Flugzeugabsturz in Ostukraine : MH 017 am Boden zerschellt

Wrackteile an der Absturzstelle im Krisengebiet.
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Wrackteile an der Absturzstelle im Krisengebiet.

Abschuss einer Boeing 777 in 10 000 Meter Höhe vermutet. Gegenseitige Schuldzuweisungen. Wurde zuvor Kampfjet abgeschossen?

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18. Juli 2014, 06:45 Uhr

Die blutige Krise in der Ukraine hat sich gestern dramatisch zugespitzt. Eine malaysische Passagiermaschine stürzte in der Region, in der seit Monaten heftige Kämpfe zwischen prorussischen Milizen und Regierungstruppen toben, ab und zerschellte am Boden. An Bord der Boeing 777, die in rund 10 000 Meter Höhe flog, waren 298 Menschen. Sie seien alle bei der Katastrophe ums Leben gekommen, meldeten russische Agenturen. Malaysia Airlines bestätigte zunächst nur, dass sie den Kontakt zu der Maschine verloren habe.

Sofort wurden Vermutungen laut, die Boeing sei in dem Kampfgebiet von einer Rakete getroffen worden. Ein Experte des ukrainischen Innenministeriums gab diesen Spekulationen zusätzliche Nahrung. „Die Maschine wurde abgeschossen“, erklärte Anton Geraschtschenko und behauptete, die todbringende Rakete sei von einem Buk-Flugabwehrsystem sowjetischen Typs abgefeuert worden. Beweise dafür gab es allerdings zunächst nicht. Der ukrainische Geheimdienst hat nach eigenen Angaben Telefongespräche abgehört, in denen prorussische Aufständische den Abschuss des malaysischen Verkehrsflugzeugs eingestehen sollen. Ein Sprecher der Separatisten bestritt, dass die Aufständischen über derartige Waffen verfügten und machte die ukrainischen Streitkräfte für den angeblichen Abschuss verantwortlich.

Kurz nach dem Absturz der Boeing mit 298 Menschen an Bord hätten die Separatisten aber dem russischen Militär übermittelt, dass Kosaken-Milizen den Jet getroffen hätten. Möglicherweise seien die Aufständischen davon ausgegangen, auf ein ukrainisches Militärflugzeug zu schießen. Der ukrainische Geheimdienst veröffentlichte die Telefonate, deren Wahrheitsgehalt sich nicht überprüfen lässt.

Helfer konnten zunächst nicht in die umkämpfte Region vordringen. Die Absturzstelle soll bei Grabowe liegen, rund 80 Kilometer östlich von Donezk. Andere Quellen nennen die nahe Stadt Schachtjorsk. Beide Orte sind nicht weit von Snischne entfernt, wo am Dienstag eine Rakete ein Wohnhaus zerstört und elf Menschen getötet hatte. Die Ukraine beschuldigte da das russische Militär, obwohl das Gebiet von den Separatisten kontrolliert wird.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko berief nach der Katastrophenmeldung von Flug MH 017 eine internationale Untersuchungskommission ein. Auch er hielt in einer ersten Stellungnahme einen Abschuss für möglich.

Die Tragödie reihte sich an weitere dramatische Meldungen aus dem Krisengebiet. Erst am Mittag hatte der Nationale Sicherheitsrat (SNBO) in Kiew der russischen Luftwaffe vorgeworfen, einen ukrainischen Kampfjet über ukrainischem Territorium abgeschossen und damit einen kriegerischen Akt begangen zu haben. Die russische Regierung wies dies als absurd zurück.

Sicher ist, dass sich die von Russland unterstützten Aufständischen seit Tagen mit den ukrainischen Truppen heftige Gefechte liefern, bei denen auf beiden Seiten auch Raketen zum Einsatz kommen.

Die dramatische Zuspitzung kommt in einem Augenblick, in dem sich neue Bewegung im Ukraine-Konflikt abzeichnete. Gestern Abend wollte die Kiewer Regierung einen weiteren Versuch unternehmen, mit den Separatisten in einer Videokonferenz Verhandlungen anzubahnen. Die Meldungen über den Flugzeugabsturz dürften aber eine völlig neue Lage geschaffen haben.

Auch auf internationaler Ebene verschärfte sich angesichts der Ukraine-Krise der Ost-West-Konflikt. Am späten Mittwochabend hatten die Staats- und Regierungschefs der EU die Sanktionen gegen Russland ausgeweitet. Auch die USA verhängten weitere Sanktionen, unter anderem gegen den Waffenproduzenten Kalaschnikow, den Öl-Giganten Rosneft und die Gasprom-Bank.

Bundeskanzlerin Angela Merkel begründete den Schritt mit der russischen Tatenlosigkeit in der Ukraine-Krise.

Der Kreml reagierte scharf auf die Sanktionsankündigung. Präsident Wladimir Putin warnte vor allem die USA, die Konfrontation könne „zum Bumerang werden“.


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