Meine Niere für Dich

<strong>Für die Transplantation vorgesehen:</strong> Bei einer OP wird einem Spender eine Niere entnommen. <foto>dpa</foto>
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Für die Transplantation vorgesehen: Bei einer OP wird einem Spender eine Niere entnommen. dpa

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19. März 2013, 09:57 Uhr

Rostock/Stralsund | Außenstehende würden es wohl den größten Liebesbeweis überhaupt nennen. Caren Schig nennt das, was sie getan hat, dagegen eine Selbstverständlichkeit. Seit vier Wochen lebt sie nur noch mit einer Niere, die zweite, ihre frühere linke, arbeitet jetzt im Körper ihres Mannes Jörg.

"Ich wollte einfach nur unser normales Leben wiederhaben", erklärt die 43-Jährige, warum sie sich dazu entschlossen hat, ihrem Mann eine Niere zu spenden. Seit er auf die Dialyse angewiesen sei, gäbe es faktisch kein Familienleben mehr: "An drei Tagen in der Woche ist mein Mann nach dem Dienst zur Dialyse gefahren. Wenn er dann abends gegen halb zehn nach Hause gebracht wurde, war er völlig hinüber und wollte nur noch ins Bett", erzählt die Stralsunderin.

Krankheitsverlauf ließ Zeit zur Vorbereitung

Vor zweieinhalb Jahren hätte ihr Mann aus heiterem Himmel zum ersten Mal massive Probleme mit den Nieren gehabt. "Eine Zeitlang ging es noch ohne Dialyse, aber wir wussten, dass diese Zeit begrenzt sein würde", so Caren Schig. Im Februar vergangenen Jahres war es dann so weit, die Nieren des heute 46-Jährigen stellten ihre Arbeit weitgehend ein.

"Der Nephrologe meines Mannes zu Hause in Stralsund hatte uns schon früh reinen Wein eingeschenkt, wir konnten uns also rechtzeitig gedanklich darauf vorbereiten, dass mein Mann an die Dialyse musste." Damit war auch klar, dass der Polizist sein Leben lang auf die Maschine angewiesen sein würde, wenn er sich nicht zu einer Transplantation entschließen würde.

"Für mich stand sofort fest, dass ich spenden wollte", erzählt die Ehefrau, die im Finanzamt arbeitet. Als sie sah, wie sehr die Dialyse ihrem eigentlich kräftigen Mann körperlich zusetzte, meldete sie sich zu den erforderlichen Voruntersuchungen an. Das war im Mai vergangenen Jahres. "Von Kopf bis Fuß" sei sie durchgecheckt worden, musste selbst zum Augen-, Haut- und Hals-Nasen-Ohren-Arzt, erzählt Caren Schig. "Wenn irgendetwas Größeres gewesen wäre, wäre es nicht gegangen. Schon Bluthochdruck oder eine Hautkrankheit hätten ausgereicht, und ich wäre nicht als Spenderin in Frage gekommen. Aber ich bin kerngesund."

Als das feststand und auch bei Jörg Schig alle Voruntersuchungen positiv ausfielen, setzte sich das Ehepaar mit dem Rostocker Transplantationszentrum in Verbindung. "Wir hätten auch nach Hamburg oder Berlin gehen können, aber dort wären die Kliniken viel größer und anonymer gewesen und man hätte vorher nicht mal gewusst, von welchem Team man operiert wird", erklärt Caren Schig ihre Entscheidung für die Hansestadt. Schon bei den ersten Gesprächen in Rostock hätten sie das Gefühl gehabt, sehr gut, ja geradezu persönlich aufgenommen zu werden.

Wieder wurden beide gründlich untersucht. Vor der Ärztekammer mussten sie glaubhaft machen, dass wirklich keinerlei materielles Interesse hinter der Lebendspende steckte. "Es waren sehr, sehr persönliche Fragen", erinnert sich Caren Schig. "Aber wir hatten ja auch nichts zu verbergen." Deshalb gab auch die Kammer grünes Licht für die Transplantation.

Komplikationen, die niemand vorhersah

Sie hätte theoretisch noch vor Weihnachten über die Bühne gehen können, aber das wollte das Paar, das seit 24 Jahren verheiratet ist, denn doch nicht. "Auch wenn unsere Kinder inzwischen 19 und 23 sind, Kinder bleiben Kinder, und Weihnachten ist Weihnachten", meint Caren Schig. Einen Termin im Januar mussten sie absagen, weil ihr Mann sich erkältet hatte. Doch beim nächsten Anlauf klappte alles. Der 19. Februar sollte den Beginn eines neuen Lebensabschnitts markieren.

Am Vortag wirken beide aufgeräumt - und überhaupt nicht aufgeregt. Der Tagesablauf ist durchgeplant, alles x-mal besprochen. "Meine Frau wird eine Stunde vor mir in den OP geholt, da werde ich dann sicher hier im Zimmer liegen und grübeln", ist Jörg Schigs einzige Sorge.

Ganz zu Unrecht. Denn das letzte Blutbild am Morgen unmittelbar vor der großen Operation weist auf eine ungewöhnlich hohe Kaliumkonzentration im Blut hin. "Das war der Stress", sagt Jörg Schig im Nachhinein. Er muss noch einmal dialysiert werden, die Operation wird verschoben. Und dauert schließlich sieben Stunden, doppelt so lange wie geplant, weil die Blutgefäße an der Niere der zierlichen Frau zu dünn sind, um mit den dickeren ihres Mannes verbunden zu werden. Ein Gefäßchirurg muss hinzugezogen werden, er findet eine Lösung.

Caren Schig hat an diesen Tag nur bruchstückhafte Erinnerungen. An den Aufwachraum. An eine Ärztin, die ihr dort erklärte, es habe bei ihrem Mann Komplikationen gegeben. Daran, dass sie im gemeinsamen Zimmer auf der Urologischen Station aufwachte und das andere Bett immer noch leer war. Daran, dass spät eine Schwester zu ihr kam um auszurichten, ihr Mann habe von der Intensivstation aus anrufen lassen, um zu fragen, ob es ihr gut geht.

Nach sechs Tagen: Die neue Niere arbeitet

Schon am nächsten Morgen kann Jörg Schig die Intensivstation wieder verlassen. Nun heißt es trinken, trinken, trinken - Caren Schigs Niere soll im Körper ihres Mannes immer etwas zu tun haben. Was er ausscheidet, wird akribisch gemessen und untersucht. Nach sechs Tagen endlich ist bei den ersten Werten eine spürbare Besserung zu erkennen. Die neue Niere arbeitet!

Caren Schig freut sich für und mit ihrem Mann - still. "Lachen tut einfach noch zu weh. Und husten auch", sagt sie. Denn ihre Narbe, die sich vom Rücken bogenförmig nach vorne schwingt, schmerzt noch sehr - viel mehr als die ihres Mannes am Unterbauch. "Das ist das übliche Verfahren, meine alten Nieren sind dringeblieben", erklärt er - und geht auf den Flur, um seiner Frau einen Kaffee zu holen.

Nach einer guten Woche hat sich Caren Schig so weit erholt, dass sie nach Hause darf. Ihr Mann muss weitere zwei Wochen in Rostock bleiben, bevor auch er entlassen werden kann. Anschließend fahren beide zur Reha - und dann wollen sie so normal wie möglich weiterleben. "Wieder reisen", sagt Caren Schig, "auch wenn nicht mehr alle Ziele in Frage kommen, weil wir uns vor Infektionen schützen müssen". Andere Einschränkungen gebe es kaum - "wir wollen ja keine Rekorde mehr brechen", meint Caren Schig.

Ist ihr Mann ihr jetzt ewig dankbar? "Wir führen eine ganz normale Ehe", sagt Jörg Schig schlicht. "Da tut man für den anderen einfach das, was nötig ist." Wäre es andersrum gekommen, hätte er auch nicht gezögert, seiner Frau eine Niere zu spenden. Als allerdings kurzzeitig auch die beiden Kinder anboten, sich testen zu lassen, ob sie als Spender in Frage kommen, hätten beide Eltern sofort abgelehnt: "Sie haben doch noch das ganze Leben vor sich, da sollten sie sich durch sowas nicht belasten."

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