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Mecklenburg-Vorpommern

17. August 2017 | 23:32 Uhr

Merles Herz kann endlich hüpfen

vom

Rostock | Eigentlich will sich Wenke Kunath nicht mit Ultraschall untersuchen lassen, als sie schwanger ist. Sie hat Bedenken, dass die Schallwellen ihrem Kind schaden könnten. Doch dann wird die 30-Jährige selbst krank, muss deshalb mit Ultraschall untersucht werden. Auch das Baby wird so für die Ärzte sichtbar. Und die kommen zu einer schrecklichen Diagnose: Das Kind hat einen Herzfehler, eine unterbrochene Speiseröhre, eine Fistel am Mageneingang. Ein schwerer Schlag für die junge Mutter. Bisher war es eine ganz normale Schwangerschaft gewesen. Das Kind bewegte sich, die Mutter glaubte, dass alles in bester Ordnung sei. Und dann so eine Diagnose.

Wenke Kunath erinnert sich an ein hartes Jahr: "Es war ein schrecklicher Moment und die Ärzte haben mir den Befund nicht gerade sensibel übermittelt", sagt sie und schaut zu ihrer Tochter Merle hinüber. Friedlich sitzt das Kind auf dem Boden eines alten Gutshauses in Wilsen vor den Toren Rostocks. Die Eineinhalbjährige blättert in einem Bilderbuch, schiebt sich alle paar Minuten ein Stück Apfel in den Mund. Merle ist ein glückliches Kind, sie lacht und quäkt vor sich hin. Wer es nicht weiß, der ahnt kaum, dass das Kind in seinem erst kurzen Leben schon so manche Operation hinter sich hat. Das Leben begann für Merle unruhig, mit besorgten Eltern, Krankenhausbetten und Operationen. Auch das Leben ihrer Mutter stand plötzlich Kopf. "Es hat sich alles verändert und ich musste viele meiner Pläne ändern", sagt die Mutter. Denn in Rostock konnte das Kind nicht behandelt werden. Monatelang musste sie deshalb im Deutschen Herzzentrum in Berlin wohnen. Das Krankenhaus wurde beinahe zum neuen Zuhause.

Erst operierten die Ärzte das Kind provisorisch am Herzen, später noch einmal intensiv. Auch die Speiseröhre des Kindes mussten die Ärzte operieren, fügten die beiden Enden zusammen und schlossen so das Loch.

Merle lacht. Sie blättert in einem Bilderbuch. "Jetzt esse ich", steht auf dem Buchdeckel. Essen, das war für das Kind mit der defekten Speiseröhre lange ein Problem. Merle musste monatelang mit einer Sonde ernährt werden. Heute sieht man dem kleinen Mädchen die Essprobleme nicht mehr an. Im Gegenteil: Das Mädchen hat dicke rote Bäckchen. "Wir wussten kaum, wie wir sie groß bekommen sollten", sagt Krankenschwester Petra Schmedemann von "Pro-Fil". Sie übernahm die Nachsorge trotz der großen Distanz zwischen Schwerin und Wilsen. "Das ist eine lange Strecke, aber es gab keine Alternative und deshalb haben wir das übernommen", erinnert sich die Krankenschwester.

Obwohl nur ihre linke Herzkammer richtig funktioniert, kann Merle sich ganz normal entwickeln. "Natürlich wird sie nie eine Leistungssportlerin, aber die Ärzte glauben, dass keine großen Schäden bleiben werden", sagt Kunath und lacht erleichtert. Die Schweriner Kindernachsorge-Initiative "Pro-Fil" hat dabei sehr geholfen. "Die Nachsorge war so gut und hilfreich, dass ich sogar eine Verlängerung beantragt habe", sagt die Mutter.

Langsam bewegt sich das Leben wieder in den gewohnten Bahnen. Kunath ist im vierten Semester des Studiengangs Ökologisch-soziale Lebensmittelerzeugung an der Universität für Bodenkultur in Wien. "Den Rest des Studiums mache ich größtenteils von zu Hause aus", sagt die gebürtige Sächsin.

Nachhaltigkeit ist der jungen Frau ganz besonders wichtig. Sie lebt alternativ, trägt eine Cordhose und Strickkleidung, legt Wert auf ökologische Lebensmittel. "Stoppt Atomanlagen weltweit", steht auf einem Plakat im Flur der Wohngemeinschaft im Wilsener Gutshaus. Auch das "Ronald McDonalds-Kinderhaus" in Berlin half der kleinen Familie in der schwersten Zeit ihres Lebens. Ausgerechnet die Kinderhilfe einer Fastfood-Kette. "Das waren unheimliche nette Menschen dort", erinnert sich Kunath. Wenn es um kranke Kinder geht, dann verschwinden sie plötzlich, die ideologischen Mauern auf beiden Seiten. Merle ist es egal, wo sie gesund geworden ist. Sie wollte einfach nur lachen. Und genau das tut sie jetzt.

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erstellt am 15.Dez.2011 | 03:11 Uhr

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