Hermann Kant wird 90 : Meistererzähler und Funktionär

<p>Hermann Kant  lebt heute zurückgezogen bei Neustrelitz.</p>
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Hermann Kant  lebt heute zurückgezogen bei Neustrelitz.

Hermann Kant gehörte zu den wichtigsten Autoren in der DDR, seine Tätigkeit im Schriftstellerverband ist umstritten – heute wird er 90

svz.de von
14. Juni 2016, 07:45 Uhr

Er war ein einflussreicher Funktionär in der DDR-Kulturszene, inzwischen ist es aber sehr ruhig um Hermann Kant geworden. Der Schriftsteller und langjährige Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes ist gesundheitlich angeschlagen und in ein Haus für betreutes Wohnen nach Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern umgezogen. „Er will keine Fremden mehr sehen“, erklärt Dagmar Wendorff aus dem Nachbarort Userin, eine seiner Vertrauten. Nur heute Abend wird es vielleicht noch einmal anders: Kant wird 90 Jahre alt, und der Berliner Aufbau Verlag sowie das Landestheater Neustrelitz haben unter dem Motto „Aufenthalte“ zu einem „Abend für Hermann Kant“ geladen. Mit dabei sind Filmregisseur und Autor Wolfgang Kohlhaase, Gunnar Cynybulk als Leiter des Aufbau Verlages und Joachim Kümmritz, Theater-Intendant in Schwerin und Neustrelitz. Kants Weggefährten hoffen, dass der Jubilar auch anwesend sein wird.

Der Autor gilt Zeit seines Lebens als „kantig“ und spaltet die Literaturszene. Seine Romane „Die Aula“, der wegen des Sprachwitzes selbst im Westen teils zur Schullektüre zählte, „Das Impressum“ und „Der Aufenthalt“ erzielten in der DDR Millionenauflagen. Große Anerkennung erhielt auch der 1983 vorgestellte DEFA-Film „Der Aufenthalt“ von Frank Beyer nach dem autobiografischen Roman Kants.

Er reflektiert die Erfahrungen eines 18-Jährigen, der – ähnlich wie der Autor –   in den letzten Kriegsmonaten eingezogen wird und schon nach einigen Wochen in polnische Kriegsgefangenschaft gerät. Dort wird er beschuldigt, eine Polin erschossen zu haben. Kant schildert nuanciert das Umdenken des jungen Mannes, der zwar unschuldig an diesem Verbrechen ist, sich aber in einem bitteren Erkenntnisprozess seine Mitschuld am Verbrechen Krieg eingestehen muss. „Das Erlebnis dieses furchtbaren Krieges hat den Autor geprägt“, sagt Andrea Doberenz vom Aufbau Verlag.

Kaum jemand habe den Apparat, den sich die DDR-Gesellschaft aufgebaut hat, so kompetent beschrieben wie Kant und auch so ironisch, schätzte der Verlag seinen Autor in der Vergangenheit ein. Kritiker sehen den „literarischen Aktivisten“ von damals aber als verlängerten Arm des SED-Systems. Kant müsse sich vorwerfen lassen, mitverantwortlich dafür zu sein, wie in der DDR mit bestimmten Autoren umgegangen wurde, die nicht „spuren“ wollten. Ihm wird angelastet, Kritik an der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 abgewiesen zu haben. Zudem soll er für den Rauswurf von Stefan Heym und acht Kollegen 1979 aus dem Schriftstellerverband verantwortlich sein.

Der Lüneburger Literaturwissenschaftler Hans-Wolfgang Lesch meint, dass man bei Kant zwischen Autor und Funktionär deutlich unterscheiden müsse. „Kant ist – bei allen Vorbehalten – einer der wichtigsten Autoren der DDR-Zeit.“

Lesch gehört zum Vorstand der Brigitte-Reimann-Literaturgesellschaft und nennt den Jubilar „einen Meister in der Formulierung“. Und auch bei der Bewertung seiner Verbandstätigkeit gebe es Autoren wie Werner Heiduczek, die erklärten, dass Kant vielen Schriftstellern auch geholfen habe.

Kant selbst hat immer betont, er habe an einem „neuen, besseren Deutschland ehrlichen Herzens mitbauen wollen“. Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sagte er vor Kurzem am Telefon: „Sehen Sie mal, ich muss noch einmal betonen, obwohl Ihnen das sicher nicht unbekannt ist, ich war ein überzeugter Erbauer der DDR,  ich wollte die. Ich wollte sie zwar nicht so, wie sie dann geworden ist, aber ich wollte einen Sieg. Das alte Deutschland wollte ich nicht mehr.“ Anlässlich der Feierlichkeiten zum 25. Jahr der deutschen Wiedervereinigung 2015 hatte Kant erklärt: „Von mir aus hätte die deutsche Einheit unterbleiben können. Ich habe immer geglaubt, dass wenn Deutschland eins ist,  es dann sozialistisch ist und dann geh ich wieder zurück nach Hamburg.“ Das sei jetzt „der schiere Kapitalismus geworden“. Kant ist gebürtiger Hamburger, seine Eltern gingen mit ihm 1940 nach Parchim in Mecklenburg.

Wie sich die Bücher von Kant heute verkaufen, dazu gibt der Verlag, wie in der Branche üblich, keine genaue Zahlen heraus. „,Die Aula‘ ist ein ,Long-Seller‘“, sagt Doberenz. Seine anderen Bücher gehören zum Verlagsprogramm und sind auch zum Teil als e-book erhältlich.

Mitte der 1990er-Jahre hatte sich Kant in sein Haus in Prälank bei Neustrelitz zurückgezogen. Er sei  etwas verbittert, dass sich später außer dem privaten Umfeld niemand mehr um ihn gekümmert habe, schildern Weggefährten. Mit Günter Grass habe er sich noch ausgesprochen, mit der 2011 gestorbenen Christa Wolf leider nicht mehr. Wegen  gesundheitlicher Probleme ließ Kant sich Anfang 2016  ins betreute Wohnen bringen, wo es ihm derzeit wieder etwas besser gehe.

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