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Streit um neue Ställe in MV : Mehr Schweine braucht das Land

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Überfüllte Hühnerställe auf Öko-Höfen, Klagen gegen übergroße Schweinemastanlagen in MV: In der Debatte um Tierhaltungsanlagen im Nordosten gehen die Bauern des Landes auf die Kritiker der Massentierhaltung zu.

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erstellt am 04.Apr.2013 | 08:05 Uhr

Krakow | Überfüllte Hühnerställe auf Öko-Höfen, Klagen gegen übergroße Schweinemastanlagen in MV: In der Debatte um Tierhaltungsanlagen im Nordosten gehen die Bauern des Landes auf die Kritiker der Massentierhaltung zu. Landwirte, Umweltverbände und betroffene Bürger in den Dörfern müssten zu einer sachlichen Diskussion über neue Tieranlagen im Land finden, forderte gestern der Präsident des Bauernverbandes Rainer Tietböhl beim Landesbauerntag in Linstow nahe Krakow im Landkreis Rostock.

Inzwischen werde Tierhaltung generell hinterfragt und zum Teil ganz offen abgelehnt. Dabei habe er den Eindruck dass es sich bei dem Protest gegen neue Tieranlagen angesichts der vielen Bürgerinitiativen um eine Art "Franchise-System handelt", bei dem Protestler durchs Land reisten. Verbraucher und Bauern sollten sich aber "von selbsternannten Gutmenschen nicht einreden lassen, dass nur eine nostalgische, rückwärtsgewandte Landwirtschaft tierartengerecht ist", meinte er.

Unabhängig von der Größe der Ställe pflegten die Landwirte vielmehr mit großem Engagement 365 Tage im Jahr einen verantwortungsvollen Umgang mit den Tieren. "Jeder neue Stall trägt dazu bei, dass es den Tieren und der Umwelt besser geht, aber auch den Mitarbeitern in den Ställen", warb er für weitere Investitionen. Allerdings müssten die Landwirte dabei stärker als bisher "die Leute vor Ort einbeziehen". Tietböhl: "Wenn es uns nicht gelingt, das Knäuel zu lösen sehe ich für die Tierproduktion schwarz."

Die Vorbehalte sind groß: Eine tierartgerechte Haltung mit ausreichend Platz, Tageslicht und Auslauf sei vielfach in Großanlagen nicht gegeben, hielt Stefan Schwill, Landeschef des Naturschutzbundes (Nabu) den Landwirten auf dem Bauerntag entgegen. Derartige Anlagen würden mit den dazugehörigen großen Futterflächen zur Verarmung der Agrarlandschaft beitragen und durch ihren Futterbedarf in der dritten Welt den Anbau von Nahrungsmitteln auf den Ackerflächen verdrängen. Selbst in den Dörfern blieben die Wirkung der Massenställe gering und sorgten kaum für Arbeit vor Ort. So würden beispielsweise in der Schweinehaltung lediglich 1,5 Arbeitskräfte für je 1000 Tiere gebraucht, kritisierte Schwill und forderte wie Kirchenrat Markus Wiechert von der Nordkirche eine Obergrenze in der Tierhaltung.

Noch bleibt Platz - mehr Schweine braucht das Land: Mit 40,7 sogenannten Großvieheinheiten je 100 Hektar gehöre MV nach Sachsen-Anhalt zur tierärmsten Region Deutschlands, erklärte Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Eine Großvieheinheit entspricht einer Kuh oder acht Mastschweinen. Mit 550 000 Rindern und 845 000 Schweinen steht in MV nur noch die Hälfte des Tierbestandes von vor 20 Jahren in den Ställen. "Wenn der Eindruck erweckt wird, Mecklenburg-Vorpommern ist mit Großanlagen übersät, ist das unwahr", so Backhaus.

Vielmehr biete MV Platz für 100 Großvieheinheit je 100 Hektar. Allerdings: Reine Industrieanlagen passten nicht nach MV. Vielmehr setze das Land auf "überschaubare Anlagen mit genügend Futterfläche, leistbaren Haltungsbedingungen", die für die Tierhalter auch umsetzbar seien und Ställe, die sich am Tierwohl orientierten und im bäuerlichen Besitz seien. Backhaus: "Jeder Stall, in den investiert wird, ist ein Stück mehr Tierwohl, Verbraucher- und Umweltschutz." Derzeit prüften die Behörden in MV Bauanträge für 70 neue Ställe nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz - Investitionen von insgesamt 100 Millionen Euro, Arbeit für rund 100 Beschäftigte. 43 davon sollen in der Nähe von Schutzgebieten errichtet werden. Backhaus kündigte scharfe Prüfungen mit gerichtsfesten Entscheidungen an. Künftig müsse beim Bau neuer Tierställe die Entscheidungskompetenz vor Ort gestärkt werden, forderte er: "Wir brauchen für neue Tieranlagen mehr Akzeptanz, sonst haben wir ein Problem." Dazu müsse das Vertrauen der Verbraucher in die Produkte wieder gestärkt werden. MV unterstütze deshalb eine Kennzeichnungspflicht der Haltungsform und Herkunft auf Lebensmittelverpackungen.

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