Aus dem Gerichtssaal : Milde Droge und milde Richter

 ARCHIV - Cannabis Pflanzen, aus denen auch Marihuana hergestellt wird, in einer Plantage in Safed (Israel) (Foto vom 31.08.2010). Foto: EPA/ABIR SULTAN ISRAEL OUT (zu dpa «Regierung organisiert Anbau und Handel von Cannabis für Patienten» vom 31.10.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++; Regierung organisiert Anbau und Handel von Cannabis für Patienten; safed; ; israel;hae014;Gesundheit, Drogen, lbn
 

Angeklagter transportierte für eine Bande über vier Jahre Marihuana.

svz.de von
18. November 2015, 18:22 Uhr

Wegen bandenmäßigen Drogenhandels hat das Schweriner Landgericht einen 66-jährigen Hamburger zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Mit etwas weniger Wohlwollen hätten die vier Richter auch eine deutlich höhere Strafe verhängen können.

Als Grund für die Milde nannte der Vorsitzende Richter Uwe Fiddecke unter anderem, dass es sich bei Marihuana im Vergleich mit anderen um eine „relativ ungefährliche“ Droge handele. Außerdem habe der Angeklagte selbst Marihuana geraucht. Hätte er gefährliche Drogen verkauft, die er selbst nicht anrühren würde, wäre seine Tat deutlich „verwerflicher“ gewesen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre Haft beantragt, die Verteidigerin „nicht mehr als drei Jahre“.

Dabei war allerdings die Menge an Marihuana, der Angeklagte Michael O. mindestens einmal monatlich über fast vier Jahre von in alten Ställen versteckten Hanf-Plantagen nach Hamburg brachte, auch für die erfahrenen Richter keine Kleinigkeit. Mit zwölf Kilogramm pro Kurierfahrt hatten sie bislang in anderen Prozessen nur selten zu tun. Zwischen 2006 und 2010 hat der frühere PR- und Werbefachmann mit vier anderen Tätern drei Hanf-Plantagen in Brandenburg, in Hof Retzow östlich von Parchim und in Dithmarschen betrieben. Nachdem die letzte Plantage aufflog und die Komplizen teilweise zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, bangte Michael O. vier Jahre lang, ob die Ermittler ihm auf die Spur kommen. Im April 2014 war es so weit. Ein Komplize hatte ihn ans Messer geliefert – wofür er früher aus der Haft entlassen wurde.

Während des Prozesses bestand Michael O. darauf, eigentlich nur der Kurierfahrer gewesen zu sein. In die Pläne der anderen sei er nicht eingeweiht gewesen. Das ließ das Gericht jedoch nicht gelten. Die Richter sahen im Angeklagten ein Mitglied der Bande, wenn auch ein untergeordnetes. Schließlich beschränkte er sich nicht da-rauf, in Plastiktüten verpacktes Marihuana zu transportieren. Er besorgte neue Handys für die Bande und er kümmerte sich um eine Geldzählmaschine für die vielen kleinen Scheine aus dem Verkauf. Er kaufte auch eine Maschine, mit der die Drogen luftdicht verpackt wurden. Das Gericht wollte ihn jedoch nicht auf eine Stufe stellen mit dem Kopf der Bande, der 2011 zu sechs Jahren und zehn Monaten verurteilt worden war.

Das milde Urteil verdankt Michael O. auch seinem Alter, der langen Dauer des Verfahrens seit seiner Verhaftung und seinem glaubhaften Geständnis. „Ich bereue bitter, was ich getan habe“, sagte er in seinem Schlusswort. Nach seiner Haftstrafe erwartet ihn ein leeres Konto. Seine Rücklagen fürs Alter sind weg. Voller Scham hatte er zudem im vergangenen Jahr seiner Ehefrau seine kriminelle Nebentätigkeit gestehen müssen. Anscheinend steht sie dennoch zu ihrem Mann. Während des Urteils saß sie gestern leise weinend im Zuschauerraum.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen