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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 20:18 Uhr

Milliardenfass Werften

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erstellt am 22.Apr.2013 | 08:22 Uhr

Schwerin/Rostock | So spendabel waren die Steuerzahler in kaum einem anderen Wirtschaftsbereich an der Küste: Die vier Werften in Mecklenburg-Vorpommern kosteten einen der höchsten Förderetats, den das Land in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu vergeben hatte. Knapp 2,8 Milliarden Euro flossen ohne Rückzahlungspflicht in den Schiffbau zwischen Mecklenburger Bucht und Peene, errechnete das Wirtschaftsministerium. Die Werften in MV - ein Milliardenfass.

Alternativen sind rar: Ohne die öffentlichen Nothilfen der Steuerzahler wären in den Docks an der ostdeutschen Ostseeküste längst die Brenner ausgegangen. In den 90er-Jahren sei es darum gegangen, den industriellen Kern des Landes zu erhalten, meint Lothar Wilken von der Hauptgeschäftsführung der Vereinigung der Unternehmensverbände. "Was an industriellen Strukturen einmal weg ist, kommt nie wieder", verteidigt auch Heino Bade, Schiffbauexperte der IG Metall, die Staatshilfen: "Nur mit Tourismus wird es bei den langen Wintern nicht gehen."

Und doch waren die letzten zwei Jahrzehnte Schiffbau in Mecklenburg-Vorpommern mehr als 20 Jahre permanenter Hilferuf nach dem Geld der Steuerzahler. Mit zweifelhaftem Ergebnis: Rein rechnerisch wurde jeder der noch verbliebenen Jobs für die noch etwa 2900 Schiffbauer auf den Werften in Wismar, Rostock, Stralsund und Wolgast mit knapp einer Million Euro subventioniert - ein teures Geschäft. Allein 2,3 Milliarden Euro flossen für die Sanierung der Werften bei der Erst- und Zweitprivatisierung, weitere 490 Millionen Euro bis 2005 an Wettbewerbshilfen, hinzu kommen Darlehen und Bürgschaften - für insgesamt noch nicht einmal zehn Prozent der zur Wende auf den Werften beschäftigten mehr als 40 000 Schiffbauer. Der Geldsegen ist zwar längst versiegt. In der EU seien derartige Zuschüsse nicht mehr erlaubt, erklärt Schiffbauexperte Bade. Gerade noch für Forschungs- und Entwicklungsprojekte könnten Fördermittel ausgereicht werden, meint Wilken.

Trotzdem bleibt das Risiko bei der Staatskasse: Denn mit dem Rückzug der Banken aus der Schiffbaufinanzierung und dem steigenden Bedarf an Vorfinanzierungen für den Bau teurer Offshoreanlagen und Spezialschiffe ist der Staat stärker als Finanzierungspartner gefragt. Gerade erst richteten die Nordic-Werften in Wismar und Warnemünde erneut einen Hilferuf nach Schwerin - zur Finanzierung von Neubauaufträgen soll das Land sein Darlehens- und Bürgschaftsengagement auf 150 Millionen Euro ausbauen. Erst im vergangenen Jahr hatte das Land den Bürgschaftsrahmen wegen der Finanzierungsnot auf den Werften um 296 Millionen auf eine Milliarde Euro aufgestockt. Aufträge seien da, Banken aber kaum bereit, die Zwischenfinanzierung zu übernehmen, hatte Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) kürzlich erklärt. Kredite gibt es seit einigen Jahren nur noch bei staatlichen Bürgschaften als Sicherheit: "Wir sind grundsätzlich bereit, die Werften in Mecklenburg-Vorpommern weiter mit Bürgschaften zu unterstützen", sagt Sellering zu - doch nicht mehr um jeden Preis. Mit einem gesetzlichen Bürgschaftsmanagement will das Land Staatsgarantien für den Schiffbau auf 200 Millionen Euro deckeln - um das Risiko zu begrenzen. Dauerhafte Förderung der Unternehmen, nein, Hilfe bei der Finanzierung, ja - "wenn man sich für die Schiffbauindustrie entscheidet, muss man den Steuerzahlern aber auch sagen, dass das kostet", fordert Michael Roolf, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Handwerk - und vor allem dafür sorgen, dass die Wertschöpfung im Land bleibe. Die werde aber im ostdeutschen Schiffbau zu 70 Prozent außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns gemacht. Bürgschaften sind zwar keine von vornherein verlorenen Zuschüsse, sondern lediglich Staatsgarantien.

Doch ausgeschlossen ist der Verlust nicht: So drohen dem Land gerade erst durch die Pleite der Werften in Stralsund und Wolgast beträchtliche Verluste aus Darlehen und Bürgschaften: 216,5 Millionen Euro hat das Land als Gläubigerforderung bei der Insolvenzverwaltung angemeldet. Für Werftexperten Bade hält sich das Ausfallrisiko dennoch in Grenzen: Gerade eine Handvoll Bürgschaften seien im deutschen Schiffbau in den vergangenen 20 Jahren geplatzt - bei tausenden neuen Aufträgen. Für den Gewerkschafter gibt es keine Alternative: Ohne staatliche Bürgschaften gebe es keinen Schiffbau, keine Offshoreanlagen, keine Großanlagen. Bade: "Das kann keiner mehr finanzieren." Der Kapitalbedarf bei Neubauaufträgen liege um ein vielfaches höher als das Kapital der Werften. Angesichts des Rückzugs der Banken aus der Schiffbaufinanzierung und des enormen Vorfinanzierungsbedarfs sei "es hinnehmbar", wenn der Staat "vorübergehend" einspringe, meint Wilken: "Wir brauchen die Werften für innovative maritime Bauten."

Dennoch mehren sich die Zweifel, ob Schiffbau in Deutschland noch ein praktikabeles Geschäftsmodell sein kann. Im Mittelstand, im Handwerk formiert sich Widerstand gegen die jahrzehntelange Staatshilfe: "Auch das Handwerk sichert Arbeitsplätze, 100 000 Jobs, egal welche Krise kommt", meint Roolf. Vor allem die P+S-Werften bekommen den Druck zu spüren. Während die Peenewerft in Wolgast mit der Lürssen-Werft einen neuen Eigner gefunden hat und im Marineschiffbau wieder in ruhiges Fahrwasser geraten kann, steht es um die Volkswerft in Stralsund schlecht - trotz millionenschwerer Subventionen in den letzten Jahrzehnten, trotz der Zusage des Landes, den Werften mit Bürgschaften beizustehen. Für die insolvente Werft ist trotz monatelanger Verkaufsgespräche kein ernstzunehmender Investor in Sicht.

Verzweiflung am Strelasund, Zuversicht an der Wismarer Bucht: Ausgerechnet auf den jahrelang vor sich hindümpelnden Nordic-Werften in Wismar und Warnemünde florieren drei Jahre nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Wadan-Werften die Geschäfte. Gerade gestern begann in Wismar der Bau eines Windturbinen-Serviceschiffes. Dazu vier Konverterplattformen für Offshore-Windparks im Wert von hunderten Millionen Euro, zwei eisbrechende Bergungsschiffe im Orderbuch - Aufträge für mehr als eine Milliarde Euro, Arbeit bis 2015, nach eigenen Angaben Weltmarktführer im Offshore-Bereich für die Gas- und Öl- wie auch Windkraftindustrie.

Und noch eine Werft hat es geschafft, der Schiffbauflaute zu entkommen: Gerade hat die Neptun-Werft in Warnemünde gleichzeitig sechs Flusskreuzfahrtschiffe getauft. Es werden noch mehr. Erst im Dezember vergangenen Jahres hatte die Reederei Viking River Cruises zehn weitere Schiffe bestellt, Arbeit für die 500 fest angestellten Schiffbauer bei Neptun bis ins Jahr 2014 - ein Lichtblick an der Warnowmündung.

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