Mein Feind, der Nachbar

von
16. Juni 2010, 09:47 Uhr

Grevesmühlen | Dass der Frömmste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt - das war schon Schiller klar. Das Rentnerehepaar Kleine* aus einem Dorf im Nordwesten Mecklenburgs scheint das auch zu wissen. Die Zwei fühlen sich offenbar gestört von vielen Nachbarn in der Gemeinde, in die sie vor Jahren gezogen sind. Denn - so sagte gestern ein Zeuge im Amtsgericht Grevesmühlen - es gebe aus unterschiedlichsten Gründen stapelweise Anzeigen der beiden gegen eine Vielzahl von Einwohnern.

Diesmal sitzen sie selbst auf der Anklagebank. Sie sollen den Besitzer des Nachbargrundstücks beleidigt haben. Den "Stinkefinger" soll ihm die 71-Jährige gezeigt und ihn unter anderem als Lügner beschimpft haben. Ihr 77-jähriger Ehegatte soll dem Mann gar mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. "Ich weiß gar nicht, wie das geht mit dem Stinkefinger", sagt die Angeklagte. Und ihr Mann kehrt die Sache um: Der Zeuge habe erst seine Frau angegriffen und dann ihm einen Schlag versetzt.

Nun trägt es sich zu, dass sich jener Zeuge, der zwei Häuser in dem Ort vermietet, gut mit den Gesetzen auskennt. Er ist Rechtsanwalt. Der 50-Jährige bringt zwei dicke Aktenordner mit und erzählt ausführlich: Regelmäßig würden seine Mieter von den Kleines belästigt. Am Tattag im Dezember 2009 habe er einen Anruf von der jungen Frau erhalten, die zuletzt neben den Rentnern wohnte. Sie habe es nicht mehr ausgehalten und entnervt das Mietverhältnis gekündigt. Regelrecht verfolgt habe sie sich gefühlt. Bis dahin, das die alten Leute des Nachts Töpfe gegen ihre Wand geschlagen hätten. Er sei mit seiner Frau ins Dorf gefahren, um die Rentner zur Rede zu stellen. "Ich halte alle Vorfälle sofort auf dem Diktiergerät fest", sagt der Jurist. Doch auch der angeklagte Rentner macht sich Notizen. Er kann heute noch anführen, wann die junge Nachbarin angeblich selbst laut war, ihr Hund bellte oder die Katze frei herum lief. "Die legen sich mit allen an", sagt ein junger Zeuge, der auch einmal von den Rentnern angezeigt aber freigesprochen wurde.

Irgendwann hält es die Angeklagte nicht mehr auf ihrem Sitz. "Immer sind wir schuld! Wir lassen uns das nicht gefallen", ruft sie. Ihr Verteidiger Andreas Roter, ein erfahrener Rechtsanwalt, hat Mühe, die Frau zu beruhigen. Viermal ist sie vorbestraft - unter anderem wegen Hausfriedensbruchs und Körperverletzung. "Wie kommt es, dass sie sich mit niemandem im Dorf verstehen?", fragt Richter Hinrich Dimpker. Vielleicht wird die Frage Ende Juni geklärt. Dann wird der Prozess voraussichtlich zu Ende gehen. *Name geändert

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen