Kultur : Metamorphose zum Weichei

Sänger Dirk Zöllner
Sänger Dirk Zöllner

Dirk Zöllner hat ein Werk über die Wendung seines Lebens geschrieben

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04. September 2017, 21:00 Uhr

Viel Musik. Viel Rotwein. Und viel Liebe. Diese drei Dinge ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch - und durch das Leben des Sängers Dirk Zöllner. Das verlief bis etwa zu seinem 50. Geburtstag im „Affenzahn“. So lautet auch der Titel seines neuen biografischen Werkes. Fünf Jahre nach seiner Autobiografie erzählt der Berliner Künstler nun Geschichten, in denen es oft um ihn geht; aber auch um Musiker-Kollegen von Seal bis Silly oder um gesellschaftliche Entwicklungen wie Facebook und Pegida.

Ein Thema aber kehrt immer wieder: Seine Metamorphose vom egozentrischen Künstler, der auf Kosten anderer auf der Überholspur raste, wie er schreibt, zum Familienvater, der sich liebevoll um seine Kinder kümmert und die leisen Töne des Lebens entdeckt.

Mit knapp 50 Jahren habe er sich immer noch für unsterblich gehalten, schreibt der Sänger, Songschreiber und Komponist. „Die Arbeit bestand aber ausschließlich darin, mich selbst zu reflektieren, während meine Lebensabschnittsgefährtin damit zu tun hatte, mir den Arsch freizuhalten und unser Kind aufzuziehen. Und ich war damit beschäftigt, die Göttlichkeit zu pflegen und ausgiebig im Applaus und Rotwein zu baden.“ Dann verließ ihn die Mutter seines dritten Kindes – und er „stürzte alsbald vom hohen Ross und bruchlandete unsanft auf dem Asphalt“.

Zöllner floh zu Freunden, ging zum Psychiater, trauerte der großen Liebe lange hinterher – bis zur Erkenntnis. „Und siehe da: Hier in der Mitte, an der ich immer nur vorbeigeschrammt bin, gibt es einiges zu entdecken: Schöne, in sich ruhende Menschen, die meinem hektischen Blick weitgehend verborgen geblieben waren.“ Er sei jetzt „ein Weichei“. Überdauert hat seine Liebe zum Rotwein.

Er habe in seinem neuen Leben auch seine Kinder entdeckt, „den ultimativen Ausdruck der Veränderung“, schreibt Zöllner. Der Künstler hat vier Kinder von vier Frauen – das Älteste ist schon seit einigen Jahren erwachsen, das Jüngste erst vor einigen Monaten geboren. „Ich lebe gerade die schönste Zeit meines zweiten Lebens. Mein erstes ging bis 1989.“ In den ausklingenden 80ern der DDR präsentierte Dirk Zöllner seine ersten eigenen Titel live auf der Bühne – und wurde schnell bekannt. „Für ein Album hat es nicht gereicht, Tonträger unter meinem Namen erschienen erst nach dem Mauerfall.“ Trotzdem würden all seine CDs unter der Rubrik „DDR-Musik“ gehandelt; auch sein elftes Studioalbum vom März 2017. Durch einen Song – nämlich den DDR-Hit „Käfer auf'm Blatt“ – gehöre er zu einem absterbenden Biotop, das den Titel „Ostrock“ trägt. „Ich gehöre zur letzten Generation – wenn ich den persönlichen Rock ’n’ Roll etwas klüger dosiere, könnte ich vielleicht sogar der letzte Ostrocker werden.“

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