef und melden sich direkt bei Mitarbeitern der Buchhaltung und veranlassen unter dem Vorwand eines Firmenkaufs dann Überweisungen mit erheblichen Summen. „Hinter dieser Betrugsart steckt eine enorme logistische Vorbereitung“, weiß LKA-Mann Schuldt. Die Betrüger suchen bevorzugt im Internet gezielt nach Informationen über die Unternehmen. Über soziale Medien lässt sich etwa feststellen, ob der echte Chef gerade abwesend ist. Das ist der Zeitpunkt zum Losschlagen.

Die Opfer bekommen gefälschte E-Mails mit Konto-Daten und täuschend echten Behörden-Dokumenten zugeschickt, etwa von der Finanzaufsicht BaFin. Die Transaktion wird als streng vertraulich eingestuft – und die Mitarbeiter zu strikter Geheimhaltung aufgefordert. „Es wird erheblicher Druck ausgeübt“, erklärt Schuldt. Für Rückfragen ist der vermeintliche Chef natürlich nicht zu erreichen.

Das ergaunerte Geld landet nach Einschätzung von Ermittlern häufig auf Konten im Ausland. Auch gehen die Behörden davon aus, dass hinter den Betrügereien keine Einzeltäter, sondern kriminelle Organisationen stecken. Laut einem Bericht der Welt wurden von 2013 bis August 2016 in Deutschland 250 Betrugs-Fälle mit der Chefmasche bekannt. Der Gesamtschaden betrug 150 Millionen Euro.

Das Landeskriminalamt in MV warnte vor einigen Tagen bereits vor einer neuen Variante des digitalen Enkeltricks. Die Betrüger würden nun keine Firmenkäufe mehr vorgaukeln, sondern frei erfundene Rechnungen für angebliche Geschäftspartner verschicken und Überweisungen unterhalb von 10 000 Euro anweisen. „Niedrigere Summen erregen vielleicht weniger Misstrauen“, vermutet der LKA-Sprecher hinter der neuen Strategie der Ganoven. Er empfiehlt Firmen und Unternehmen, unbedingt klare Regeln, Abläufe und Höchstgrenzen für Überweisungen festzulegen.

Abzocke des Jahres

Der wohl bislang größte Betrug mit dem Geschäftsführer-Schwindel gelang Kriminellen beim Autozulieferer Leoni. Sie erleichterten das Unternehmen mit Sitz in Nürnberg 2016 um sage und schreibe 40 Millionen Euro. Das Geld wurde mittels gefälschter Dokumente und
Identitäten auf Konten in Asien transferiert.

Die Firma rutschte in die roten Zahlen.

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