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Mecklenburg-Vorpommern

20. Oktober 2017 | 12:58 Uhr

Wirtschaft : Milchpreis stürzt noch tiefer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Noch weniger Geld für den Liter Milch – viele Bauern verzweifeln: Nicht einmal die Hälfte ihrer Kosten werde so gedeckt

svz.de von
erstellt am 17.Mai.2016 | 19:30 Uhr

Der Erzeugerpreis für Milch ist auf weniger als 20 Cent pro Liter abgestürzt. Viele Milchbauern in Mecklenburg-Vorpommern bekämen nur noch zwischen 18 und 19 Cent, sagte der Landesvorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) für MV, Christian Karp, gestern in Kraak (Landkreis Ludwigslust-Parchim). Nötig sind laut BDM 40 Cent pro Liter. Ein Absturz der Erzeugerpreise hatte sich bereits im April angedeutet. Grund für die Preismisere ist das Überangebot an Milch.

Der BDM fordert Maßnahmen der Politik auf Bundes- und EU-Ebene, um die Überproduktion einzudämmen. Der auf der Agrarministerkonferenz Mitte April in Mecklenburg-Vorpommern gefasste Beschluss, dass sich Landwirte und Molkereien freiwillig auf eine Reduzierung der Milchmengen einigen, habe bislang keine Wirkung gezeigt, sagte Karp.

Infografik: Produktion von Milch und Schweinefleisch steigt | Statista
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Auf der Konferenz der Ressortchefs von Bund und Ländern in Göhren-Lebbin hatte es geheißen, dass die Politik zu staatlichen Bonushilfen bereit sei. Jetzt sagte Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU), dass keine Haushaltsmittel für Ausgleichsleistungen zur freiwilligen Reduktion der Milchanlieferung bereitstünden. Seit gestern protestieren Mitglieder des BDM aus ganz Deutschland vor seinem Wahlkreisbüro im bayrischen Neustadt/Aisch.

Karp zufolge können viele Milchbauern kaum noch das Futter für ihre Kühe bezahlen. Alles laufe auf eine Marktbereinigung durch Insolvenzen hinaus. Auch der Hauptgeschäftsführer des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Martin Piehl, sagte, die Politik fahre „die harte Tour“. „Das kostet Existenzen und Wertschöpfung im ländlichen Raum.“ Der Staat greife so oft ein, das habe sich erst wieder bei den Überlegungen zur Unterstützung der Käufer von Elektro-Autos gezeigt. Aber die Politik mache keine Anstalten, den Bauern zu helfen. „Das erbost uns“, sagte Piehl. Der Bauernverband könne die Landwirte zwar unterstützen, aber nicht für sie die Verhandlungen mit den Molkereien führen, was manche erwarteten. „Wir sind keine Marktpartner“, stellte Piehl klar. Die Bundesregierung will den Bauern mit einem mindestens zweistelligen Millionenbetrag helfen, über den Ende des Monats bei einem Milchgipfel gesprochen werden soll. Agrarminister Schmidt betonte erneut, dass die Überproduktion den Preis drücke und auch dort die Lösung liege: „Es gibt nur einen Weg, wir müssen die Produktion eindämmen“, sagte Schmidt der „Süddeutschen Zeitung“.

Kommentar von Detlef Drewes: Kampf um die Milch
Viele Milchbauern leben nicht mehr, sie überleben nur noch. Preise unter 30 Cent, die sie noch vor Jahren auf die Straßen trieben, reichen zwar auch kaum, um einen mittelständischen Betrieb rentabel führen zu können. Doch nun bekommen sie nicht einmal mehr 20 Cent. Weil zu viel produziert wird. Weil ein Ausgleich fehlt. Weil Staat und EU mit sich nicht über ein neues System der Mengenbegrenzung wie die abgeschaffte Milchquote reden lassen. Und weil Molkereien und Einzelhandel alles billiger machen. Es ist eine Milchmädchen-Rechnung, wenn der Staat Millionensummen in die Hand nehmen muss, um Höfe zu stabilisieren. Eine gesunde landwirtschaftliche Struktur sieht anders aus. Doch bislang streiten die verschiedenen Verbände, in denen die Landwirte zusammengeschlossen sind, um den richtigen Weg. Natürlich könnte sich die Branche verpflichten, die Milchmenge zu begrenzen. Doch wer davon leben muss, braucht mehr Umsatz. Und eine solche freiwillige Quote wirkt erst, wenn wieder einige Höfe mehr „gestorben“ sind.

Eine Rückkehr zu einer Quotenregelung, um die Milchmenge zu verringern, lehnt Schmidt weiter ab, stellte aber zugleich Hilfen für die Bauern in Aussicht. „Wir werden den Bauern mit Steuererleichterungen und Liquiditätshilfen zur Seite stehen“, sagte Schmidt. Denkbar seien etwa Bürgschaften für Kredite. Die EU hatte im März unter anderem den Weg für freiwillige, zeitlich begrenzte Mengenreduzierungen in den EU-Staaten für Milchprodukte freigemacht. Produzenten können sich bei den Produktionsmengen absprechen, ohne kartellrechtlich in Probleme zu geraten.

Die freiwillige Marktstabilisierung habe noch nicht gegriffen, sagte der österreichische Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter bei einem Treffen der EU-Agrarminister. „Die Mengen, die im Markt nicht verkraftbar sind, drücken auf den Preis, und hier müssen wir gegensteuern.“ Voraussichtlich im Sommer soll auf EU-Ebene darüber beraten werden, wie wirksam die getroffenen Maßnahmen und ob weitere nötig sind.

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