Tabu-Thema Häusliche Gewalt : Mein Mann, das Monster

„Jedes einzelne Wort berührt mich“. Nicole fühlt mit den Frauen, die an dem Buch   „Un-sichtbar – Leben in Sicherheit“ mitgewirkt haben.
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„Jedes einzelne Wort berührt mich“. Nicole fühlt mit den Frauen, die an dem Buch „Un-sichtbar – Leben in Sicherheit“ mitgewirkt haben.

Sie wurde geschlagen und beleidigt: Nicole ist ein Opfer häuslicher Übergriffe. Im Kontext der Anti-Gewalt-Woche erzählt sie ihre Geschichte

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25. November 2015, 12:00 Uhr

„Schlampe war sein Lieblingswort. Das hat er immer und überall gesagt, auch in der Öffentlichkeit. Er fragte mich: ,Bist du eine Schlampe?’ Und dann hat er mich angespuckt.“ Nicole ist 36 Jahre alt. Mit 27 verliebte sie sich unsterblich in einen Mann. Sie lernte ihn im Urlaub kennen, war von seiner charmanten, liebevollen Art ganz begeistert. „2006 haben wir geheiratet. Das ging alles sehr schnell“, sagt Nicole heute. Er verließ seine tunesische Heimat, zog bei der jungen Frau ein – und entpuppte sich als Monster. „Er hat mich angeschrien, mich geschlagen, mich erniedrigt. Und ich habe mir die Schuld dafür gegeben.“

Ein typisches Verhalten von Frauen, die häusliche Gewalt erleben, weiß Liane Dommer, Leiterin des Schweriner Frauenhauses: „Die Frauen suchen bei sich nach Fehlern. Bis sie irgendwann merken, dass sie nicht der Fehler sind. Dass ihre Männer auch gewalttätig sind, wenn das Mittagessen pünktlich auf dem Tisch steht oder wenn die Wohnung besonders aufgeräumt ist.“

„Er war unberechenbar, Regeln waren ihm egal“

Nicole hat die Gewalt ausgehalten – drei volle Jahre lang. „Ich glaube keiner Frau, die sofort geht, wenn ihr Mann sie einmal schlägt“, sagt sie. „Ich bin schwanger geworden. 2007 kam unser gemeinsamer Sohn zur Welt - und ich bin geblieben.“ Immer wieder nahm Nicole Beratungsangebote für Frauen an, die in häuslicher Gewalt leben. Mehrfach rief sie die Polizei, wenn die Übergriffe ihres Mannes zu heftig wurden. „Die Polizisten haben ihn dann meist für mehrere Tage der Wohnung verwiesen. Aber er war unberechenbar, Regeln waren ihm egal. “ Der Gewaltspirale zu entfliehen, glich einer Unmöglichkeit. „Ich hatte nie den familiären Rückhalt, den man sich in diesen Situationen wahrscheinlich wünscht. Ich war auf mich allein gestellt.“

Auch während der Angriffe im Freien ist nie jemand dazwischen gegangen – bis auf ein einziges Mal. „Wir waren einkaufen und der Verkäufer schmiss meinen Mann aus dem Geschäft. Die Rechnung dafür habe ich später bekommen.“

Vor sechs Jahren befreite sich Nicole aus dem Elend: An einem Maitag schnappte sie sich ihren Sohn und floh aus ihrem eigenen Zuhause. „Mein Mann hat mich an diesem Tag nicht geschlagen. Bedrohlich war etwas anderes: Er sagte mir, dass er niemals gehen würde. Das hat mir furchtbare Angst gemacht. Also bin ich gegangen.“ Zu diesem Zeitpunkt lebte Nicole noch in Hamburg. Ihre Anlaufstelle war das Frauenhaus im Stadtteil Wedel. „Es hat eine Woche gedauert, bis er uns dort gefunden hat. An einem Freitagvormittag sagte man mir, er hätte angerufen. Freitagnachmittag saß ich im Zug nach Schwerin.“

Liane Dommer holte Nicole vom Bahnhof ab, gab ihr ein Zimmer im Schweriner Frauenhaus. Dort wohnte sie fast zwei Monate, bevor sie eine eigene Wohnung fand. „Ich habe beschlossen, nie wieder in mein altes Leben zurückzukehren“, betont Nicole. Doch das alte Leben wollte sich noch nicht verabschieden. „Ich fasste den Entschluss, mich scheiden lassen und das alleinige Sorgerecht für den Kleinen zu beantragen“, erzählt Nicole. Was folgte, waren zahlreiche Gerichtstermine. „Und mein Mann wusste wieder, wo ich mich aufhielt.“ Er zog nach Schwerin, suchte sich ganz in der Nähe von Nicole eine Wohnung. Der Feind war zurückgekehrt – und dieser wollte seinen Besitz geltend machen. „Pfingsten 2012 passte er mich ab, beleidigte mich, zog mir an den Haaren. ,Du bist immer noch meine Frau’ schrie er.“ Nicole rief die Polizei, auch die Rechtsmedizin kam. Letztere dokumentiert bei gewalttätigen Übergriffen alle Verletzungen – so auch in Nicoles Fall. Kommt es zu einer Gerichtsverhandlung, können die Dokumente als Beweise hinzugezogen werden. „Vor Gericht hätte es damals geholfen, wenn er mich schon zu Hamburg-Zeiten grün und blau geschlagen hätte. Der Vorfall zu Pfingsten hat letzten Endes den Scheidungsprozess beschleunigt“, glaubt Nicole.

„Ich bin viele Jahre Achterbahn gefahren“

Mittlerweile wohnt ihr Ex-Mann in Niedersachsen, mit einer neuen Frau. Er ist wieder Vater geworden. Und auch wieder gewalttätig. „Zu wissen, wo er ist und was er tut, ist eine Überlebensstrategie, dann habe ich die Situation besser im Griff.“ Der Streit um das Sorgerecht ist noch immer nicht ganz vom Tisch. „Mein Ex-Mann hat den Kleinen nie angefasst, aber er hat sich auch nie gekümmert.“

Trotz des ausstehenden Kampfes um ihren Sohn ist Nicole zufrieden: „Ich bin viele Jahre Achterbahn gefahren. Aber im Moment bin ich glücklich. Ich habe seit diesem Jahr einen festen Job und kann gut für mich und mein Kind sorgen.“ Dass sie so offen über das Erlebte sprechen kann, hat lange gedauert. „Ich habe Jahre gebraucht, um das Geschehene zu verarbeiten. Aber mir ist eben auch bewusst geworden: das ist meine Geschichte.“

Während der Zeit im Schweriner Frauenhaus hat Nicole Frauen getroffen, die ein ähnliches Schicksal durchlaufen haben wie sie. Eine Handvoll von ihnen hat ihre Erfahrungen in einem Buch zusammengefasst – in Form von Gedichten oder kleineren Erzählungen. Im Kontext der Anti-Gewalt-Woche, die noch bis Freitag in ganz MV läuft, wird das Buch mit dem Titel „Un-sichtbar – Leben in Sicherheit“ heute um 14 Uhr in der Awo-Beratungsstelle FiZ (Frauen im Zentrum) vorgestellt. „Das Projekt hat den Frauen geholfen, das Erlebte noch einmal auf einem anderen Weg zu verarbeiten“, weiß Liane Dommer. Seit elf Jahren hilft sie Gewaltopfern – durch persönliche Gespräche, durch Zuhören. Dommer gibt den Frauen das Gefühl verstanden zu werden. „Natürlich würden wir uns wünschen, dass niemand mehr zu uns ins Frauenhaus kommen müsste, weil es keine Gewalt mehr gibt“, so Dommer. „Wir wissen jedoch, dass es nicht so ist und sind froh über jede Frau, die aus der häuslichen Gewalt ausbricht und sich traut zu uns zu kommen.“ In Mecklenburg-Vorpormmern gibt es insgesamt neun Frauenhäuser. Im vergangenen Jahr haben dort 3900 Frauen Schutz gefunden. Ein Großteil von ihnen kommt mit Kind. „Wir kämpfen seit Jahren gemeinsam für Fachpersonal, das sich um die Kinder kümmert, damit die Frauen Zeit haben, auch mal Luft zu holen. Bisher gibt es eine solche Mitarbeiterin nur in Rostock“, sagt Dommer, der gleichzeitig noch ein zweites Anliegen auf dem Herzen liegt: „Die Frauenhäuser im Land sind nicht barrierefrei. Anfragen von Rollstuhlfahrerinnen müssen wir ablehnen, weil wir ihnen nicht die Rahmenbedingungen bieten können, die sie brauchen. Wenn sie Hilfe suchen, müssen sie auf andere Bundesländer ausweichen.“

Nicole weiß, wie wichtig es ist, dass es genug Frauenhäuser gibt. „Ich war vor sechs Jahren froh, dass ich mir aussuchen konnte, wo ich hingehe. Es war schwer genug, überhaupt zu gehen.“

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