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Erweiterung des Milchguts : Mehr Kühe: „In Plau brodelt es"

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Die Genehmigung zur Erweiterung der Viehanlage wurde erteilt. „Das ist der schwärzeste Tag in der Geschichte Plaus als Luftkurort", kritisiert ein Plauer Bürger, der im Einzugsbereich der künftigen Großanlage wohnt.

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erstellt am 04.Jan.2012 | 06:53 Uhr

Plau am See | "Das ist der schwärzeste Tag in der Geschichte Plaus als Luftkurort", kritisiert Roland Suppra die Genehmigung zur Erweiterung der Viehanlage auf dem Milchgut Plau. Sie war am 21. Dezember 2011 vom Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU-WM, Schwerin) erteilt worden. "Ich bin fassungslos, enttäuscht und verärgert", fasst der Plauer Bürger seine Haltung zusammen. "Ich fühle mich stark betroffen." Suppra wohnt am Gerichtsberg im Einzugsbereich der künftigen Großanlage und sieht ähnliche Auswirkungen auf sich und seine Nachbarn zukommen wie durch die einst geplante Erweiterung der Schweinemast, die er aber durch eine Bürgerinitiative abwehren konnte. "Die Geruchsbelästigung durch die auf den nahen Feldern ausgebrachte Gülle wird enorm", sagt er voraus. Betroffenheit befürchtet er auch für die Bauherren, die "Im Köpken" schmucke Eigenheime direkt am Feldrand errichtet haben. Inzwischen sei viel Aufklärungsarbeit geleistet orden: "In Plau brodelt es."

Der ehemalige Tierarzt Dr. Jan Hillmann war aus der Umgebung Osnabrücks vor dem Gestank von großen Viehanlagen an den Luftkurort Plau am See geflüchtet und sieht sich nunmehr vom Regen in die Traufe geraten: "Derartige Anlagen sind große Luft- und Umweltverpester."

Marco Rexin von der Interessengemeinschaft "Plau lebt" betont, dass es nicht um einige wenige Bürger gehe, "sondern um die gesamte Region". Der Tourismus werde ebenso Einbußen erleiden wie die Plauer Kliniken, wenn sich herumspreche, dass es in Plau zum Himmel stinkt: "Dadurch sind viele Arbeitsplätze in Gefahr."

Der Plauer Neubürger Andreas Theodor Schön kennt sich als ehemaliger stellvertretender Landrat (Pritz walk) im Verwaltungsrecht aus. Seine große Sorge ist, dass die Genehmigung verfahrenstechnisch nicht sauber gelaufen sein könnte "und dass die Auswirkungen nur äußerst schwer rücknehmbar sind".

Unfassbar findet es Schön, dass sich die Stadt damit zufrieden gebe, dass die Genehmigungsbehörde eine Umweltverträglichkeitsprüfung als nicht notwendig erachtete. Das habe das StALU-WM damit begründet, dass mit keinen erheblichen oder gar schädlichen Umwelteinflüssen zu rechnen sei. Schön verweist dagegen auf die "Geruchsimmissionsrichtlinie Mecklenburg-Vorpommerns (GIRL M-V)", in der Mess- und Bewertungsverfahren beschrieben seien. Auch die Landschaftsvielfalt sei ein wichtiges Bewertungskriterium. "Monotone Maisfelder fallen sicher nicht darunter."

Was die vier Plauer in ihrer Empörung darüber hinaus eint ist, dass aus ihrer Sicht der Plauer Bürgermeister Norbert Reier und die Verwaltung versuchten, die Relevanz der Erweiterung möglichst niedrig anzusiedeln. Der Bauantrag vom 6. August 2010 sei dem Bauausschuss wie nebenbei vorgelegt worden, sodass dieser sich überfordert gesehen und eine Entscheidung vertagt habe. In der Sitzung der Stadtvertratung am 5. Oktober sei das Projekt lediglich als zusätzlicher Punkt nachträglich auf die Tagesordnung befördert und erst am 7. Dezember beraten worden. "Die Stellungnahme der Stadt zum Bauantrag ist äußerst dünn ausgefallen", kritisiert Schön den Mangel an Transparenz. Die Verwaltung habe sich die Gesetzeslage bereitwillig zueigen gemacht. Weil es sich um eine betriebliche Erweiterung und nicht um einen Neubau handelt, sei kein öffentliches Verfahren vorgeschrieben. Schön: "Wir hätten vom Bürgermeister aber erwartet, dass er sagt: Diese Erweiterung passt nicht zu Plau als Luftkurort !" Dieser Status der staatlichen Anerkennung sei künftig kaum aufrecht zu halten. Der Bürgermeister hätte deshalb alle verfügbaren Register gegen die Anlagenerweiterung ziehen müssen.

Die vier Plauer betonen, dass sie das Gespräch mit dem Investor suchen wollen und es ihnen keinesfalls darum gehe, "dass sich die Fronten verhärten".

Laut ihrem Flugblatt soll der Viehbestand von derzeit 1000 Milchkühen auf 2500 aufgestockt werden. Hinzukommen Färsen und Kälber. Jährlich fallen etwa dadurch 70 000 Kubikmeter Gülle und Gärreste an, was einen Transportaufwand von rund 2 300 Hin- und Rückfahrten mit entsprechend schwerer Technik und Geruchsbelastung zur Folge hat. Für die Zwischenlagerung der Gülle sind Teiche vorgesehen, deren Wälle begrünt werden sollen. Zur Futterversorgung muss auf etwa 900 Hektar Silomais angebaut werden. Dadurch wird auf den Feldern rund um das Land- und Milchgut eine Monokultur befürchtet.

Der Transport des geschätzten Ertrags von 36 000 Tonnen Mais erfordert 800 Hin- und Rückfahrten mit der entsprechenden Verkehrsbelastung und Geräuschkulisse durch Motorlärm.

Die Immissionsprognose für die Anlage weise Werte zum Wohngebiet Weidensoll und Entwicklungsgebiet von zwei bis drei Immissionstagen aus, wendet Bürgermeister Norbert Reier ein. Zulässig aber seien zehn Prozent Immissionstage. Erst also, wenn es mehr als 36 Tage am Stück stinke, seien die Richtwerte überschritten. Reier will zwar keine Lanze für die Massentierhaltung brechen, warnt aber vor vorschnellen Urteilen. Erst wenn die Gesamtzahl der Tiere da sei, könne die tatsächliche Geruchsbelästigung ermittelt werden. Noch aber gebe es keinen Grund, der Erweiterung allzu skeptisch gegenüber zu stehen. Von den Plauern erwartet Reier, dass sie sich bewusst machen, "dass die Landwirtschaft neben der Medizin und dem Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig der Stadt ist". Zudem sichere die Erweiterung Arbeitsplätze.

Für morgen, Freitag, 6. Januar, haben die Verfasser des Flugblatts gegen die Erweiterung der Milchviehhaltung im Plauer Parkhotel Klüschenberg um 19 Uhr eine öffentliche Informationsveranstaltung anberaumt.

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