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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 21:42 Uhr

Mehr Senioren von Medikamenten abhängig

vom

svz.de von
erstellt am 05.Aug.2012 | 06:32 Uhr

Potsdam | Sucht ist nicht nur ein Problem der jüngeren Generation. Die Zahl der Senioren in Brandenburg, die abhängig von Pillen und Tropfen sind, nimmt zu. "Da ältere Menschen oft allein leben, fällt es seltener auf, wenn sie viele Medikamente nehmen", sagte die Sprecherin der Landesapothekerkammer, Astrid Markow. Hinzu komme, dass mehrere Fachärzte Medikamente verschrieben, ohne zu wissen, was ihre betagten Patienten bereits einnehmen. "Da kann es schnell zu Überdosierungen und Wechselwirkungen kommen", erklärte Markow.

Der Chefarzt des Zentrums für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann, Christian Kieser, bestätigte die Gefahren, die die Sucht nach Medikamenten im Alter mit sich bringt. "Die Nebenwirkungen sind in der Regel deutlich ausgeprägter als in jüngeren Jahren". Kieser und seine Kollegen behandeln auch Rentner, die von ihren Pillen nicht mehr loskommen. Erst kürzlich wurde eine 75-Jährige aufgenommen, die seit 20 Jahren Schlafmittel einnimmt. "In den vergangenen zwei Jahren musste sie immer größere Mengen nehmen, um schlafen zu können", erzählte der Mediziner. Nun ist sie in stationärer Behandlung, innerhalb mehrerer Wochen wird das Schlafmittel reduziert, dann folgt eine Nachbehandlung. "Das Risiko rückfällig zu werden, bleibt aber immer."

Frauen über 60 Jahre sind besonders gefährdet, betonte Markow. Neben Melissengeist, der viel Alkohol enthält, nehmen sie oft Beruhigungs- und Schlafmittel. Die würden meist verordnet, wenn der Partner stirbt. "Die Effekte sind für diese eine heikle Zeit erwünscht, aber die Frauen fühlen sich immer wohler damit, weil sie dann mit vielen Problemen leichter umgehen können".

Mitunter wird auch bei Medizinern das Thema zu wenig beachtet. So gebe es die "Priscus-Liste", die rund 80 Medikamente aufführt, die für über 65-Jährige potenziell ungeeignet sind. "Aber sie ist bei vielen Ärzten nicht verbreitet oder findet keine Anwendung", sagte Markow. Auf der Liste steht auch Diazepam, ein verschreibungspflichtiger Arzneistoff, der beim Einschlafen hilft, beruhigt - und schnell abhängig machen kann. "Manche Ärzte verordnen es kritiklos, in großen Stückzahlen und immer wieder". Es gebe auch Patienten, die sich das Mittel trickreich bei mehreren Ärzten verschreiben lassen und in verschiedenen Apotheken abholen.

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