Künstler Joachim John gestorben : „Mich selbst habe ich nicht gesucht“

<p>Künstler Joachim John</p>

Künstler Joachim John

Zum Todes des großen Zeichners und Grafikers Joachim John

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29. März 2018, 10:43 Uhr

Als wir uns im Januar, wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag, in Neufrauenmark getroffen haben, schlug mir Joachim John zum Abschied freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. Das hatte er in den mehr als 20 Jahren, die wir uns kannten, noch nie getan. Später kam eine Karte, die er mit „Greis John“ unterschrieben hatte – seine Art von Humor.

So war er. (Wie schwer mir das fällt, von ihm in der Vergangenheit zu schreiben.) Ein Menschenfreund und ein Freund der Menschheit, jedenfalls jener großen Mehrheit, die von ihrer Hände Arbeit lebte, auf Barrikaden für die Freiheit kämpfte oder beim Untergang des Schiffes „Utopia“ den  Haien zum Opfer fiel.

Über die wechselnden Zeiten hinweg blieb John ein notorischer Linker. „Nach langem überlegen: / zum himmel fällt der regen / die linken könn / nicht siegen / die vögel könn’ nicht fliegen“, dichtete er vor Jahren als Silvestergruß.

Laut konnte John vor allem in Briefen werden, wenn er sich über Auswüchse moderner Kunst und deren Jünger aufregte. Sonst war er eher zurückhaltend, bescheiden, rücksichtsvoll,  scheute sich nicht, auch sich selbst und seine Arbeit in Frage zu stellen. „Es kann aber auch ganz anders sein“ ist so ein Satz, der mir aus unserem letzten Gespräch in Erinnerung geblieben ist.

Seinen feinen Humor hatte Joachim John aus der böhmischen Heimat mitgebracht, wo er am 20. Januar 1933 in Tetschen  geboren wurde. Nach dem Krieg arbeitete er erst als Chemiewerker in Sachsen und studierte auch  an der Theaterhochschule Leipzig. Das Theater sollte auch als Zeichner seine große Liebe bleiben. Die Folge „Mandragola“, jener erotischen Komödie von Niccolò Machiavelli, sollte zu einem Hauptwerk im Schaffen Joachim Johns werden, neben zauberhaften Mecklenburger und italienischen Landschaften, Blättern zur deutschen Wiedervereinigung oder riesigen Panoramagemälden für das Schweriner und Cottbuser Theater.

Ab 1955 studierte und lernte John in Greifswald und auf Usedom. Ab 1966 lebte er als freischaffender Künstler anfangs in Berlin und dann seit 1977 in Frauenmark bei Schwerin. 1986 wurde er Mitglied der Akademie der Künste der DDR, nach der Wende der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg.

Die Zahl seiner Ausstellungen und Werke in großen Museen ist kaum zu zählen.  Mecklenburg-Vorpommern ehrte John 1998 mit dem Kulturpreis des Landes.

Wie er selbst seine Arbeit sah, darüber gab er in ungemein klugen, sehr witzigen Interviews Auskunft, die er mit sich selbst führte. Einiges ist in Katalogen und in der großen Monographie nachzulesen, die die Akademie der Künste über den Zeichner Joachim John im Jahr 2011 herausgab. Dorthin gab er  einen Großteil seines Nachlasses. Über die Qualität von Zeichnungen sagte er u. a., wobei er auf das berühmte, schier endlose Lied von der Festung Königstein anspielte: „Der Maler malt ein’ Strich an die Wand und sagt, das ist der Ostseestrand … Eine Zeichnung ist gut, wenn dort, wo der Zeichner das Papier nicht berührt, etwas erscheint!“

Und als realistischer Künster, der den wechselnden Moden in der Kunst nichts abgewinnen konnte, befand er: „Auf Kunst ziele ich nicht, sondern auf  Wirklichkeit.  Mich selbst habe  ich nicht gesucht.“

Vielleicht hat John sich mit seinen jüngsten Arbeiten, die er Neue Bilder genannt hat, vom Realismus herkömmlicher Art ein wenig entfernt. Diese Zeichnungen erscheinen abstrakter, fast musikalischen Gesetzen gehorchend. Jeder Betrachter wird sich sein eigenes, inneres Bild erschließen müssen. Eine Ausstellung mit diesen Werken in der Orangerie Putbus geht heute zu Ende.

In der Galerie Parterre in Berlin-Pankow   dagegen wird vom 11. April bis 24. Juni eine Joachim-John-Ausstellung anlässlich der Verleihung des Egmont-Schaefer-Preises für Zeichnung zu sehen sein.

Joachim John wird diese Auszeichnung nicht mehr persönlich entgegennehmen können. Am Montag starb der große Zeichner und Grafiker nach kurzer schwerer Krankheit.

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