Antwort der Wirtschaft auf die Integrationsdebatte : Migranten gegen Fachkräftemangel

Ausbildung bei den Metallbauern: Thomas Becker (l.) erklärt Johann Monik den Schweißvorgang.
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Ausbildung bei den Metallbauern: Thomas Becker (l.) erklärt Johann Monik den Schweißvorgang.

Schrägsitzventil, Drei-Wege-Mischer, Verteiler - Worte, über die Juri Wirz manchmal noch kurz nachdenken muss, bevor sie über seine Lippen kommen. Und doch weiß der gebürtige Kasache genau, wovon er spricht.

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06. November 2010, 04:17 Uhr

Schwerin | Er steht vor seinem Übungsbrett in der Werkstatt für Anlagenmechaniker im Bildungszentrum der Handwerkskammer Schwerin und beantwortet die Fragen seines Ausbilders Gerald Schleiermacher nach den Bauteilen. Zum Beispiel, wofür bei der Installation die Farbe blau steht. "Sicherheitsventil für Trinkwasser", sagt Juri Wirz. Sein Ausbilder nickt zufrieden - die Zwischenprüfung kann kommen.

Der 37-Jährige aus Boizenburg ist einer von 120 Migranten, die seit 2006 von der Handwerkskammer Schwerin auf den Gesellenabschluss vorbereitet wurden. In diesem Herbst ist eine weitere Maßnahme mit 96 Männern und Frauen gestartet. Kamen die Teilnehmer anfangs vor allem aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, stammen sie diesmal auch aus Indien, Afghanistan, Irak, Argentinien und dem arabischen Raum. Sie werden Elektrotechniker, Maler, Tischler, Anlagenmechaniker, Metallbauer, Koch oder Fachfrau im Gastgewerbe.

Das außergewöhnliche Projekt ist die Antwort des Mecklenburger Handwerks auf die Integrationsdebatte. Es soll den Fachkräftemangel lindern und zugleich Migranten bei der Eingliederung helfen, sagt Annegret Ziemann, Leiterin Technische Bildung bei der Kammer: "Die Teilnehmer haben einen Berufsabschluss, der in Deutschland nicht anerkannt wird, oder sie haben vergleichbare Vorkenntnisse durch eine ungelernte Tätigkeit in Deutschland erworben." Die Ausbildungsdauer wird deshalb auf 18 Monate inklusive Praktikum komprimiert. Lern- und Prüfungsinhalte seien aber dieselben wie bei der regulären dreieinhalbjährigen Ausbildung, betont Annegret Ziemann. Weitere Voraussetzungen: ein Deutschkurs und die notwendige Motivation.

60 Prozent der Teilnehmer fanden gleich einen Job

Motiviert, das sind sie alle, wie Ausbilder Gerald Schleiermacher bestätigt. "Sie kommen freiwillig und sie wissen als Erwachsene sehr genau, was sie wollen", beschreibt der Wismarer seine guten Erfahrungen mit den Migranten-Azubis. Die Altersspanne bei den Teilnehmern reicht derzeit von 25 bis 45 Jahren. Auch Juri Wirz konnte vor seiner Umschulung schon eine jahrelange Berufspraxis vorweisen. In Kasachstan hatte er Elektroschlosser gelernt. Doch als er 1995 nach Deutschland kam, war sein Abschluss nichts mehr wert. Zunächst fand er noch einen Job als Lagerarbeiter, aber dann war Schluss. Hartz IV, eineinhalb Jahre. Für Juri Wirz kein Zustand. "Ich wollte arbeiten", sagt er. Und genau das wird er auch können, wenn er seine Gesellenprüfung besteht. Denn der Betrieb, in dem er vor wenigen Wochen sein Praktikum absolviert hat, hat bereits Interesse an dem fleißigen Lehrling signalisiert. "Sie wollen mich einstellen", erzählt er glücklich.

Überhaupt kann sich die Erfolgsquote des Projektes sehen lassen. Wie Leiterin Heidrun Gubin berichtet, haben nach dem ersten Ausbildungsdurchgang von 2006 bis 2008 insgesamt 78 Prozent der Teilnehmer die Gesellenprüfung bestanden. Mehr als 60 Prozent konnten gleich in Arbeit vermittelt werden. Das hat sich herumgesprochen. Praktikumsbetriebe und Unternehmen, die anfangs noch zögerlich reagiert hätten, würden sich jetzt gezielt nach den Teilnehmern erkundigen, sagt Heidrun Gubin. Und Migrationsverbände würden ihre Klientel zunehmend auf die Möglichkeit aufmerksam machen, bei der Handwerkskammer einen in Deutschland anerkannten Abschluss nachzuholen.

"Das sind die Steuerzahler von morgen"

Das will jetzt auch Johann Monik. Der 33-jährige Familienvater kam vor sieben Jahren von Omsk in Russland nach Parchim. Nach einem Sprachkurs jobbte der gelernte Elektriker unter anderem als Melker und Fleischer. Doch ohne richtige Qualifizierung saß er beim Abbau von Arbeitsplätzen immer auf dem Schleudersitz. Arbeitslos war er zwar letztlich nur drei Monate, doch die haben dem jungen Mann gereicht. "Ohne Beruf zu sein, davon habe ich die Nase voll", bekennt er freimütig. Jetzt wird er bei der Handwerkskammer als Metallbauer ausgebildet. Ein Beruf, in dem gut qualifizierte Arbeitskräfte dringend gesucht werden. Das weiß auch das Wirtschaftsministerium des Landes, das das Projekt der Kammer mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds finanziert.

Obwohl das Land selbst ein großes Interesse daran hat, den sich abzeichnenden Fachkräftemangel auch mit Migranten abzufedern, wird Heidrun Gubin manchmal noch mit Vorurteilen aus der Bevölkerung gegenüber Integrationsmaßnahmen konfrontiert. Darauf hat sie eine klare Antwort: Das Projekt ändere nichts daran, dass in Deutschland jeder Deutsche eine Chance auf eine Ausbildung habe. Die Migranten bei der Handwerkskammer erfüllten zudem genau das, was die Politik von ihnen verlange. Sie seien integrationswillig und wollten nicht von Hartz IV leben, betont Heidrun Gubin: "Das sind die Steuerzahler von morgen."

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