Leben in MV : Mehr Bullerbü in unserem Leben

<strong>Leben auf dem Land: </strong>Sehnsucht nach einem  besseren Miteinander <foto>NLF</foto>
Leben auf dem Land: Sehnsucht nach einem besseren Miteinander NLF

In Grambow wollen Berufsoptimisten einen Dorfladen eröffnen. Das Ganze nennt sich „Dienstleistungen und ortsnahe Rundum-Versorgung“ (Dorv) und das ist ein Projekt von sechs Ideen, die ausgezeichnet wurden.

svz.de von
25. Januar 2013, 12:08 Uhr

Wie wird Strom produziert? Wo wohnen wir? Welcher Arbeit gehen wir nach? Erste Antworten auf diese Zukunftsfragen geben sechs Projekte aus Mecklenburg-Vorpommern, die heute von der Robert-Bosch-Stiftung ausgezeichnet werden. Die Stiftung möchte mit der Förderung in Höhe von jeweils 50 000 Euro das Miteinander in den "demographischen Problemzonen" verbessern.

"Mit unserem neuen Programm wollen wir engagierte Menschen unterstützen, die ihren Ort lebenswerter machen", hieß es in der Ausschreibung, der 700 Initiativen aus Ostdeutschland gefolgt waren.

Soziologen haben für die Stiftung eine Vorauswahl getroffen. "Dass sich viele von hier melden, hat mich nicht überrascht", sagt Andreas Willisch vom Thünen-Institut. Die Stifter hingegen schon. Hatte man bei der gemeinnützigen Einrichtung doch vorher geglaubt, dass in den so genannten demographischen Problemzonen niemand mehr Hoffnung habe. Dann bewarben sich hunderte Vereine, Gruppen und Einzelpersonen. "Das hat uns und unsere Auftraggeber schon umgeworfen", sagt Willisch. Er vertritt die Ansicht, dass die Hoffnung gerade dort keime, wo sie totgesagt werde. Einzigartig an dem Projekt "Neulandgewinner" sei, dass pure Ideen gefördert werden. "Wir wollten ganz persönliche Problembeschreibungen. Was für Sorgen haben die Leute in ihrem Dorf, in ihrer Region. Gute Ideen haben wir dann gezielt belohnt", so Willisch. Was ihn als Soziologen bei der Auswahl tief bewegt habe, sei die Tatsache, dass hinter den meisten privaten Vorstellungen und Zukunftswünschen direkt die Sehnsucht nach dem besseren Miteinander stecke. Man möchte nicht mehr nebeneinander sein, man möchte den Bullerbü-Charme zurück.

Insgesamt übergibt die Jury in Berlin heute eine Million Euro, hinzu kommt eine kompetente Weiterbegleitung der 20 ausgewählten Projekte.

Insel unter Strom
Eine Birne will dafür sorgen, dass den Menschen auf der Insel Usedom ein Licht aufgeht. Die BildungsInitiative RegeNerative Energien Birne tritt an, die Energieversorgung zu dezentralisieren. Das heißt: Die Menschen kümmern sich um ihren eigenen Strom. Wie das funktioniert, welche unterschiedlichen Wege ans Ziel führen und wo es Hilfe gibt – das können die Birne-Mitstreiter, die aus Prenzlau in der Uckermark stammen, den Insulanern verraten. Ihr Ziel dabei: In den kommenden zwei Jahren sollen auf der Insel mindestens sechs bürgergetragene Energieprojekte entstehen. Den Anfang werden nach Einschätzung der Vereinsfachleute Fotovoltaik-Anlagen auf Häusern machen. „Unser ausgesprochenes Ziel ist es, die Energiewende als Chance einer Demokratisierung der Energieversorgung zu nutzen“, erklärt Frank Haney. Aha!

Zukunft zusammen
Im Landkreis Ludwigslust-Parchim will ein Dorf enger zusammenrücken – das jedenfalls ist das Anliegen von Einwohnern in Siggelkow. Erster Schritt: Sie haben eine Initiativgruppe gegründet. Mitmachen dürfen, können und sollten alle, die Ideen haben. Zweiter Schritt: Der Austausch zu den drängendsten Problemen, zu Themen wie „Älter werden in Siggelkow“, „Infrastruktur“ sowie „Energieversorgung und natürliche Ressourcen“. Gefragt sind Ideen, Ideen zum Beispiel gegen hässliche, leere Wohnungen, für ein Zusammenleben der Generationen. Oder Ideen, um die Nachbarschaftshilfe zu intensivieren. Ein erstes Alarmsignal, dass sich in Siggelkow etwas tun muss, war das Ausbleiben von Firmennachwuchs, wie Angelika Lübcke schildert. Derzeit sind in der 900-Seelen-Gemeinde noch 50 Gewerbetreibende aktiv. „Das sollen auch nicht weniger werden.“

Die kleine Farm
Woher kommen Milch und Eier? Schwitzen Schafe unter ihrer dicken Wolle? Sind Ponys die Fohlen von großen Pferden? Antwort auf solche Fragen bietet der Verein „LandErlebnis“ in Diemitz (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte). Er wurde 2011 als gemeinnütziger Verein eingetragen und hat sich zur Aufgabe gemacht, „Menschen durch eigenes Erleben, Einblicke in landwirtschaftliche, ökologische und soziale Zusammenhänge der Landbewirtschaftung und der Nahrungsmittelproduktion zu gewähren“, wie es in der Satzung heißt. Der Zuschlag der Bosch-Stiftung über 50 000 Euro wird vor allem Kindern, Jugendlichen und Familien aus einkommensschwachen Gruppen zugutekommen. Sie sollen die Landwirtschaft kennenlernen. Das Projekt – anfangs hieß es „die kleine LPG“ – läuft seit zwei Jahren ehrenamtlich auf dem Hof von Renate Strohm. Vor allem Mädchen und Jungen aus Mirow können bei ihr Schafe, Pferde, Ponys, Schweine und Ziegen erleben.

Werkstatt des Lebens
Schenken und Tauschen gelten als beste Therapie gegen Kaufrausch und Geldnot. Im Dörfchen Ganzlin (Landkreis Ludwigslust-Parchim) soll darum ein Austausch-Haus geschaffen werden. Der Verein zur Förderung ökologisch-ökonomisch angemessener Lebensverhältnisse (FAL) will damit „eine Alternative zur Praxis der Wegwerfgesellschaft anbieten und den nachhaltigen Umgang mit vorhandenen Ressourcen in den Mittelpunkt rücken“. Zudem arbeitet die „Werkstatt des guten Lebens“ an Lösungen für zwei große Probleme der Region, die Abwanderung und die Arbeitslosigkeit: Zum einen geht es darum, bezahlbares Wohnen, insbesondere für junge Menschen, zu ermöglichen. Zum anderen sollen Manufakturen entstehen, die regionale Rohstoffe verarbeiten und veredeln. Zu guter Letzt will der Verein einen Diskurs in Gang bringen zu der Frage, was „das gute Leben“ überhaupt ausmacht. Ein Verein, drei Themen, 50 000 Euro Förderung.


Frauen und Früchte
In den richtigen Händen können seltene Früchte der Schönheit und dem Wohlbefinden dienen. Das wollen die Landfrauen in der Universitäts- und Hansestadt Greifswald beweisen. Bei ihrem Projekt soll der Obstbau gegen die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt helfen. Die Vereinsfrauen pflanzen Kornelkirschen, Apfelbeeren, Ebereschen und ähnlich seltene Gehölze und verarbeiten die Früchte zu Kosmetika und Nahrungsmitteln. „Dadurch sollen erstens Arbeitsplätze entstehen, und zweitens folgen wir dem Gedanken unserer Gründerin“, erklärt Angelika Westphal. Die Gutsfrau Elisabet Boehm hatte 1898 den ersten landwirtschaftlichen Hausfrauenverein gegründet, um zu zeigen, dass auch Bäuerinnen ihre Berechtigung haben. Nach Auskunft von Angelika Westphal zählt der Landfrauen-Verein in Greifswald momentan 101 Mitglieder.

Ein „Dorv“-Laden
Dem Dorf Grambow im Landkreis Nordwestmecklenburg fehlt die Mitte, schon seit Jahren. Aber nicht mehr lange – das haben sich ein paar Berufsoptimisten, wie sie sich selbst nennen, vorgenommen. Zusammengeschlossen zu einem Förderverein wollen sie einen Dorfladen eröffnen. Im Projektdeutsch heißt das: „Dienstleistungen und ortsnahe Rundum-Versorgung“, was aus dem Dorfladen den „Dorv“-Laden macht. Die Organisatoren finanzieren mit den 50 000 Euro der Bosch-Stiftung die Vorbereitung und die begleitenden Maßnahmen der Geschäftseröffnung. Das Startkapital kommt aus einem LAG-Fördertopf, „ist aber noch nicht bewilligt“, wie Paul-Wilhelm Todt erklärt. Und weil es nur selten Förderung ohne Gutachten gibt, hat sich der Verein bereits offiziell bestätigen lassen, dass der 700-Einwohner-Ort unterversorgt ist. 1994 schloss der Dorfladen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen